Naturschutzgebiet

Kirchwerder Wiesen: Heim für Moorfrosch und Co.

Foto: BGZ / Wiebke Schwirten

Kirchwerder. Kirchwerder Wiesen sind seit 25 Jahren Hamburgs größtes Naturschutzgebiet. Erweiterung geplant.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit die Kirchwerder Wiesen unter Schutz gestellt wurden. Und noch immer ist die 860 Hektar große Fläche zwischen Fünfhausen und Kirchwerder das größte Naturschutzgebiet Hamburgs. Doch noch immer sind längst nicht alle Diskussionen aus der Welt geräumt, die das Naturschutzgebiet von Anfang an begleiteten. Wir schauen zurück und wagen einen Blick in die Zukunft.

Dem Erlass der „Verordnung über das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen“ vom 24. August 1993 ging eine zehnjährige, bewegte und teilweise turbulente Geschichte voraus, erinnert sich Dietmar Ullrich von der Bergedorfer Arbeitsgruppe des Nabu. Ebendiese Gruppe (damals noch DBV) hatte dabei kräftig angeschoben und mitgemischt.

50 bis 60 Hektar Grünlandverlust in einem Jahr

Es begann 1983 mit einer Biotopkartierung. Insbesondere das extensive Grünland, die Grabentypen und viele Rote-Liste-Arten von Tieren und Pflanzen wie Uferschnepfe, Trauerseeschwalbe oder Sumpfläusekraut wurden dabei hervorgehoben. Dies war die Initialzündung für die Nabu-Gruppe, sich aktiv für den Schutz des Gebietes einzusetzen. Eigenständig kartierten sie daraufhin die dortigen Wiesenvögel und den Grünlandverlust. Das Ergebnis: Allein im Jahr 1985 gingen durch Umbruch in Ackerland 50 bis 60 Hektar Grünland verloren. „Das durfte so nicht weitergehen“, so Dietmar Ullrich. Die Nabu-Arbeitsgruppe forderte „eine großräumige Grünlandsicherung mit Konsequenzen pro Naturschutz“.

Im Jahr 1987 folgte das von der Umweltbehörde erarbeitete „Schutzprogramm Feuchtgrünland“, mit dem 259 Hektar extensiviert werden konnten. Für den Nabu ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht genug. Denn um Grünland effektiv zu sichern, fehlte die Großflächigkeit. Das Gebiet am Fersenweg kam als „größte mögliche Kernzone“ in Betracht, erinnert sich Ullrich.

Landwirte fühlten sich überrumpelt

Der Name „Kirchwerder Wiesen“ tauchte das erste Mal 1990 in einem Konzept auf, das Reinhard Grosch und Horst Schramm vom Nabu maßgeblich ausgearbeitet hatten. Im Juni 1992 erließ der Senat schließlich eine Veränderungssperre für ein fast 900 Hektar großes Feuchtwiesengebiet, was bedeutete, dass kein Grünland umgebrochen und keine Gräben zugeschüttet werden dürfen.

Mit den Grundeigentümern und Landwirten wollte sich die Umweltbehörde über Rahmenbedingungen einigen. Doch eine Einigung vermissten viele Landwirte: Für Mathias Peters aus Kirchwerder, damals gerade 23 Jahre alt und als frischgebackener Landwirtschaftsmeister in den Startlöchern zur Hofnachfolge, kamen die Pläne, die Kirchwerder Wiesen unter Schutz zu stellen, vollkommen überraschend. Es seien zwar Gespräche mit der Umweltbehörde geführt worden. „Doch letztlich fühlte es sich an wie ein Abbruch der Verhandlungen“, sagt Peters.

Wasserstände bleiben Diskussionsthema Nummer 1

So wie ihm ging es auch anderen Landwirten. „Bauern proben den Aufstand“, titelte die Presse im September 1993, als Landwirte gegen die Umwandlung landwirtschaftlicher Fläche in Naturschutzgebiet protestierten. „Die Pläne, die man hatte als junger Mensch, musste man völlig neu sortieren“, sagt Mathias Peters rückblickend. Investitionspläne in einen neuen Kuhstall habe er ziemlich schnell aufgegeben, stellte von Milch- auf Mutterkühe um. „Man musste sich mit dem Naturschutzgebiet arrangieren oder aufgeben“, sagt Peters.

Einst spinnefeind, heute (gutes) Miteinander

Vor 25 Jahren war man sich mit der Umweltbehörde und Naturschützern spinnefeind, aber mit der Zeit habe man gelernt, miteinander zurechtzukommen und pflege teilweise auch ein gutes Miteinander, räumt Mathias Peters ein.

Doch vor allem die optimalen Wasserstände im Gebiet bleiben auch nach 25 Jahren das große Diskussionsthema: Während aus Sicht des Naturschutzes gleichmäßig hohe Wasserstände, zumindest in der Brut- und Laichzeit, notwendig sind, fürchten Anwohner und Landwirte Überschwemmungen und vernässte Felder. Die Hoffnungen liegen nun auf einem von der Umweltbehörde in Auftrag gegebenen Gutachten, in dem Pegel digital gemessen und eine Grundlage liefern sollen, um eine Entscheidung zu treffen.

Landwirte hoffen auf mehr Akzeptanz

Mathias Peters hofft derweil auf mehr Unterstützung von der Umweltbehörde in der Zukunft. Denn bei Vogelfreunden oder Radtouristen würden Landwirte wie er kaum noch Akzeptanz erfahren. „Da würde ich mir wünschen, dass man sich mal für uns stark macht und betont, dass man uns Landwirte braucht“, sagt Peters.

Denn das könnte auch noch in weiteren Teilen in Neuengamme und Kirchwerder relevant werden. Denn sowohl am Neuengammer Hausdeich als auch an der Heinrich-Osterath-Straße sowie Fersenweg und um den Spielplatz im Gleisdreieck sind Teilerweiterungen geplant. Um insgesamt 209 Hektar sollen die Kirchwerder Wiesen noch wachsen.

Nabu fällt positives Fazit

Ein Fazit fällt für den Nabu nach 25 Jahren in jedem Fall positiv aus. „Es wurden wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere erhalten, von denen eine ganze Reihe in Hamburg vom Aussterben bedroht sind“, sagt Dietmar Ullrich. Für den Moorfrosch, Teich- oder Schilfrohrsänger und Ringelnatter sind die Kirchwerder Wiesen der wichtigste Lebensraum in Hamburg. Der Bestand der Wiesenvögel – wie der Uferschnepfe oder Trauerseeschwalbe – geht zwar zurück. Ein Vergleich mit anderen Gebieten zeige jedoch, dass dieser in den Kirchwerder Wiesen weniger dramatisch ausfalle. „Der Schutzgedanke und die Maßnahmen zeigen also Wirkung“, sagt Ullrich.