Gleisdreieck

Geheimoperation: Saga kauft das Flüchtlingsquartier

Perspektive Wohnen? Bislang reicht die eine vorhandene Lärmschutzwand (re. oben) dafür nicht aus

Perspektive Wohnen? Bislang reicht die eine vorhandene Lärmschutzwand (re. oben) dafür nicht aus

Foto: aufwind-luftbilder

Billwerder. Bürgerschaft und Bezirksversammlung wurden nicht informiert. Die Saga übernimmt Deutschlands größtes Flüchtlingsquartier.

Billwerder.  Eine Nachricht wie eine Bombe: Eine Tochter des stadteigenen Wohnungsunternehmens Saga kauft das Flüchtlingsquartier Gleisdreieck. Über die Kaufsumme ist Stillschweigen vereinbart.

Kaufsumme bleibt geheim

Nach bz-Informationen ist Zwist zwischen dem Investor und bisherigen Eigentümer Fewa und der Hansestadt der Auslöser gewesen. Hamburg hat einerseits mit der Fewa einen Vertrag geschlossen, nachdem über 15 Jahre bis zu 2500 Flüchtlinge im Quartier untergebracht werden, andererseits haben die Chefs der Bürgerschaftsfraktionen von SPD und Grünen mit Bürgerinitiativen einen Kompromiss geschlossen: Danach soll die Zahl der Flüchtlinge in den neuen Quartieren schnell wieder sinken.

Versäumnisse und Planungsfehler

Dass die für 2020 angekündigte Zahl von noch 300 Flüchtlingen für das Gleisdreieck unrealistisch ist, ist den meisten Beteiligten längst klar. Derzeit sind es noch gut 2000. Dafür ist nicht die gesunkene Zahl neuer Flüchtlinge verantwortlich – sondern diverse Versäumnisse und Planungsfehler, wie Politiker von CDU bis Linkspartei monieren.

Der Millionen-Deal ist nicht nur an Bergedorfs Politik vorbeigegangen – auch in Hamburgs Bürgerschaft wurde er nicht thematisiert. „Ich habe nur Gerüchte gehört, dann eine Anfrage an den Senat gestellt“, bestätigt Dennis Gladiator (CDU).

CDU: Saga springt in die Bresche

Nach langwierigen, ergebnislosen Verhandlungen mit dem Investor Fewa müsse nun die städtische Saga „in die Bresche springen, um den Senat vor weiterem Gesichtsverlust zu bewahren – auf Kosten der Steuerzahler“.

„Ich habe aus der Belegschaft von fördern & wohnen davon erfahren“, sagt Stephan Jersch, Bürgerschaftsabgeordneter der Bergedorfer Linken. f&w kümmert sich um die Betreuung der Flüchtlinge in den 780 Wohnungen auf dem Gleisdreieck. Mehr noch als vom Verkauf selbst zeigen sich beide Politiker irritiert von der Nachricht, dass die Wohnungen umfassend umgebaut werden sollen.

„Ein Stück aus dem Tollhaus“

2016 war der Bau nach neuem Planrecht im Eilverfahren durchgesetzt worden, als Flüchtlingsquartier mit der „Perspektive Wohnen“. „Dass nun genau dafür die kaum zwei Jahre alten Wohnungen schon wieder umgebaut werden sollen, ist ein Stück aus dem Tollhaus“, schimpft Jersch.

Weil der bestehende Lärmschutz für normale Wohnnutzung – im Gegensatz zur Flüchtlingsunterbringung – in weiten Teilen nicht reicht, sollen nun zunächst die der Bahnlinie abgewandten Wohnungen neu hergerichtet werden. „Bis die zweite Lärmschutzwand steht, vergeht mit Sicherheit weit mehr als ein Jahr.“

Warten auf zweite Lärmschutzwand

Gegen Kritik verteidigt der Allermöher SPD-Abgeordnete Gert Kekstadt den Senat: Das Ziel von nur noch 300 Flüchtlingen in Deutschlands größtem Flüchtlingsquartier sei mit der Fewa in einem überschaubaren Zeitraum nicht zu erreichen. Da sei der Kauf der stadteigenen Saga folgerichtig.

Bezirksamtsleiter Arne Dornquast konnte gestern im Hauptausschuss nur partiell Auskunft geben. Er sei selbst erst Stunden zuvor informiert worden.

Eigenes Bad und Küche

Für eine reguläre Vermietung sollen alle Wohnungen dann über ein eigenes Bad, eine eigene Küche und Parkett statt Laminat-Boden verfügen. Für die Unterbringung von Flüchtlingen sind bislang Gemeinschaftsküchen und -Bäder für nebeneinander liegende Wohnungen die Regel. Kekstadt: „Um dies zu ändern, müssen nur einige Leichtbauwände herausgerissen werden.“