Literaturtalent

16-jährige Wentorferin bei den Berliner Festspielen

Haus der Berliner Festspiele– 2005 ehemals Freie Volksbühne Berlin, ist Austragungsort der Lesung Junger Autoren. 

Haus der Berliner Festspiele– 2005 ehemals Freie Volksbühne Berlin, ist Austragungsort der Lesung Junger Autoren. 

Foto: [._burkhard_peter...] / BGZ

Wentorf. Die Wentorferin Anneke Maurer (16) beeindruckt die Jury der Berliner Festspiele für den Wettbewerb Junge Autoren.

Wentorf.  Beim Schwimmtraining kommen manchmal die Gedanken ins Fließen. „Unter Wasser hören sich die Kraulzüge wie Schläge an“, sagt Anneke Maurer. Und so war die Idee für ihren jüngsten Text plötzlich da: Ein Junge, der in häuslicher Gewalt und einem Meer von Tränen erstickt. Mit großem Einfühlungsvermögen und emotionaler Wucht nähert sich die 16-Jährige dem Thema. Die Sprachgewalt beeindruckte auch die Jury aus neun Schriftstellern und Journalisten des Wettbewerbs der Berliner Festspiele für junge Autoren. Anneke Maurer ist unter den 20 besten von knapp 600 Bewerbern.

Sie räumt Literaturpreise ab

Die Wentorfer Gymnasiastin räumt die Preise nur so ab. Ob als beste Wortkünstlerin bei „Peotry Slams“ oder mit ihren hintergründigen Kurzkrimis – sie steht regelmäßig auf der Bestenlisten.

Vom 15. bis 19. November darf sie nun zum Treffen junger Autoren nach Berlin fahren. Auf die Preisträger warten Lesungen, Workshops und Textwerkstätten. Ein Höhepunkt ist die öffentliche Lesung am 16. November im Haus der Berliner Festspiele.

Der Wettbewerb richtete sich an junge Schreibende im Alter von elf bis 21 Jahren. Er wird jährlich ausgeschrieben und ist thematisch und stilistisch offen. Eingereicht werden können bis zu zehn Gedichte oder fünf Textseiten.

Erst vergangene Woche hatte Anneke Maurer erfahren, dass sie mit „Badehaus“ unter den Gewinnern ist. „Ich freue mich schon total auf das Treffen, besonders auf die anderen Teilnehmer, den Lyrikworkshop und die Lesung“, sagt die Jungautorin.

Über eine Schriftstellerkarriere denke sie momentan nicht nach: „Weil ich glaube, dass diese mit sehr viel Unsicherheiten verbunden ist, das heißt aber nicht, dass ich vorhabe, das Schreiben ganz aufzugeben.“ Vor allem intensive Kurzprosa habe es ihr angetan.

Schon in der Grundschule hatte sie mit dem Schreiben angefangen. Inspirieren lässt sie sich vor allem von ihrer Experimentierfreude mit Sprache, und die überzeugt nicht nur auf dem Papier. Bei einem Poetry-Slam-Wettbewerb in der Bergedorfer Kulturkneipe BeLaMi war Betreiber Mike Weil von ihrem Auftritt so begeistert, dass er sie zu den Biergartenlesungen einlud. 2016 wurde sie bei einem Kurzkrimi-Wettbewerb mit mehr als 120 Einsendungen für die Endausscheidung der besten zehn Teilnehmer nominiert. Jüngst gewann sie den Wettbewerb „Wanted: Junge Autoren“ der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Ein Leben ohne Schreiben, kann sie sich nicht vorstellen. „Das ist eine Leidenschaft“, sagt sie. „Ich probiere viel aus. Zum Beispiel, viele Und-Sätze aneinanderzureihen.“ Die holt sie aus ihrer Fantasie. Von Vorbildern großer Schriftsteller möchte sie nichts kopieren. „Manchmal denke ich nur, die Idee hätte ich auch gern gehabt“, verrät die 16-Jährige.

Denn vor ihren Texten ist immer erst die Idee da. Familiär geprägt ist ihr Talent übrigens nicht. Der Beruf ihres Vaters, er ist Zahnarzt, interessiere sie überhaupt nicht. Aber ansonsten sei sie noch offen, was ihre Zukunft angehe. Und wie schafft sie ihre eigene unbeschwerte Kindheit und Jugend auf dem Papier mit der Gefühlswelt eines Jungen zu tauschen, der von seinem Vater geschlagen wird? „Es ist ein wichtiger Teil des Schreibens, sich in eine Person hineinzuversetzen. Und wenn ich dann erst einmal beim Schreiben bin, kommt alles wie von selbst“, sagt Anneke.

