Naturschutz

Blühflächen: Im Sommer hui, im Winter pfui

Klaus Peters Mitte September inmitten der Blühfläche am Fersenweg.

Klaus Peters Mitte September inmitten der Blühfläche am Fersenweg.

Foto: Thomas Heyen

Klaus Peters kritisiert kurze Wuchsperioden auf Zuwegungen für Felder.

Kirchwerder. Klaus Peters ist häufig auf dem Fersenweg unterwegs, im Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen, zwischen Kirchwerder Landweg und Kirchenheerweg. Am Wegesrand liegen Maisfelder, zwischen den Feldern und der Straße befinden sich blühende Blumenwiesen – im Sommer. „Jetzt sieht es dort aus wie auf einem Truppenübungsplatz“, sagt Peters, der diese unterschiedlichen Ansichten auch von vielen weiteren Wiesen im Landgebiet kennt.

Die schweren Erntefahrzeuge nutzen die Blühflächen in der Erntezeit als Zu- und Abfahrt, um auf ihre Felder zu gelangen. Dem in Kirchwerder lebenden, naturverbundenen Künstler erschließt sich der Sinn der einjährigen Blühflächen nicht: „Hier haben Insekten doch keine Chance.“ Peters habe kaum Insekten und Vögel in den Blühstreifen bemerken können, „weil da nichts nachhaltig wächst“, sagt er.

In England fördern Blühwiesen Ertrag der Agrarflächen

Dr. Christian Gerbich, Naturschutzreferent des Nabu Hamburg und für Bergedorf zuständig, sieht die Sache entspannter. „Besser einjährig als gar nicht“, sagt er. Allerdings würden mehrjährige Blühflächen eine größere Artenvielfalt produzieren. Dann kämen auch Pflanzen vor, die erst nach zwei oder mehreren Jahren blühen. Bei entsprechender Zusammensetzung der Saatmischung würden dann verschiedene Pflanzen vom Frühjahr bis zum Herbst blühen, wodurch eine Wiese auch mehr Nahrung für Insekten und Vögel biete. In mehrjährigen Blumenwiesen würden die Stängel verblühter Pflanzen Insekten in der kalten Jahreszeit zusätzlich Schutz und Unterschlupf bieten, betont Gerbich. Die Samenstände an den Pflanzen wären auch im Winter Nahrung.

Peters plädiert für „zentrale, große Blühflächen“, die über Jahre unangetastet bleiben. Gerbich ist für Kompromisse, hält einen Mix aus ein- und mehrjährigen Blühwiesen sowie großen und kleinen Flächen für richtig: „Blühstreifen haben eine vernetzende Funktion. Diese Habitate dürfen nicht zu weit auseinander liegen, dann wären sie für Kriechtiere nicht mehr erreichbar.“ Dieses Biotop bedürfe eines engmaschigen Netzes.

In England, wo schon länger Blühstreifen angelegt würden, förderten diese Blumenwiesen sogar den Ertrag der Agrarflächen, berichtet Gerbich: Die Bestäubung der Pflanzen funktioniere besser, ebenso die tierische Schädlingsbekämpfung.

Naturfreund Peters kann sich Blühstreifen „in Längsrichtung, am Rande der Gräben“ gut vorstellen: „Das würde den Landwirt nicht automatisch mehr Fläche kosten, weil er die Zuwegung ja auch mit Mais und weiterem Gemüse bepflanzen kann.“ Die Streifen in Längsrichtung könnten unangetastet bleiben, würden einen Puffer zwischen Feld und Graben bilden, die Naturflächen deutlich vergrößern. „Dann landen auch weniger Pflanzenschutzmittel im Graben.“

Peters geht davon aus, dass die Blühflächen am Fersenweg bezuschusst werden. Ob dies bereits so ist, verrät die für die Agrar­förderung zuständige Wirtschaftsbehörde nicht. Eine Übersicht darüber, welche Fläche in Hamburg gefördert werde, gebe es nicht, sagt Gianna Niemeyer, Sprecherin der Behörde, und fügt hinzu: „Es gibt hierfür auch gesetzlich keine Vorgaben.“

187.000 Euro an Fördermitteln in Hamburg von 2015 bis 2018

Auch Nabu und selbst die Umweltbehörde bekämen von der Wirtschaftsbehörde solche Auskünfte nicht, berichtet Gerbich: „Wenn wir meinen, dass auf einer geförderten Fläche gegen Richtlinien verstoßen wird, können wir lediglich darum bitten, zu prüfen, ob es sich tatsächlich um einen subventionierte Fläche handelt.“

Von 2015 bis 2018 haben laut Behördensprecherin 15 Betriebe am Programm der Blühstreifen teilgenommen: „Es wurden 187.000 Euro Fördermittel verausgabt.“ Das sind durchschnittlich 12.466 Euro pro Betrieb. Das Geld stamme aus Landes- und Bundesmitteln. Pro Hektar Blühfläche gibt es Fördermittel in Höhe von 750 Euro. Demnach gibt es
249 Hektar geförderte Blühstreifenfläche in der Hansestadt. Die Betriebe verpflichten sich für fünf Jahre.