Christian Römmer

Die Arbeit im Archiv ist alles andere als verstaubt

Christian Römmer arbeitet seit Jahresbeginn als Archivar der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Er ist auch Ansprechpartner für Besucher, die sich über ihre Vorfahren informieren.

Christian Römmer arbeitet seit Jahresbeginn als Archivar der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Er ist auch Ansprechpartner für Besucher, die sich über ihre Vorfahren informieren.

Foto: Thomas Heyen

Ehemaliger Leiter des Bergedorfer Kultur- und Geschichtskontors forscht nun in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Neuengamme. Fast acht Jahre lang leitete Christian Römmer das Kultur- und Geschichtskontor im Reetwerder. Seit Jahresbeginn hat der 47-Jährige eine neue Stelle: Römmer ist nun Archivar der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

„Ich habe mich schon während meines Studiums auf die Geschichte des Nationalsozialismus spezialisiert“, sagt der Historiker. Auch mit der Gedenkstätte am Jean-Dolidier-Weg sei er „beruflich seit fast 25 Jahren verbunden“: Während des Studiums arbeitete Römmer als studentische Hilfskraft, „damals schon im Archiv“. Dort werden nach wie vor Informationen, Daten und Dokumente zu den Lebensschicksalen der Häftlinge gesammelt.

Viele kleinere Baustellen

Im Geschichtskontor hatte Römmer zuletzt eine 30-Stunden-Stelle, nun arbeitet er in Vollzeit. Als Geschäftsführer des Kontors veröffentlichte Römmer diverse Aufsätze zur NS-Zeit in den Lichtwarkheften. Als Archivar brütet er nicht den ganzen Tag über einem Text, sondern kümmert sich um viele kleinere Baustellen. „Das ist eine willkommene Abwechslung und ebenfalls interessante Arbeit.“

Denn das Bild vom Archivar, der zwischen Aktenordnern verstaubt, sei falsch, betont der in Kirchwerder lebende Historiker: „Ich beantworte täglich mehrere Anfragen von Nachkommen, habe auch viel persönlichen Kontakt zu Besuchern.“ So bekam Römmer gerade Besuch von einer Engländerin, deren Großvater in Neuengamme inhaftiert war. Die Frau überreichte ihm Dokumente, unter anderem Fotografien. „So haben wir ein Gesicht zu dem Namen“, sagt Römmer. Häufig werde ein Hamburg- oder Deutschland-Urlaub mit einem Besuch der Gedenkstätte verbunden – auf den Spuren der Vorfahren.

Europaweit vernetzt

Meist würden jedoch Informationen gesucht. Römmer und Kollegen durchforsten dann Datenbanken und Ordner. Die Neuengammer Archivare tauschen sich mit vielen Kollegen aus: „Wir sind europaweit mit Museen und weiteren Gedenkstätten vernetzt.“

Römmer pflegt auch Audio- und Video-Interviews mit Überlebenden und ihren Nachkommen ins Medienarchiv ein, sorgt dafür, dass Radio- und Fernsehbeiträge über die Gedenkstätte abrufbar sind. „An unserer EDV-Erfassung gibt es noch einiges zu verbessern – etwa das Schaffen von mehr Querverbindungen zwischen Foto-, Film- und Schrift-Dokumenten.“ Bisher seien mehrere Anläufe notwendig, um alle Informationen zu einer Person zu finden.

Seit Jahrzehnten eine Mammutaufgabe

Die Stelle in der Dokumentationsabteilung wurde frei, weil Römmers Vorgängerin Alyn Beßmann innerhalb der Gedenkstätte wechselte und sich nun um Ausstellungen kümmert. Ihr Vorgänger im Bereich Ausstellungen war wiederum Herbert Diercks, der nun im Ruhestand ist. Römmer arbeitet zusammen mit seinem Chef, Dr. Reimer Möller, und drei studentischen Hilfskräften.

Der Aufbau des Archivs ist seit Jahrzehnten eine Mammutaufgabe. Als die Engländer das Lager im Mai 1945 erreichten, hatte die SS die noch lebenden Häftlinge weggeschafft, Tausende starben noch auf den Todesmärschen. Fast alle Dokumente hatten die Nazi-Schergen verbrannt.