Existenzgründer

Ochsenwerder: Neustart mit vielen Hindernissen

Nazila und Pejman Tabasi betreiben in der ehemaligen Bäckerei Kaul inzwischen Dat Deichhus – einen „Mehrzweckladen“. Heyen

Nazila und Pejman Tabasi betreiben in der ehemaligen Bäckerei Kaul inzwischen Dat Deichhus – einen „Mehrzweckladen“. Heyen

Foto: Thomas Heyen

In der ehemaligen Bäckerei Kaul in Ochsenwerder bietet das Ehepaar Tabasi nun Backwaren an. Bar und Bistro sind startklar.

Ochsenwerder. Nachdem die Bäckerei Heinrich Kaul nach 125 Jahren ihre Räume am Ochsenwerder Elbdeich 347 verließ, standen sie nicht lange leer. Pejman Tabasi arbeitete monatelang hinter geschlossenen Türen. Der Perser wollte dort eigentlich – neben Backshop und Kiosk – auch eine Pizzeria eröffnen.

Die Pizzaöfen waren gekauft und eingebaut, Starkstromleitungen verlegt, als der 45-Jährige und seine Frau Nazila (31) es sich anders überlegten: „Im nahe gelegenen Einkaufszentrum Fünfhausen gibt es seit Kurzem eine Pizzeria, außerdem auch einen Italiener im alten Bahnhof Fünfhausen“, sagt Pejman Tabasi. Er habe den Gastronomen nicht durch Konkurrenz schaden wollen, disponierte um, verkaufte die Pizzaöfen und plante den Verkauf von Croques. Ende März sollte es losgehen, doch dann machte Corona dem Paar einen Strich durch die Rechnung.

Warten auf eine Schankgenehmigung

Backshop und Kiosk konnten die Tabasis Ende Mai eröffnen, ein Hermes-Paketshop folgte bald. Der Croque-, Salat- und Getränkeverkauf in dem neuen Bar/Bistro-Bereich soll so schnell wie möglich starten. Auch Frühstück will das Ehepaar dort an den Wochenenden künftig anbieten. „Wir können jederzeit loslegen, warten nur noch auf die Schankgenehmigung“, sagt der Familienvater. Mit einem Verwandten hat er die Räume im Erdgeschoss in Eigenarbeit umgebaut. Er sei handwerklich nicht unbegabt: „Ich habe früher oft auf den Baustellen meines Vaters mit angepackt“, sagt der 45-Jährige.

Vor allem der Raum, in dem sich nun die Bar befindet, kostete die Männer viel Zeit und Kraft: Sie entkernten ihn, bauten Tresen, Hocker, Zapfanlage, Sitzecken und eine neue Beleuchtung ein. Die Küche befindet sich in einem weiteren Raum, ebenso neue sanitäre Anlagen. Acht Monate dauerte der mehrfache Umbau der Räume. „Mein Helfer und ich haben hier fast die gesamte Zeit mit Schlafsäcken übernachtet und von täglich morgens früh bis abends spät gearbeitet“, sagt Tabasi.

Tresen anderthalb Meter nach hinten versetzt

Im ehemaligen Verkaufsraum der Bäckerei Kaul steht noch der alte Tresen. „Wir haben ihn allerdings um anderthalb Meter versetzt, vom Eingang aus gesehen weiter nach hinten“, sagt Pejman Tabasi. Der Platz werde für eine Eistheke benötigt, denn es gibt auch Eis am Stiel und Mövenpick-Kugeleis. Die Brote und Brötchen werden von Bäcker Bahn gebacken, die Kuchen und Torten von Nazila Tabasi. Derzeit gibt es Kaffee und Kuchen nur zum Mitnehmen.

Den Tresen wollte er unbedingt für seinen „Mehrzweckladen“ erhalten, sagt Tabasi. Ebenso die Wandverkleidung dahinter und den Schriftzug „Bäckerei Kaul“ in einem alten Fenster an der Frontseite – „aus Respekt gegenüber der langen Firmengeschichte unserer Vorgänger“.

Senioren freuen sich über „Überbleibsel“

Das käme bei den Kunden gut an: „Senioren, die hier schon als junge Menschen eingekauft haben, freuen sich darüber.“ Der neue Betreiber möchte, dass sich die Kunden „hier wieder wohlfühlen“.

Deshalb sei das Sortiment des Kiosks auch in erster Linie nicht auf die Camper ausgerichtet, die die warme Jahreszeit am benachbarten Hohendeicher See verbringen, „sondern auf die Menschen, die das ganze Jahr hier leben“, betont Tabasi. Trotzdem finden auch Camper und Touristen Artikel für den täglichen Bedarf – von Schwimmflügeln über Sonnencreme bis zu gefüllten Picknickkörben.

Selbst Camper am benachbarten See

Die Familie Tabasi hat seit vier Jahren selbst einen Dauercampingplatz an dem See – rund 500 Meter von ihrem neuen Zuhause entfernt. „Deshalb sind wir überhaupt auf die ehemalige Bäckerei Kaul gekommen“, sagt Pejman Tabasi. Er habe zufällig im Sommer vergangenen Jahres das „Zu vermieten“-Schild an der Tür gesehen. „Noch während der Besichtigung der Räume habe ich Ideen entwickelt, was sich dort machen lässt.“

Gegenüber dem Eigentümer habe Tabasi gleich mit offenen Karten gespielt, „denn meine finanzielle Situation war eigentlich schlecht“. Er habe die Flucht nach vorn angetreten, sagt der Perser. Denn sein Café Gerngeschehen in Winterhude musste das Paar aufgeben, „gerade als es anfing, dort richtig gut zu laufen“, sagt der 45-Jährige. Er habe eine nachträgliche Veränderung im Mietvertrag nicht bemerkt, musste deshalb kurzfristig raus. „Wir mussten sogar alles zurückbauen, weil das Haus verkauft werden sollte.“

Offenheit kam beim Vermieter gut an

Ein Teil des Mobiliars, etwa der Tresen, und der Küchengeräte findet sich nun in den neuen Räumlichkeiten in Ochsenwerder, an der Grenze zu Fünfhausen, wieder. Tabasis Offenheit kam bei seinem neuen Vermieter gut an, er bekam den Zuschlag, musste sogar während der langen Umbauphase keine Miete zahlen. „Nicht einmal Strom und Wasser wurden mir berechnet.“ Das kam Tabasi sehr zugute: „Andere Gastronomen haben wegen Corona fünfstellige Zuschüsse bekommen. Wir haben gar nichts gekriegt, weil wir Existenzgründer sind.“ Entsprechend hoch seien nun, nach den vielen Neuinvestitionen, die Schulden.

Das Ehepaar Tabasi hat zwei Kinder (10, 3). Die Familie lebt seit wenigen Tagen in einer der beiden Wohnungen über den Verkaufsräumen, ist aus Schnelsen nach Ochsenwerder gezogen. „Anders wäre das hier alles nicht möglich für uns. das wäre zu stressig“, sagt Pejman Tabasi. Das Paar kommt aus Teheran, der Hauptstadt des Irans. „Kennengelernt haben wir uns aber in Hamburg“, sagt Nazila Tabasi, die ebenso wie ihr Mann schon lange hier lebt.