Erfahrungsbericht

Pflege: Der steinige Weg zu den Entlastungsbeträgen

Wenn die Pflegebedürftigen gut versorgt sind, können sich die betreuenden Angehörigen mal eine Auszeit nehmen: Dafür gibt es sogar Geld.

Wenn die Pflegebedürftigen gut versorgt sind, können sich die betreuenden Angehörigen mal eine Auszeit nehmen: Dafür gibt es sogar Geld.

Foto: AOK/hfr

Wentorf. Für niedrigschwellige Angebote im Alltag können Pflegebedürftige und ihre Angehörigen Geld erhalten. Doch der Weg dorthin ist steinig.

Wentorf.  Bis zu 125 Euro sollen Pflegebedürftige, die zu Hause wohnen, und ihre Angehörigen auf Antrag pro Monat von den Pflegekassen erhalten: Diese Entlastungsbeträge sollen laut Sozialgesetzbuch XI ausdrücklich auch haushaltsnahe Leistungen zur Unterstützung im Alltag umfassen – sowohl zur Entlastung der Pflegebedürftigen als auch der pflegenden Angehörigen. Dazu zählen auch Einkäufe, Begleitungen zum Arzt, zu Behörden oder auch zu Konzerten sowie Spaziergänge mit Ehrenamtlichen.

Doch wer diese niedrigschwelligen Pflegeleistungen anbieten will und Anträge stellt, hat es nicht leicht, wie der Wentorfer Walter Lindemann berichtet, der ehrenamtlich eine sehbehinderte Frau in Mölln betreut. „Die Frau wird von einer Nachbarin umsorgt und unterstützt, der sie ab und zu einen Obolus dafür gibt, dass sie für sie einkauft oder auch Fahrdienste für sie übernimmt. Aber meine Anträge auf Entlastungsbeträge wurden bereits zweimal abgelehnt.“

SoVD will Weg zur Entlastung vereinfachen

Die Krux sei seiner Ansicht, dass die Nachbarin zuvor eine mehrtägige Weiterbildung absolvieren müsste, bevor der Antrag anerkannt würde. „Zudem müsste sie für diese Qualifizierung ganz nach Lübeck fahren und sie wird kaum einmal angeboten“, berichtet Walter Lindemann und fragt sich: „Um einkaufen zu gehen? Das ist doch ein Irrsinn. Wer macht solche Gesetze?“

Christian Schultz, Refe­r­ent des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) in Kiel, bestätigt auf Nachfrage: „Bei den Entlastungsbeträgen gibt es in Schleswig-Holstein tatsächlich zwei Probleme.“ Einmal seien sie vielen gar nicht bekannt. Dabei könnten sogar Menschen mit Pflegegrad I diese Leistungen in Anspruch nehmen. Zweitens würden viele Privatleute durch die Voraussetzungen abgeschreckt. „In der Theorie ist die Idee zwar gut gedacht, aber unserer Ansicht nach ist das eine übertriebene Hürde“, sagt der Referent des SoVD. „Wir sind dafür, das zu vereinfachen.“

Unterstützer sollen vorbereitet sein

Er schlägt vor: „Vielleicht könnte man die Qualifizierung online anbieten oder sie die Ehrenamtlichen im Nachgang machen lassen, wenn diese vielleicht auch einen Bedarf sehen.“ Der Gedanke hinter der Praxis sei, dass Unterstützer geschult richtig reagieren könnten, etwa wenn ein an Demenz erkrankter Mensch einen unkontrollierten Gefühlsausbruch erleide.

Während das Gesetz vom Bund erlassen wurde, seien die Bedingungen indes Landessache, dazu zähle auch die fachspezifische Ausbildung, die der Betreuer durch verpflichtende jährliche Fortbildungen vorweisen müsse. Die Voraussetzungen wurden vom Sozialministerium in Kiel erlassen und vom Landtag beschlossen.

Hilfe vom Betreuungsverein

Der Seniorenbeirat sei mit dem Thema bisher noch nicht konfrontiert worden, sagt der Vorsitzende Klaus-Dieter Venzlaff. Hilfe bei Anträgen biete auch der Schwarzenbeker Betreuungsverein, der in Wentorf jeden zweiten Dienstag im Monat von 12 bis 13 Uhr ins Büro des Seniorenbeirats an der Teichstraße 1 einlade.

Das ist dochein Irrsinn.
Walter Lindemann,