Gedenkstätte Neuengamme

Stilles Gedenken an die getöteten Häftlinge von Neuengamme

Die „Cap Arcona", eines der elegantesten Passagierschiffe der Vorkriegszeit, wurde in der Lübecker Bucht von britischen Jagdbombern versenkt.

Die „Cap Arcona", eines der elegantesten Passagierschiffe der Vorkriegszeit, wurde in der Lübecker Bucht von britischen Jagdbombern versenkt.

Foto: dpa Picture-Alliance / dpa / picture-alliance / dpa

Tragödie auf der "Cap Arcona": Neuengammer Häftlinge wurden am 3. Mai 1945 in Neustädter Bucht getötet.

Neuengamme/Neustadt. „Wir waren besinnungslos vor Freude“, berichtete der polnische KZ-Häftling Tadeusz Kwapinski über seine Gefühle beim Anblick der ersten englischen Panzer am 3. Mai 1945 in Neustadt/Holstein. Die Briten hätten die Freiheit gebracht. Kwapinski gehörte zu den etwa 450 Überlebenden der „Cap Arcona“-Tragödie. Auf das ehemalige Passagier- und Lazarettschiff hatte die SS 4200 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme gebracht. Weitere 2800 Gefangene befanden sich auf dem Frachter „Thielbek“. Beide Schiffe hatten vor Neustadt geankert, waren an jenem Tag von der Royal Air Force bombardiert worden. Die meisten Häftlinge an Bord starben im Feuer, ertranken. Viele, die sich an Land retten konnten, wurden am Strand ermordet.

„Dem Begriff ,Befreiung’ haftet natürlich eine gewisse Ambivalenz an“, sagt der Historiker und Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte, Detlef Garbe, mit Blick auf die Geschehnisse. In den letzten Wochen des Krieges sei ungefähr die Hälfte der mehr als 40.000 Häftlinge in Neuengamme und seinen Außenlagern gestorben. Tausende kamen bei Todesmärschen nach Wöbbelin bei Ludwigslust, Sandbostel bei Rotenburg/Wümme oder Bergen-Belsen nahe Hannover ums Leben. Allein 1000 verbrannten in einer Scheune bei Gardelegen (Sachsen-Anhalt).

2000 Menschen auf ehemaligem Frachter „Athen“ überleben

Tatsächlich seien an jenem Tag aber auch mehrere Tausend Gefangene aus Neuengamme befreit worden, sagt Garbe: Rund 2000 Menschen befanden sich auf dem ehemaligen Frachter „Athen“. Kurz vor dem Luftangriff der Briten war er in den Hafen von Neustadt gefahren, um noch mehr Häftlinge, die aus dem KZ Stutthof bei Danzig über die Ostsee gebracht wurden, an Bord zu nehmen. Damit entging er dem Luftangriff. Die Briten bombardierten die Schiffe vermutlich, weil sie annahmen, deutsche Truppen wollten sich absetzen, erklärt Garbe.

Geheimdienstinformationen, wonach es sich um KZ-Schiffe handelte, erreichten die Befehlshaber wohl zu spät. Gegen einen britischen Major lief später ein Militärermittlungsverfahren. Die Akten dazu sind bis heute unter Verschluss.

Was die SS mit den Gefangenen auf den Schiffen vorhatte, ist unklar. Überlebende Häftlinge berichteten, dass sie befürchteten, ermordet zu werden. Garbe ist überzeugt, dass der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann und Kampfkommandant Alwin Wolz das KZ geräumt haben wollten, um Gefangene und SS-Mannschaften loszuwerden. Beide Gruppen hätten die kampflose Übergabe der Stadt an die Briten gefährden können. Die Gefangenen hätten sogleich die Nazi-Verbrechen offenbart, die SS-Einheiten hätten möglicherweise gekämpft.

Kein Versuch der Kontaktaufnahme

Dass die Schiffe mit den Häftlingen auf der Ostsee versenkt werden sollten, glaubt Garbe nicht. Dafür seien zu viele Wachmannschaften und SS-Besitz an Bord gebracht worden. Die spätere Aussage von Kaufmann, die SS habe die Gefangenen an das Rote Kreuz übergeben wollen, hält Garbe gleichwohl für eine Schutzbehauptung. Anders als bei der Übergabe der skandinavischen Gefangenen im März und April 1945 an das schwedische Rote Kreuz habe es keinen Versuch der Kontaktaufnahme mit der Hilfsorganisation gegeben.

Die kampflose Übergabe Hamburgs gelang. Am Nachmittag des 3. Mai 1945 fuhren britische Panzer von Harburg über die Elbbrücken bis zum Rathaus, berichtet Autor Uwe Bahnsen in seinem Buch „Hanseaten unter dem Hakenkreuz“. Am Vortag hatte ein Erkundungstrupp der Briten das KZ Neuengamme erreicht. Es war komplett geräumt. Nur Stunden zuvor waren die letzten Gefangenen weggebracht worden. Das Restkommando hatte alle Spuren der Verbrechen und Akten beseitigen sollen.

Aufgrund der Coronakrise nur ein stilles Gedenken

Der 75. Jahrestag der „Befreiung der Häftlinge des KZ Neuengamme sollte eigentlich morgen, Sonntag, im ehemaligen Klinkerwerk (Jean-Dolidier-Weg) gefeiert werden. Doch aufgrund der Coronakrise gibt es nur ein stilles Gedenken. Bürgermeister Peter Tschentscher, Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit und Kultursenator Carsten Brosda werden im Namen der Stadt am Internationalen Mahnmal (Hohe Stele) einen Kranz niederlegen. Das Gedenkstättengelände ist öffentlich zugänglich. Unter Wahrung der gebotenen Abstandsregeln ist auch für Besucher ein Gedenken möglich.

„Es ist für uns sehr schmerzhaft, dass wir zum 75. Jahrestag der Befreiung nicht zu einer Gedenkveranstaltung zusammenkommen können. Trotz ihres hohen Alters hatten 14 Überlebende des KZ Neuengamme und seiner Außenlager sowie mehr als 600 Angehörige ehemaliger Häftlinge aus der ganzen Welt ihr Kommen zugesagt“, sagt Dr. Oliver von Wrochem, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

13 Überlebende senden Videos

Stattdessen sind von morgen, Sonntag, 3. Mai, an, digitale Botschaften im Internet zu sehen: 13 Überlebende aus Ländern wie Australien, Schweden und Belarus (Weißrussland) erklären in etwa zweiminütigen Videos, was der Jahrestag für sie persönlich bedeutet – in ihren jeweiligen Sprachen. Text-Übersetzungen sind anklickbar, teilt Dr. Iris Groschek, Sprecherin der Stiftung Hamburger Gedenkstätten, mit.

Zudem äußern sich Bürgermeister Tschentscher, Carola Veit, Dr. Martine Letterie, Präsidentin der Amicale Internationale, und weitere Offizielle. In einem dritten Blog kommen Angehörige ehemaliger Häftlinge aus zahlreichen Ländern zu Wort. Die ehemaligen Häftlinge und ihre Nachkommen haben die kurzen Beiträge in Eigenarbeit per Handy erstellt. Die Website dagegen haben Profis gestaltet: www. kz-gedenkstaette-neuengamme.de/ 75befreiung.

Die eigentlich geplante große Gedenkfeier soll es trotzdem geben – am 3. Mai 2021.