Moorfleet

Dioxin: Das Gift wirkt seit Jahrzehnten

Anfang der 80er-Jahre: Vor der Chemiefirma Boehringer (Andreas-Meyer-Straße 31-35) demonstrieren Umweltschützer.

Anfang der 80er-Jahre: Vor der Chemiefirma Boehringer (Andreas-Meyer-Straße 31-35) demonstrieren Umweltschützer.

Foto: BGZ

Moorfleet. Der Boehringer-Konzern musste sein Werk in Moorfleet 1984 schließen. Die Sanierung der Altlasten dauert noch bis 2056.

Moorfleet.  Es war ein Skandal: Ein Chemiewerk musste aus Gründen des Umweltschutzes schließen. Am 18. Juni 1984 war an der Andreas-Meyer-Straße 31-35 Schluss. Dort hatte Chemie-Gigant Boehringer Ingelheim unter anderem das Insektengift Lindan hergestellt – und dabei seine Mitarbeiter, Boden und Grundwasser vergiftet.

Alle 1589 Mitarbeiter, die in der Fabrik seit dem Start der Produktion von Pflanzenschutzmitteln 1952 mindestens drei Monate lang gearbeitet hatten, waren oder sind mit Dioxin belastet. Experten vermuten, dass weit mehr als die Hälfte der heute noch lebenden Mitarbeiter erkrankt ist. Zu ihnen gehört der Vater (73) von Sabine Stangenberg (50) aus Alt-Nettelnburg. Er ist derart mit Gift verseucht, dass seine Tochter ihn als „wandelndes Umweltrisiko“ bezeichnet: „Er leidet an starken neurologischen Defekten, ist schwerst krank, das haben uns diverse Professoren bescheinigt.“ Doch von der Berufsgenossenschaft bekommt der 73-Jährige – wie viele andere ehemalige Boehringer-Mitarbeiter – trotzdem kein Geld: „Das findet keine Anerkennung vor Gericht, weil der medizinische Gutachter der Berufsgenossenschaft das nicht anerkannt hat.“ Der Gesetzgeber erwarte einen einhundertprozentigen Nachweis, „aber hier wäre eine Umkehrung der Beweislast notwendig“. Die 50-Jährige betont: „Arbeit darf doch nicht krank machen.“

„Politik war offenkundig schlampig“

Dass nun Giftmüll in Boberg aufgetaucht ist, wundert sie nicht: „In Hamburg gab es schon einige solcher Deponien. Die Frage ist doch, welchen Regularien damals die Giftmüllentsorgung unterlag. Die Politik war hier offenkundig schlampig. Sie geht sorglos mit der Gesundheit der Bürger um. Dabei hat sie eine Fürsorgepflicht.“

In Moorfleet wurde das 85.000 Quadratmeter große Werksgelände eingekapselt – mit einer fast 50 Meter tief in die Erde ragenden und 1200 Meter langen Betonwand. Bis zu 100 Tonnen Dioxin und andere Schadstoffe sind dort im Boden und Grundwasser eingeschlossen. Die Kosten für die Betonwanne samt Asphaltdeckel sowie die nachfolgende Sanierung von Boden und Umgebungswasser mittels Wasseraufbereitungsanlage betrugen umgerechnet rund 160 Millionen Euro.

Grundwasser wird gereinigt

Ein zweites Sanierungskonzept wird seit Anfang 2016 umgesetzt: Für weitere 17 Millionen Euro lässt Boehringer das mit Chlorbenzol verseuchte Grundwasser rund um den früheren Standort reinigen. In einer sogenannten Fahne (Grundwasserströme) hat sich das Gift im Boden bis zu einen Kilometer weit verteilt. Mit dem neuen Verfahren soll fast die gesamte Schadstoffmenge bis 2056 entfernt sein. Drei Brunnen pumpen eine größere Menge besonders verunreinigten Grundwassers. Es wird gereinigt und in den Moorfleeter Kanal eingeleitet.