Stadtentwicklung

Baudialog: Viele Teilnehmer, wenig Entscheidungsmacht

Stadtplanerin Andrea Stahl sammelt die Wünsche der Vier- und Marschländer. Wir nehmen Ihre Botschaften wahr und nehmen sie ernst, verspricht ihr Chef Uwe Czaplenski.

Stadtplanerin Andrea Stahl sammelt die Wünsche der Vier- und Marschländer. Wir nehmen Ihre Botschaften wahr und nehmen sie ernst, verspricht ihr Chef Uwe Czaplenski.

Foto: Carsten Neff / NEWS & ART

Die Bewohner des Landgebiets wollen die Struktur ihres Heimatgebiets erhalten. Doch die Entscheidungen werden woanders getroffen.

Die Metropole Hamburg hat „Flächen-Hunger“. Der Zuzugsdruck in die 1,8 Millionen-Stadt ist groß. Sind die Vier- und Marschlande die letze Reserve für große Wohnungsbauprojekte und notwendige Ausgleichsflächen? Auf gut 1/7 des Stadtgebiets leben hier nur knapp 31.000 Menschen. Durch Veränderungen in der Landwirtschaft kann Ackerland nun zu Bauland werden.

„Wir können ja keinen Zaun ums Landgebiet ziehen und hier die Zeit anhalten“

Das Bezirksamt ist alarmiert. „Wir leben hier in einer ganz besonderen Kulturlandschaft. Eine Einmaligkeit, die es für die nachfolgenden drei- vier-fünf Generationen zu erhalten gilt“, sagt Uwe Czaplenski, Leiter des Dezernats Wirtschaft, Bauen und Umwelt im Bergedorfer Bezirksamt. Einhelliger, kräftiger Applaus von den rund 200 Interessierten beim ersten Baudialog am Freitagabend in der Schule Ochsenwerder. „Aber wir können ja keinen Zaun ums Landgebiet ziehen und hier die Zeit anhalten.“

Zweiter Teil folgt in zwei Wochen

Deshalb will das Bezirksamt gemeinsam mit den Bewohnern die Frage diskutieren: „Wie soll die nachhaltige, kulturlandschaftsverträgliche Siedlungsentwicklung zukünftig gesteuert werden?“ Das Ziel der zunächst zweitägigen Veranstaltung (Teil 2 am 8. November, 16 Uhr ,Schule Zollenspieker) sollen „verbindliche Rahmenrichtlinien“ sein. Moderiert wird der Prozess höchst diplomatisch von Thomas Wilken, vom Büro für Stadt- und Regionalentwicklung „Kontor 21“. Damit die Diskussion „Grundlagen“ hat, referieren Experten: Der dem Publikum wohl bekannte Kulturhistoriker Prof. Dr. Torkhild Hinrichsen spricht über weit zurückliegende Historie – leider eher rückwärtsgewandt. Axel Schneede vom Bergedorfer Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung redet über Status quo und juristische Rahmenbedingungen - für die meisten Zuhörer ist das Baurecht ernüchternd.

Die Stadt als Flächeneigentümerin trägt Verantwortung

Diplom-Ingenieurin Anne Kittel (Hafencity-Uni) geht die Sache wissenschaftlich an – muss aber feststellen: „Eine Strategie für das Landgebiet existiert nicht.“ Sie fordert: „Eigentum verpflichtet. Die Stadt als Flächeneigentümerin trägt Verantwortung“. Das Zuständigkeitsvakuum müsse „gezielt, koordiniert und kooperativ gefüllt werden“.

Auch in den Diskussionsbeiträgen der Besucher bleibt es eher bei frommen Wünschen: Sichtachsen sollen bewahrt werden, Neubauten müssten auch „geschmacklich“ zum historischen Charakter passen, Deichstraßen bräuchten eine kräftige Ertüchtigung für den Verkehr und in Baugenehmigungen müssten Parkplätze zwingend vorgeschrieben werden.

Große Projekte werden in Hamburg entschieden

Der Dialog läuft geordnet, die Vier- und Marschländer sind konstruktiv und überaus engagiert. Obwohl Czaplenski muss immer wieder auch zugeben, dass viele Entscheidungen nicht im Bezirk Bergedorf gefällt werden. „Wir können nur an die Vernunft appellieren, beauftragen Sie die lokale Politik.“

Doch Oberbillwerder, die JVA in Billwerder und der zu prüfende Tide-Anschluss der Dove Elbe zeigen: Die Entscheidungen werden im Senat getroffen, nicht in der Bezirksversammlung „Warum bin ich eigentlich gekommen? Es wird Beteiligung suggeriert, am Ende aber haben wir keinen Einfluss“, kritisiert Ulrike Strohschen, die am Durchdeich lebt, als einzige lautstark: „Die Pläne sind doch längst in der Schublade. Und wir werden nur als Marionetten benutzt.“