Forum Tideelbe

Dove-Elbe: So können Ebbe und Flut wieder einziehen

Mit einem Bootskorso demonstrierten Wassersportler im September 2019 gegen eine Öffnung der Dove-Elbe zur Tide-Elbe.

Mit einem Bootskorso demonstrierten Wassersportler im September 2019 gegen eine Öffnung der Dove-Elbe zur Tide-Elbe.

Foto: Carsten Neff / NEWS & ART

Machbarkeitsstudie zum Tideeinfluss sieht zahlreiche neue Bauwerke vor. Viel Kritik von Nutzern und Politik.

Tatenberg.  Um das Tidevolumen der Elbe zu erhöhen und damit der Erosion am Hauptstrom und der Verlandung entgegenzuwirken, lässt das Forum Tideelbe mögliche Maßnahmen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg untersuchen. Dazu zählt auch die Idee, Teile der Dove-Elbe wieder Ebbe und Flut auszusetzen.

Nachdem anfangs fast der gesamte Verlauf des Flusses bis zur Krapphofschleuse im Fokus stand, wurde mittlerweile eine „optimierte Variante“ entwickelt. Die vorläufigen Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie wurden Freitagvormittag in einer Videositzung vorgestellt. Betrachtet wird nun der Bereich von der Tatenberger Schleuse bis zur Allermöher Kirchenbrücke. Dort würde eine Schleuse gebaut werden, um die restliche Dove-Elbe vom Tidegeschehen abzukoppeln. Eine Fischtreppe würde integriert werden, damit die Tiere weiterhin das Bauwerk passieren können.

Sperrwerk, Schleuse und 2,7 Kilometer Spundwand

Nur eines von zahlreichen Bauwerken, die auf dem Flussabschnitt errichtet werden müssten: Die Tatenberger Schleuse müsste umgebaut, ein 32 Meter breites Sperrwerk integriert werden, um den Tideeinfluss zu steuern. Zudem müsste die Reitschleuse instand gesetzt werden. Die Yachthäfen müssten ausgebaggert und mit Schwimmstegen ausgerüstet werden. Um die Strömungsgeschwindigkeit zu verringern, müssten Spundwände auf insgesamt 2,7 Kilometern als Strömungslenker oder Böschungssicherung eingebaut werden.

Nach der Machbarkeitsstudie würde der Eichbaumsee zur Dove-Elbe geöffnet, zudem die Fahrrinne von der Kirchenbrücke bis zur Tatenberger Schleuse auf -3,40 Meter ausgebaggert, um auch bei Niedrigwasser eine Schiffbarkeit zu ermöglichen. Tidebeeinflusste Wattflächen könnten am Kleinen Brook und bei der Regattastrecke entstehen. 650.000 Kubikmeter müssten dafür ausgehoben werden.

Kosten von weit mehr als 200.000 Millionen Euro

Die Sedimentfracht in der Stromelbe soll dadurch um ein bis zwei Prozent reduziert werden. Die Kosten der Bauvorhaben werden grob auf 200 bis 250 Millionen Euro geschätzt. Manfred Meine, Leiter der Geschäftsstelle Forum Tideelbe, betont, dass es sich um „vorläufige Ergebnisse“ handele, die es erst noch zu diskutieren gelte. Der Ergebnisbericht und die zugehörigen Studien sollen Ende September öffentlich vorgestellt werden. Entlang des Ufers wächst trotzdem die Sorge um die Zukunft des Flusses.

Kein anderes Thema hat die Vier- und Marschlande im vergangenen Jahr so sehr bewegt wie die Idee, die Dove-Elbe wieder an die Tide anzuschließen. Ob Wassersportler, Werften, Anwohner, Angler, Jachthafenbesitzer, Landwirte, Gärtnereien oder Berufsschiffer: Sie alle fürchten die Konsequenzen, sollten in dem Fluss künftig wieder Ebbe und Flut herrschen. Durch die vorläufigen Ergebnisse, die nun in der Studie vorgestellt wurden, sehen sie ihre Sorgen umso mehr als begründet an.

4,2 Millionen-Investition in Wassersportzentrum geplant

Ein intaktes, für die Freizeitnutzung sehr attraktives Ökosystem, würde geopfert, um ein Problem im Hamburger Hafen lösen zu wollen, meint Rüdiger Freygang vom Bergedorfer Ruderclub. Der organisierte Wassersport mit den Vereinen Rudern, Kanu, Drachenboot, die Regattastrecke Allermöhe und der Olympia-Stützpunkt Rudern/Kanu wehren sich vehement gegen die Maßnahme. Wettkämpfe auf der Strecke, für die mit angeschlossenem Wassersportzentrum eine Investition in Höhe von etwa 4,2 Millionen geplant ist, sollen weiterhin möglich sein. Allerdings dürfte dann der Wasserstand über Wochen zuvor nicht abgesenkt werden, um wettbewerbsverzerrende Strömungen zu vermeiden.

