Klimawandel

Alle Elbdeiche werden um 80 Zentimeter erhöht

Deichvorland in Altengamme. Der Pegel der Elbe steigt auch dort.

Deichvorland in Altengamme. Der Pegel der Elbe steigt auch dort.

Foto: Thomas Heyen

Stadt investiert 500 Millionen Euro – und prüft, welche Häuser im Weg sind. Umweltsenator hält Elbe-Sperrwerk langfristig für unvermeidlich.

Bergedorf. Der Meeresspiegel wird weit höher ansteigen, als bisher angenommen. Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) zeichnet in seinem jüngsten Bericht ein düsteres Szenario. Er geht davon aus, dass der Meeresspiegel um einen halben Meter bis zum Jahr 2100 ansteigt – sofern die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden kann. Das IPCC geht sogar von vier Metern Anstieg in den kommenden 250 Jahren aus.

Schuld an der Misere ist der Klimawandel. Mit den Wasserständen in Nord- und Ostsee wird auch der Wasserstand in der Elbe ansteigen. Das stellt die Regionen, die an dem Fluss liegen, vor große Herausforderungen.

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) geht davon aus, dass ein gigantisches Sperrwerk in der Nordsee über kurz oder lang unvermeidlich ist. Dafür wird er von Umweltverbänden heftig kritisiert. Denn der Bau eines Sperrwerks im Watt vor Cuxhaven, der Elbmündung, würde auch Niedersachsen und Schleswig-Holstein vor Überschwemmungen schützen, aber einen immensen Eingriff in die Natur darstellen. Von den Kosten ganz zu schweigen.

„Selbstverständlich gilt es, die Option Sperrwerk für ein zukünftiges Deichbauprogramm ab 2050 mit den Nachbarländern gemeinsam zu prüfen. Die Gesprächsbereitschaft von Niedersachsen und Schleswig-Holstein begrüßen wir daher sehr“, sagt Kerstan. „Ein Sperrwerk war schon immer Thema“, sagt Björn Marzahn, Sprecher der Umweltbehörde. Doch mit einer schnellen Umsetzung sei nicht zu rechnen: „Es müssen weitere Erkenntnisse zum Flutgeschehen vorliegen und es müssen gemeinsame Lösungen mit den Nachbarn gefunden werden.“ So ein Mammutprojekt „muss gut geprüft werden“. Neue Maßnahmen würden von den Ergebnissen abhängen, die bis 2022 vorliegen werden. Denn die Bemessungswasserstände werden von Hamburg alle zehn Jahre neu untersucht.

Wolfgang Genzcik, Chef des Wasser- und Bodenverbandes Delvenau-Stecknitzniederung, befürchtet von einem möglichen Elbesperrwerk keine Auswirkungen auf Lauenburg. „Bis 2028 wollen wir ja unseren Hochwasserschutz realisiert haben, das Sperrwerk würde später kommen“, sagt Genczik. Ohnehin hätten Sturmfluten nur geringe Auswirkungen auf den Anstieg des Pegels vor der Stadt. „Etwa sechs Zentimeter sind bei den letzten Hochwassern über das Geesthachter Stauwehr gekommen, wir haben es in Lauenburg eher mit dem Elbwasser vom Oberlauf zu tun.“

Hamburg setzt weiterhin auf seine Deiche: Sie sollen bis 2050 um 80 Zentimeter erhöht werden – auch in Bergedorf.

Die Bemessungswasserstände für den Sturmflutschutz in Hamburg, die der Senat bereits vor sieben Jahren beschlossen hat, würden auch mit Blick auf die aktuellen Veröffentlichungen des Weltklimarates zum drastischen Anstieg des Meeresspiegels – und damit auch des Pegels der Elbe – funktionieren, betont Michael Schaper (63). 500 Millionen Euro investiert Hamburg in den Hochwasserschutz, betont der Fachbereichsleiter Deichverteidigung und -Aufsicht im Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG). Die Arbeiten würden 25 bis 30 Jahre dauern.

Auch die etwa 32 Kilometer langen Hauptdeiche zwischen Altengamme und Spadenland werden erhöht – „aber frühestens in zehn Jahren“, sagt Andreas Pohl von der Bergedorfer Wasserwirtschaft. Eine konkrete Planung gebe es für Bergedorf noch nicht, sagt Björn Marzahn: „Im Vorrang steht die Erhöhung der Ringdeiche Veddel, Wilhelmsburg und Harburg, da diese Gebiete gefährdeter sind.“ Dort wird bereits an der Erhöhung der Deiche gearbeitet.

Doch schon jetzt schaut die Stadt, welche Häuser der Deicherhöhung im Weg sein werden. Denn die Deiche sollen um mindestens 80 Zentimeter erhöht werden. „Das bedeutet, dass sie fünf bis sechs Meter breiter werden“, sagt Schaper. Häuser, die im Deichfuß stehen, will die Stadt erwerben. Sie hat ein Vorkaufsrecht. Optimal sei ein Deich ohne Einbauten, betont der Fachmann. An einigen Stellen, an denen Häuser stehen, können der Deich auf der anderen Seite, im Vorland, erweitert werden. „Denn auf welcher Seite er verbreitert wird, ist egal“, sagt Schaper.

Der LSBG errechnet alle zehn Jahre den Bemessungswasserstand, den höchsten zu erwartenden Wasserstand. Der Anstieg des Meeresspiegels, der bis 2100 bei einer Erderwärmung von drei bis vier Grad laut Weltklimarat 1,10 Meter betragen könnte, sei laut Schaper „eine Komponente“, die bei den Berechnungen berücksichtigt werde.

Die Bemessungswasserstände werden von derzeit 7,30 Meter über Normalnull (NN) am Pegel in St. Pauli um 80 Zentimeter auf 8,10 Meter NN erhöht. Entsprechend wachsen auch die Deiche. In Hamburg gibt es 103 Kilometer Elbdeich. Auch die Sperrwerke – insgesamt 40 Tore – müssten laut Schaper angepasst „und gegebenenfalls neugebaut“ werden.

Sorge, dass für die Erhöhung zu wenig Klei vorhanden ist, hat der Experte nicht: „Wir haben große, gefüllte Depots.“ Außerdem würde nicht nur Klei, sondern auch Sand verwendet.

„Wir sind dann bis 2050 gut aufgestellt“, sagt Schaper. Das bestätige der Vergleich mit den Zahlen im Report des Weltklimarates.