Schuh-Engel Wentorf

Das Schuhmacher-Handwerk ist seine „Beschäftigungstherapie“

Auf dem Gelände von Buhck am Südring mietet Werner Engel drei Container, die er liebevoll zum Schuhmacherladen umgebaut hat.

Auf dem Gelände von Buhck am Südring mietet Werner Engel drei Container, die er liebevoll zum Schuhmacherladen umgebaut hat.

Foto: Ann-Kathrin Schweers / BGZ

Werner Engel (80) denkt nicht ans Aufhören: Am Südring in Wentorf betreibt er seine kleine Schuhmacherei. Ein aussterbendes Handwerk?

Wentorf. Werner Engel freut sich, wenn er die Sohle von einem Lederschuh oder den Pfennigabsatz eines Damenpumps reparieren darf. Das macht Spaß, das fordert, das ist Handwerk. Schon als junger Mann begeisterte er sich für derartige Arbeiten. Das Schuhmacher-Handwerk hat er von seinem Vater Hermann Johannes Engel von der Pike auf gelernt. Heute ist Werner Engel selbst 80 Jahre alt. Und ans Aufhören denkt er nicht.

„Aber kleine Handwerkerbetriebe haben es nicht leicht, reine Schuhmachereien sind selten geworden“, bedauert er. Zwar hat er durch einen treuen Kundenstamm in der Region immer etwas zu tun, doch der Trend zum Wegwerfen statt Reparieren hält an. Ein Paar Schuhe ist ja schließlich schon für kleines Geld neu zu haben. „Schuhe, wie ich sie 1965 für meine Meisterprüfung per Hand gefertigt habe, die halten 30 Jahre. Drei Tage habe ich daran gearbeitet. Das Paar besteht aus Leder, ganz ohne Pappe oder Kunststoff“, sagt er. Wenn Sohle oder Absatz hinüber sind, werden sie in der Werkstatt erneuert.

„Die goldene Zeit für Schuhmacher“

„Die Nachkriegszeit war die goldene Zeit für Schuhmacher“, erinnert sich der Meister. Kistenweise Schuhe hätten die Menschen damals in den Laden seines Vaters gebracht. Heute rät Werner Engel jungen Leute nicht mehr dazu, Schuhmacher zu werden. Eine Zukunft hätten Orthopädie-Schuhmacher.

Für den „waschechten Wentorfer“ ist sein Handwerk heute eher „Beschäftigungstherapie“, wie er mit einem Lachen sagt. Er öffnet seinen kleinen Laden am Südring 38 wochentags für zwei Stunden (montags, dienstags, donnerstags und freitags von 16 bis 18 Uhr und mittwochs von 10 bis 12 Uhr). Dann dürfen die Kunden Sandalen, Stiefel und Gürtel zur Reparatur abgeben. „Zurzeit läuft es recht verhalten“, sagt er.

Bekannt und beliebt als „Schuh-Heiler“

Bei Kunden ist er als „Schuh-Heiler“ bekannt und beliebt. Immerhin ist er seit mehr als 55 Jahren im Dienst, bis 2014 noch an der Feldstraße. Seine Frau Elke hatte nebenan den Eckladen mit Hermes-Shop betrieben. Doch da das Gebäude in Wohnungen umgewandelt wurde, musste Werner Engel sich nach einem neuen Standort umsehen. Die Firma Buhck war die Rettung, sie stellte ihm nicht genutzte Container für eine kleine Miete zur Verfügung. Mittlerweile hat Engel es sich hier liebevoll eingerichtet.

„Ich mache weiter bis zum Umfallen“, sagt er. Hier folgt er auch der Anweisung seines Arztes, bloß nicht die Hände in den Schoß zu legen. Sein Handwerk halte eben jung. Genauso wie das jahrelange Ehrenamt als Feuerwehrmann in Wentorf und als Musiker im Musikzug. Ohne seine Elke wäre das nicht möglich gewesen, sagt Werner Engel. Sie stehe auch hinter dem schön gepflegten Grünstreifen neben „Schuh-Engel“ – „unser Erholungsgarten“, sagt er.

Ein Handwerk vor dem Aussterben?

Es ist eines der ältesten Gewerke, und durch den Trend zur Nachhaltigkeit habe es durchaus Potenzial, meint Obermeister Norbert Popp von der Schuhmacher-Innung Schleswig-Holstein. Doch die Zahlen sprechen für sich: Gerade einmal zwei Maßschuhmacher befinden sich in Schleswig-Holstein aktuell in Ausbildung, so Anja Schomakers von der Handwerkskammer. 78 Betriebe sind angemeldet, sieben davon in Stormarn. Ebenso wie Werner Engel sieht Popp eher eine Zukunft für Orthopädieschuhmacher. Im Land werden derzeit 30 ausgebildet. Für sie gilt weiterhin der Meisterzwang. Dass die „uralte Tradition des Schuhmachers verloren geht“, hänge damit zusammen, dass seit 2004 keine Meisterpflicht mehr für Betriebe besteht, es viele Quereinsteiger gebe, so Popp. Nur wenige Meister könnten ihr Handwerk weitergeben. „Aber Reparaturen sind ohnehin stark rückläufig.“