Ich weine und versuche dabei, so viel Flüssigkeit aus meinem Körper zu pressen, dass ein Schwimmbad in unserem Haus entsteht.

Der Text „Badehaus“ von Anneke Maurer

Ich weine und versuche dabei, so viel Flüssigkeit aus meinem Körper zu pressen, dass ein Schwimmbad in unserem Haus entsteht.

Ich heiße Benno Petersen und sitze mit Schnorchel auf dem Toilettensitz, ich habe mich im Badezimmer eingeschlossen, aber das Schlüsselloch ist groß genug für jedes Geräusch, es saugt die Luft vom Wohnzimmer auf, trägt jedes Wummern und Wimmern bis in meine Ohrmuschel.

Mein Gehirn ist selbst voller Wasser, eine Waschmaschine, alles wird herumgewirbelt, aber nichts sauberer, nur alles gerät durcheinander und am Ende sehe ich mich nur noch mit den Händen an den Ohren auf den kalten blauen Fliesen.

Petersen - klingt nach einer zufriedenen, stereotypischen Familie, Mutter – Vater – Kind, manchmal möchte ich herausschreien: WARUM SIEHT UNS KEINER? WARUM HELFT IHR UNS DENN NICHT?

Aber ich habe Angst davor, dass uns geholfen wird, weil ich fürchte, was danach geschieht.

Im Wasser ist die Welt viel leiser. Eine flüssige Luft, die dich umschließt und nur dich.

Und alles darum herum ist außen. Und blass.

Die Schläge sind gedämpft, die Schreie nur ein fernes Blubbern. Gedämpft, gedämpft, ein Schlag wie auf Fell und dann kann ich endlich die Hände von den Ohren nehmen und wenn Wasser in die Gehörgänge eindringt, erscheint alles nur noch ferner, und selbst wenn das Gehirn dabei zu schimmeln anfängt, ist das nicht schlimm.

Im Wasser ist die Welt viel leichter.

Die Hand, die ausholt, die auftrifft Haut auf Haut, das Wasser bremst Schwung, Schlag und Schmerz. Ein Akt der Zeitlupe in einem Haus voll H2O.

Ich heiße Benno Petersen, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, ich wäre Leon Hagen oder Paul aus der C, jeder, nur nicht der Junge auf dem Toilettensitz, der sich einen Schnorchel in den Mund steckt, um sich selbst ans Atmen zu erinnern.

Ich wünsche mir, dass mein Vater ertrinkt in dem Schwimmbad aus meinen eigenen Tränen.

Durch den Wasservorhang vor meinen Augen erinnert der blaugekachelte Badezimmerboden beinahe an Schwimmbadfliesen und ich gebe mich der Illusion hin.

Die Linie des Gürtels, beinahe Anmut, beinahe Schönheit, wie sie im Wasser Schlangentänze zieht, diese unglaubliche Faszination des Harmlosen.

Irgendwann sind die Tränen dann wirklich eine Allergie, vom Chlor, und ich brauche mich in der Schule nicht wegen der roten Augen zu schämen vor Leons und Pauls, die doch alle zusammen keine, keine Ahnung haben.

Ich schwimme vorbei an meinem Bett, dem Kleiderschrank. In die Küche, durchs Wohnzimmer, es macht den Eindruck einer Erinnerung, bloß eine angehaltene Welt, denn nun ist alles vorbei, alles still, das ist bloß ein Schwimmbad.

Ich springe vom Badewannenrand. Mein Körper, wie er das Wasser zu beiden Seiten verdrängt, mein Geist meinen Vater und meine Mutter, die uns keine Hilfe holt.

Dann bin da nur ich, eine nackte Seele, aber das Gefühl vom Wasser auf der Haut ist viel zu befreiend, um mich der Nacktheit zu schämen.

Ich schlage auf. Dann schlage ich auf den kalten blauen Fliesen auf, die mich treffen, wie die Erkenntnis, dass zwischen meinem Vater und mir nur Sauerstoff liegt, der viel zu schnell verbraucht ist und dann liegt da nichts mehr, bis auf mich, auf den kalten Fliesen, zusammengerollt, in einer Pfütze aus Wasser und Salz und mit viel zu bunter Haut; nackt, zitternd, aber nicht vor Kälte.

Ich heiße Benno Petersen und ich muss weitaus mehr trinken, um ein Schwimmbad zu weinen.