Gedenkstätte

Ausstellung im Rathaus: KZ-Häftlinge im Alltag des Krieges

1945: Zuzana Beckmannová vor einer Gleisanlage in Rothenburgsort/Tiefstack.

1945: Zuzana Beckmannová vor einer Gleisanlage in Rothenburgsort/Tiefstack.

Foto: Gert Beschütz, Privatbesitz Karl-Heinz Schultz

Neuengamme/Neustadt. Wie die Stadt von den Häftlingen profitierte: Gedenkstätte zeigt eine neue, große Ausstellung im Hamburger Rathaus.

Neuengamme/Neustadt.  Konzentrationslager gelten als Terrorstätten der Nazis. Doch nicht nur die SS hatte im Zweiten Weltkrieg ein Interesse daran, dass Konzentrationslager errichtet wurden. Auch die Stadt Hamburg hatte erheblichen Anteil daran, dass das KZ Neuengamme gegründet und ausgebaut wurde. Mit einer Million Reichsmark förderte sie 1940 den Bau des zum Lager gehörenden Klinkerwerks, um mit den von KZ-Häftlingen produzierten Ziegeln die Stadt neu zu gestalten.

Eine Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Hamburger Rathaus widmet sich diesem traurigen Kapitel: „Eine Stadt und ihr KZ: Häftlinge des KZ Neuengamme im Hamburger Kriegsalltag 1943-1945“. Die Schau zeigt, dass das Konzentrationslager am heutigen Jean-Dolidier-Weg nicht nur „vor den Toren der Stadt“ existierte. Denn die Häftlinge mussten keineswegs nur abseits der Gesellschaft Zwangsarbeit verrichten. KZ-Häftlinge waren in das Leben der Stadt eingebunden: Sie arbeiteten in Betrieben und mussten nach der „Operation Gomorrha“, bei der 1943 große Teile der Stadt zerstört wurden, Trümmer beseitigen und mehr als 30.000 Tote der Bombenangriffe bergen und beerdigen. Für die Hamburger Bevölkerung waren die Häftlinge täglich sichtbar.

15 Außenlager errichtet

Nach den Bombenangriffen war die Arbeitskraft der Häftlinge gefragter denn je: 15 Außenlager wurden 1944 in Hamburg errichtet. Treibende Kraft waren dabei Firmen und Behörden. „Wir wollen zeigen, wie intensiv die Bereitschaft der wirtschaftlichen und politischen Eliten am Ausbau des Konzentrationslagers war“, sagt Kuratorin Alyn Beßmann. Die Archivarin der Gedenkstätte hat die Ausstellung mit Dr. Detlef Garbe, Lisa Herbst, Hanno Billerbeck und Katharina Hertz-Eichenrode zusammengestellt. Morgen wird die Schau mit geladenen Gästen eröffnet. Ab Freitag 18. Januar, ist sie in der Diele des Hamburger Rathauses zu sehen.

Anstoß, sich dem Ausbau des Konzentrationslagers und den beteiligten Akteuren zu widmen, war der Jahrestag der „Operation Gomorrha“, der sich 2018 zum 75. Mal jährte. Die Ausstellung dazu in der St.-Nikolai-Kirche haben 23.000 Besucher gesehen.

Infotafel verweigert

Im Rathaus werden 48 Schautafeln zu sehen sein, auf denen anhand von Fotos und Texten gezeigt wird, wo die Häftlinge überall eingesetzt waren und wo in Hamburg damit auch KZ-Außenlager entstanden: Ob bei der Leichenbergung, dem Bau von Behelfsheimen, bei der Baustoffgewinnung, in der Werftarbeit oder Rüstungsproduktion. Auch die Nachwirkungen dieser Einsätze werden beleuchtet. Dabei gingen die Firmen unterschiedlich mit ihrer Vergangenheit um. Während die Drägerwerk AG 1989 eine Besuchsreise ehemaliger Häftlinge zum Ort des 1944/1945 unterhaltenen, firmeneigenen Außenlagers in Wandsbek förderte, verweigerte etwa Blohm & Voss die Aufstellung einer Infotafel über das Außenlager auf der Werft.

In vier Tafeln der Ausstellung sind kurze Videosequenzen eingebunden, in denen ehemalige Häftlinge und Anwohner ihre Sicht aufeinander schildern. Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. Nicht nur für Schulklassen und Privatbesucher sei das eine spannende Sache, sondern aufgrund der zentralen Lage in der Stadt auch für Touristen aus aller Welt, hofft Alyn Beßmann. Die Schau ist komplett in Deutsch und Englisch gehalten.

Hinweise auf weiteres Außenlager

Selbst für die Archivarin habe die Recherche zur Ausstellung noch Neuigkeiten und Unbekanntes hervorgebracht: „Man denkt mittlerweile ist alles gut erforscht, aber je genauer man hinschaut, um so fremder schaut es zurück“, sagt Alyn Beßmann. In Entnazifizierungsakten und Interviews mit Häftlingen haben sie so Hinweise auf ein weiteres Außenlager der Deutschen Werft am Reiherstieg gefunden. Bisher war nur ein Außenlager der Werft in Finkenwerder bekannt.

Auch neues Bildmaterial ist bei den Recherchen aufgetaucht. Ein Bild zeigt Zuzana Beckmannová vor dem Rangierbahnhof in Tiefstack im Frühjahr 1945. Als Häftling des Außenlagers Hamburg-Tiefstack musste die 19-jährige, tschechische Jüdin dort Loren mit Steinen zu einer Trümmeraufbereitungsanlage schieben. Der Hamburger Gert Beschütz leistete dort als „Halbjude“ ebenfalls Zwangsarbeit. Er freundete sich heimlich mit ihr an und nahm unbemerkt das Foto auf. „Für mich ist es etwas ganz besonderen, denn bisher hatten wir keine Fotos von den inhaftierten und zur Zwangsarbeit in Hamburg eingesetzten Frauen des KZ Neuengamme“, sagt Beßmann.

Die Ausstellung ist bis Sonntag, 10. Februar, in der Diele des Hamburger Rathauses zu sehen – montags bis freitags von 7 bis 19 Uhr, sonnabends von 10 bis 18 Uhr, sonntags von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Das Rahmenprogramm findet sich im Internet: www.kz-gedenkstaet te-neuengamme.de.