Ausstellung

Aus den Lagern befreit – Der Weg in ein neues Leben

Befreite Häftlinge des KZ-Außenlagers Wilhelmshaven/Alter Banter Weg in Malmö, 11. Mai 1945.

Befreite Häftlinge des KZ-Außenlagers Wilhelmshaven/Alter Banter Weg in Malmö, 11. Mai 1945.

Foto: © Foto: Ernst Henriksson, Sydsvenskan, Bilder i Syd, Malmö, 01839281

Ausstellung zeichnet Lebenswege Verfolgter der Nationalsozialisten nach. Neuengammer Historiker recherchierten rund um den Globus.

Neuengamme. Männer und Frauen aus ganz Europa atmeten vor 75 Jahren in Hamburg auf: Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte den Verfolgten des Nationalsozialismus die lang ersehnte Befreiung. Die 20. Jahresausstellung im Hamburger Rathaus berichtet vom 16. Januar bis zum 9. Februar davon, wie es den Menschen erging, die die Terrorherrschaft in Zwangsarbeiterlagern, als Häftlinge des KZ Neuengamme und seiner Außenlager und in anderen Haftstätten überlebt hatten. „Überlebt! Und nun? NS-Verfolgte in Hamburg nach ihrer Befreiung“ ist der Titel der Schau, die von Alyn Beßmann und Lennart Onken von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme kuratiert wurde.

Tausende Häftlinge des KZ Neuengamme waren kurz vor der Ankunft der britischen Truppen aus der Stadt gebracht worden. Sie erlebten ihre Befreiung an vielen verschiedenen Orten. Auch von den vielen anderswo in Deutschland inhaftierten Hamburgern wird berichtet. Sie traten den Heimweg oft auf eigene Faust an. Am 26. Mai 1945 trafen die ersten 65 befreiten Häftlinge des KZ Buchenwald vor der heutigen Laeiszhalle mit Bussen ein.

„Wieso hast du überlebt?“

„Der Weg in ein neues Leben führte durch Ämter und Institutionen. Man stand stundenlang mit geschwollenen Beinen Schlange, um sich von einer Nummer wieder in Fräulein oder Frau Sowieso zurückzuverwandeln“, berichtet Margit Herrmann, tschechische Überlebende der KZ Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen 1993. „Man half uns, viele brachten uns Verständnis und Mitleid entgegen – nicht alle. Oft hieß es: ,Wieso hast du überlebt?’ – als würde diese Tatsache einer Rechtfertigung bedürfen.“

Die Ausstellung berichtet auch von einer Jüdin, die in Auschwitz und später in einem Neuengammer Außenlager interniert war. Sie überlebte den Holocaust und wanderte 1949 nach Melbourne (Australien) aus, mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn. „Wir konnten tatsächlich eine Enkeltochter ausfindig machen und nach ihrer Großmutter befragen“, sagt Lennart Onken. Von anderen Auswanderern konnte er Passagierscheine ausfindig machen. „So ließ sich deren Auswanderung nachzeichnen.“

Archive in den USA, England und Australien kontaktiert

Um an das Material zu gelangen, sichteten die Historiker Archive von Museen, anderen Gedenkstätten und Privatleuten, forschten im Staatsarchiv Hamburg und im Landesarchiv Schleswig-Holstein. Per E-Mail kontaktierten sie Archivare in den USA, England und Australien, um an Fotografien und Informationen – etwa aus Tagebüchern – zu gelangen. Die Mitarbeiter etwa des United States Holocaust Memorial Museum in Washington scannten Material, verschickten es auf digitalem Wege nach Neuengamme. „Für die Ausstellung nutzen wir mehr als 90 Fotografien und Dokumente“, sagt Onken. „Außerdem werden drei kurze Filme gezeigt.“ Der 25-Jährige und seine Kollegin haben die Ausstellung anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar, Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau) über Monate vorbereitet. Für Onken, erst seit wenigen Monaten angestellt, handelt es sich um das erste Projekt dieser Art.

Begleitend zur Ausstellung wird ein Programm mit Führungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen und mehr angeboten. Internet: hamburgische-buergerschaft.de . Außerdem wird ein Katalog (52 Seiten, 5 Euro) veröffentlicht. Die Ausstellung kann montags bis freitags, 7 bis 19 Uhr (Katalogverkauf: 10 bis 18 Uhr) sowie sonnabends/sonntags, 10 bis 17 Uhr (10 bis 14 Uhr), besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Gedenkstätte in Stiftung überführt

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme gehört seit dem 1. Januar zu einer Stiftung öffentlichen Rechts. Der Senat möchte so die politische Unabhängigkeit demokratischer Erinnerungskultur in einer Zeit zunehmenden Populismus dauerhaft sichern. In der „Hamburger Stiftung Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen“ sollen die einzelnen Erinnerungsorte in der Stadt und die jeweiligen Inhalte noch stärker vernetzt werden. Zu den Hamburger Gedenkstätten und Lernorten gehören die KZ-Gedenkstätte mit den bisherigen Außenstellen Bullenhuser Damm, Plattenhaus Poppenbüttel und Gedenkstätte Konzentrationslager und Strafanstalten Fuhlsbüttel – bisher der Kulturbehörde zugeordnet. Hamburg überführt damit die Gedenkstätte in eine vergleichbare Struktur wie die anderen sieben großen KZ-Gedenkstätten in Deutschland, ebenfalls vom Bund mitfinanzierte, eigenständige Stiftungen. Bis 2024 will der Bund die Neuengammer Gedenkstätte mit 2,94 Millionen Euro fördern, die Finanzierung auch im Anschluss fortsetzen. Als Vorstand der Stiftung ist Professor Dr. Detlef Garbe vorgesehen, bisheriger Gedenkstättenleiter. Diesen Posten hat nun Dr. Oliver von Wrochem inne. Dem zwölfköpfigen Stiftungsrat steht Senator Dr. Carsten Brosda vor.