Schicksalhafte Begegnung

Beim Adenauer-Empfang die Liebe seines Lebens getroffen

Als Bundeskanzler Konrad Adenauer 1958 in Wentorf zu den Flüchtlingen spricht, entdeckt Waldemar Gregorzewski in der Menschenmenge eine brünette Schönheit. Kurz darauf heiraten die beiden.

Als Bundeskanzler Konrad Adenauer 1958 in Wentorf zu den Flüchtlingen spricht, entdeckt Waldemar Gregorzewski in der Menschenmenge eine brünette Schönheit. Kurz darauf heiraten die beiden.

Foto: Privat

Wentorf. Waldemar Gregorzewski (82) hat das Wentorfer Flüchtlingslager großes Glück gebracht. Als Adenauer spricht, entdeckt er Sigrid.

Wentorf.  Wenn große Politik und privates Glück in einer Sekunde miteinander verschmelzen, ergeben sich magische Momente. Einen solchen hat Waldemar Gregorzewski 1958 erlebt. Just in dem Moment, als der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer im Wentorfer Flüchtlingslager hinter das Rednerpult trat, erblickte der damals 22-Jährige in der Menschenmenge die Liebe seines Lebens.

Sigrid und Waldemar Gregorzewski feiern in diesem Jahr Diamantene Hochzeit. Foto: Privat Privat


„Es war Liebe auf den ersten Blick“

Mit welchen Worten sich Adenauer an die Menschenmenge wendete, die sich extra für ihn fein gemacht hatte und dem Staatsmann gebannt lauschte – Waldemar Gregorzewski weiß es nicht mehr. Er hatte nur Augen für eine dunkelhaarige Schönheit inmitten der vielen Zuschauer. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt der heute 82-Jährige und gibt zu: „Eigentlich war ich nachmittags mit einem anderen jungen Mädchen verabredet. Ich bin einfach nicht hingegangen und habe mich mit Sigrid getroffen.“

Sein Mädchen zwischen 18.000 Menschen

Dass die beiden beim Besuch des Bundeskanzlers zueinander fanden, ist Glück und Zufall zugleich, vielleicht auch einfach Schicksal, lebten damals doch 18.000 Flüchtlinge in zwei Kasernen. Menschen aus Pommern, Schlesien, Ostpreußen und der damaligen DDR. Sie alle sahen in ihrer Heimat keine Zukunft mehr für sich.

Aus dem ehemaligen Ostpreußen geflohen

Waldemar Gregorzewski war mit seiner Mutter und zwei Brüdern aus dem ehemaligen Ostpreußen, dem heutigen Polen gekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die deutsche Familie – der Vater wurde vermisst – dort wieder Fuß zu fassen, flüchtete dann aber doch über Allenstein und Stettin bis ins Durchgangslager Friedland in Niedersachsen. Zwei Tage blieben sie dort, dann ging es weiter nach Wentorf.

Für den Historiker Christopher Spatz ist der Zeitzeuge Waldemar Gregorzewski ein Glücksfall. Der 36-Jährige beschäftigt sich seit Langem mit dem Grenzdurchgangslager Friedland und hat nun das Buch „Heimatlos. Friedland und die langen Schatten von Krieg und Vertreibung“ geschrieben. Die Fotos darin sind von Fritz Paul (1919-1998), der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Ankunft von Kriegsheimkehrern und Flüchtlingen in Friedland zu dokumentieren. Möglicherweise hat er auch die Gregorzewskis bei ihrer Ankunft fotografiert.

Schatztruhe mit Tausenden Fotos und Negativen

Pauls’ Sohn hat den beruflichen Nachlass seines Vaters auf dem Dachboden gefunden. „Es sind allein 6000 Negative, in denen unglaublich viele Geschichten stecken. Ich habe die Bedeutung sofort gespürt. Es ist, als hätten wir eine Schatztruhe geöffnet, mit neuen Ansätzen für die Forschung“, erklärt Spatz. Mit Waldemar Gregorzewski hat er lange Gespräche geführt. Wie war es in Friedland und wie ging es in Wentorf weiter? Auf all das hat der 82-Jährige ein Antwort.

Remmidemmi im Bergedorfer Waldschloss

Seiner Sigrid hat er in der Lagerkirche und auf dem Reinbeker Standesamt das Ja-Wort gegeben. In wenigen Wochen feiern die beiden zusammen mit ihrer Tochter (59) die diamantene Hochzeit in Wuppertal. Ihr erstes gemeinsames Zuhause war eine mit Decken abgetrennte Ecke im Kasernenzimmer, das sie sich mit vielen anderen teilten. „Im Waldschloss in Bergedorf gab es jedes Wochenende beim Tanzen Remmidemmi und auch so manche Keilerei“, erzählt der Senior. Zum Schwimmen ging es in den Tonteich.

Schnelles Einleben in der neuen Heimat

Damals war es ihm wichtig, in den Augen der anderen nicht „der Flüchtling“ zu sein. Er hat die Ärmel hochgekrempelt, in Bergedorf im Gleisbau die S-Bahn-Strecke nach Hamburg mitgebaut. „Später habe ich mich zum Importkaufmann hochgearbeitet.“ Obwohl er seit fast 60 Jahren nicht mehr hier war, erinnert er sich an so viele Orte. Denn in Wentorf fing sein neues Leben an.