Andreas Gabriel, Chef der Bootsvermietung Hamburg am Moorfleeter Deich, fürchtet, dass in allen Häfen etwa ein Drittel der Liegeplätze wegfallen wird, da sie durch die Anpassung der Struktur an die Tide nicht mehr nutzbar sein werden. „Manche Häfen haben wasserrechtlich keine Möglichkeit, sich zur Wasserseite zu vergrößern und verlieren ihre Liegeplätze komplett“, warnt Andreas Gabriel.

Einen massiven Verlust für den Naturschutz und den naturnahen Tourismus und Wassersport fürchtet Katrin Piepiorka von der Bootswerft Neuengamme. „Bereits jetzt kämpfen wir um die regelmäßigen Erhaltungsbaggerungen vor der Tatenberger Schleuse, damit die Einfahrt dort nicht verlandet“, sagt sie. Sollte die Tide wieder Einzug erhalten, könne man davon ausgehen, dass in kurzer Zeit die Fahrrinne versandet sein wird und die Dove- Elbe nur noch bei Hochwasser zu befahren ist. „Dann ist der Weg von der Tatenberger Schleuse zu uns innerhalb einer Tide schon nicht mehr zu schaffen“, sagt Katrin Piepiorka, deren Betrieb am Curslacker Brückendamm ansässig ist.

FDP fordert: Dove-Elbe als mögliche Maßnahme sofort löschen

Auch die Bergedorfer Politik hat die Studienergebnisse im Blick: „Durch die Öffnung der Dove-Elbe würde nicht nur ein funktionierendes und wertvolles Ökosystem zerstört, es wären auch viele wirtschaftliche Existenzen bedroht. Wassersport, wie wir ihn heute kennen, würde nicht mehr möglich sein“, sagt Stephan Meyns, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP in der Bezirksversammlung. Parteikollege Karsten Schütt, Bezirksvorsitzender der FDP in Bergedorf, pflichtet ihm bei: „Wir verlangen, dass der Lenkungsausschuss die Öffnung der Dove-Elbe aus den möglichen Maßnahmen umgehend herausnimmt. Die Machbarkeitsstudie zeigt: Die Auswirkungen auf das Tidegeschehen der Elbe sind vernachlässigbar, die Maßnahme wird unverhältnismäßig teuer und durch die geplanten Baggerarbeiten wird ein wertvolles Ökosystem für Jahrzehnte zerstört.“

Sorge, das Maßnahme schon in rot-grüne Koalitionsverhandlungen einfließt

Eigentlich sollte Manfred Meine, Leiter der Geschäftsstelle Forum Tideelbe, bereits im März einen Sachstand im Regionalausschuss erläutern. Doch die Sitzung konnte aufgrund der Corona-Situation nicht mehr stattfinden. Seitdem muss das politische Gremium ruhen. Die Christdemokraten befürchten daher, dass das Thema hinter den Kulissen bei den rot-grünen Koalitionsverhandlungen im Hamburger Rathaus auf den Weg gebracht werde, ohne, dass man politisch darauf einwirken könnte. „Wir lehnen einen Tideanschluss der Dove-Elbe weiterhin konsequent ab“, betont Jörg Froh (CDU).

Nachteile für die Vier- und Marschlande wolle auch Rolf Wobbe (Grüne) unbedingt vermeiden. Seine Fraktion war die einzige in Bergedorf, die zuerst die Machbarkeitsstudie abwarten wollte, um basierend auf den Ergebnissen die Maßnahme zu bewerten. Allmählich klinge es aber auch für ihn „abenteuerlich“, sagt der 72-Jährige.

Bergedorfer Ablehnung ins Hamburger Rathaus tragen

Peter Gabriel (SPD) hat selbst noch Ebbe und Flut in der Dove-Elbe erlebt. Der 81-Jährige kann sich noch gut an den „Morast“ erinnern, der damals auf dem Grund bei Ebbe zutage kam. Er kann sich nicht vorstellen, dass es einen positiven Effekt auf die Ökologie des Flusses haben kann, wenn er wieder der Tide ausgesetzt werde – auch wenn die Studie durchaus vorteilhafte Auswirkungen erkennt. So würden zwar Lebensräume für Stillwasserarten verloren gehen und es eine starke Änderung der Fauna bei Fischen geben. Es würden aber Süßwassertidelebensräume geschaffen, beliebt bei seltenen Arten wie Rapfen und Schierlingswasserfenchel.

Peter Gabriel verspricht, dass die ablehnende Haltung der Bergedorfer SPD konsequent zu den Parteigenossen ins Hamburger Rathaus getragen werden soll, wo letztlich entschieden werden soll, ob die Maßnahme durchgeführt wird – oder nicht.