Corona

Fliegende Wechsel: Schüler in elf Durchgängen verabschiedet

Sicherheitsabstand auch auf dem Schulhof: Schulleiter Dr. Niko Gärtner spricht zu der Klasse 13 l bei der Abizeugnis-Übergabe.  Heyen

Sicherheitsabstand auch auf dem Schulhof: Schulleiter Dr. Niko Gärtner spricht zu der Klasse 13 l bei der Abizeugnis-Übergabe. Heyen

Foto: Thomas Heyen

Wegen der Sicherheitsauflagen aufgrund des Virus sagen Schulleiter und Lehrer zwei Tage lang Tschüs.

Kirchwerder. Die Schüler sitzen auf dem Schulhof, haben jeweils mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander. Weiter hinten sind die Eltern der Abiturienten, an Stehtischen. An der Bar gibt es alkoholfreie Kaltgetränke in Flaschen. Alle schauen gegen die blendende Sonne auf die kleine Bühne, auf der Schulleiter Dr. Niko Gärtner (45) steht. Anzug und Krawatte scheinen ihm auch bei hochsommerlichen Temperaturen nichts auszumachen. Die jazzige Musik vom Band verstummt, Gärtner begrüßt die Abiturienten der Klasse 13 l – ausschließlich junge Frauen, bis auf einen jungen Mann, der die gesamte Zeremonie über ein Dinosaurier-Kostüm aus Plastik trägt. „Wir haben lange gezittert, weil wir nicht wussten, ob wir euch jemals zusammen wiedersehen“, sagt der Schulleiter. Denn die Klassen der Oberstufenschüler waren monatelang geteilt, die Gruppen wurden zu unterschiedlichen Zeiten unterrichtet. In der Schule, beim sogenannten Präsenzunterricht, sind sich die alten Klassenverbände seitdem nicht mehr begegnet.

„Genießt eure Feier und danach euer weiteres Leben“, sagt Gärtner. 15 Minuten später verteilt er die Abiturzeugnisse – mit Maske im Gesicht und Einweghandschuh über der rechten Hand. Lehrerin Frauke Ketelsen verteilt bunte Rosen, trägt ebenfalls Maske und Handschuhe. Die Schüler, die an der Reihe sind, stehen auf, bleiben aber vor ihrem Stuhl stehen. Einige Schülerinnen weinen vor Rührung. Doch alles verläuft geordnet, exakt durchgeplant – eben mit Blick auf den Coronavirus, nach den Vorgaben der Schulbehörde.

Wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“

Der Schulleiter und die Lehrer dürften sich ein bisschen wie in der Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ von 1993 vorgekommen sein, deren Hauptfigur sich in einer Zeitschleife befindet: Insgesamt elf Durchgänge waren am Montag und am Dienstag notwendig, um alle Viertklässler Zehntklässler und Abiturienten – insgesamt rund 250 Schüler – coronakonform verabschieden zu können. Pro Durchgang waren insgesamt 80 Teilnehmer angemeldet – Schüler, Eltern, Lehrer. Normalerweise gibt es keine fliegenden Wechsel der Klassen, feiern die Abiturienten gemeinsam, gibt es auch nur eine große Feier für die abgehenden Zehntklässler.

Sie konnten froh sein, dass die Schulbehörde die Abschlussfeiern überhaupt erlaubt hat. „Die Alternative wäre gewesen, das Zeugnis mit einem inspirierenden Brief per Post zu versenden – eine furchtbare Vorstellung“, sagt der Schulleiter. „Die Schulzeit braucht einen Abschluss und einen Abschied.“ Auch das Wetter zeigte sich zwei Tage lang von seiner besten Seite: „Wir konnten sogar die Tonanlage und das Mobiliar aufgebaut draußen stehen lassen. Ein Nachtwächter hatte alles im Blick“, sagt Gärtner.

Durchschnittszensur: 2,4

Für Gärtner war die „Corona-Abschlussfeier“ auch seine erste Abschlussfeier als Schulleiter in Kirchwerder. Der erste Oberstufenjahrgang wurde dort 2013 eingerichtet, 2015 verließen erstmals Abiturienten die Schule. Nun wurden 59 Abiturienten verabschiedet. Ihre Durchschnittszensur beträgt 2,4. Das beste Abi machte Merle Heitmann – 1,2. Die Durchschnittsnote und die Zahl der Abiturienten seien im Vergleich zu den bisherigen fünf Abi-Jahrgängen in Kirchwerder ähnlich, sagt der Schulleiter.

„Wir waren erstaunt, wie souverän und gut vorbereitet die Abiturienten zu ihren Prüfungen antraten“, sagt Gärtner. Dabei hätten die Lehrer befürchtet, die Schüler „aus der Verwilderung zurückholen zu müssen“, sagt der 45-Jährige und grinst.

Nur „eine Handvoll Schüler“ ist beim Abi durchgefallen. „Diese Schüler wiederholen die Klasse 13 oder hören mit dem Fachabitur auf“, sagt Gärtner.