St. Severini

Ein 2,5-Tonnen-Grabstein auf Reisen

Die Anlieferung der 2,5 Tonnen schweren Brüggman-Platte. Sie wird rechts hinter dem Haupteingang aufgestellt.

Die Anlieferung der 2,5 Tonnen schweren Brüggman-Platte. Sie wird rechts hinter dem Haupteingang aufgestellt.

Foto: Thomas Heyen

Kirchwerder. Massive Platte aus Kalksandstein durch Kirchwerder zurück auf den Friedhof transportiert.

Kirchwerder. Mehr als 200 Jahre lang stand die 2,5 Tonnen schwere Grabplatte von Johan und Anna Brüggman auf
dem Grundstück der Nach­fahren am Warwischer Hinterdeich 186, angelehnt an eine Hauswand. Seit wenigen Tagen kann sie auf dem Friedhof der Kirchengemeinde St. Severini bestaunt werden. Die 2,33 Meter hohe und 1,40 Meter breite Familiengrabplatte des Bauern und Schusters Johan Brüggman ist Nummer 85 in Norddeutschlands größter Grabplattensammlung – und die erste, die seit rund 100 Jahren auf dem Friedhof aufgestellt worden ist.

7,3 Kilometer transportiert

Mit einem Lkw und einem Bagger, dessen Schaufel für die Beförderung der massiven Grabplatte aus dem Jahr 1724 abmontiert worden war, konnte der Stein aufgeladen, die 7,3 Kilometer lange Strecke befördert und wieder abgeladen werden. Eine direkte Nachfahrin des Ehepaares Brüggman hatte sich bei Heinz-Hermann Koops aus der Projektgruppe historische Grabplatten gemeldet. Der 73-Jährige machte sich vor Ort ein Bild und organisierte den Standortwechsel.

Die Grabplatte kehrte nun zum Friedhof zurück. Denn dort, vermutlich auf der noch heute existierenden Grabfläche der Familie, befand sich der Koloss, bis er zum Warwischer Hinterdeich transportiert wurde. „Vor allem im 19. Jahrhundert haben viele Bauern die großen Grabplatten ihrer Familien zu sich geholt. Sie wurden oft zerschlagen oder als Trittsteine genutzt“, sagt Koops. „Nur wenige sind erhalten geblieben.“ Ein Mandat erschwerte ab 1830 das Entfernen der Steine.

Anders als die anderen gestaltet

Angefertigt wurden die Platten im Elbsandsteingebirge südlich von Dresden – auch die der Brüggmans, die fünf Söhne und vier Töchter sowie Dutzende Enkel und Urenkel hatten. „Sie ist allerdings anders gestaltet als die anderen Grabplatten. Die Köpfe und die religiösen Darstellungen sehen anders aus“, sagt Koops. „Vermutlich war da ein anderer Steinmetz am Werk.“

Die Grabplatten wurden damals mit Lastkähnen über die Elbe nach Hamburg befördert. Eine Fahrt dauerte rund vier Wochen. „Vermutlich wurden sie dann in Hamburg von Steinmetzen bearbeitet.“

2500 Euro kosteten Transport und Sanierung des XXL-Grabsteins. „Leider schossen die Kosten in die Höhe, weil der Stein in fünf Teile zerbrochen war“, sagt Koops. Restauratorin Stephanie Silligmann musste den Koloss mit Spezialkleber aufwendig wieder zusammenfügen. Ihre Arbeit hat sich gelohnt: Die Bruchstellen nimmt der Betrachter auf den ersten Blick kaum wahr. Die Kirchengemeinde gab 1000 Euro dazu, den Rest trägt der Förderverein St. Severini.

Restauratorin und Steinmetz sind im Einsatz

Die Grabplatten am Rande des Friedhofs und im Brauthaus werden von Restauratorin Stephanie Silligmann und Steinmetz Jens Gothmann nach und nach vorsichtig bearbeitet. Verwitterte Reliefs werden freigelegt, Schriftzüge wieder lesbar gemacht. Viele Platten stehen in einem Kiesbett, das als Regenschutz dient. Mehrere Tausend Euro wurden bisher in den Erhalt der Grabsteine investiert.

Die Projektgruppe hat sich den Erhalt und die Instandsetzung der größten Ansammlung historischer Großgrabplatten in ganz Norddeutschland auf die Fahne geschrieben. Vor knapp fünf Jahren Jahren wurde mit dem Projekt begonnen – auf Initiative von Otto-Wilhelm Marquardt (84), Hobbyhistoriker aus Kirchwerder. Unter anderem wurde am Friedhofseingang eine Infotafel aufgebaut.