Zwangsarbeit

„Wasserwerke waren Teil der faktischen Vernichtung“

Der italienische Konsul Flavio Rodilosso, Manfred Hessel-Stahl (Angehöriger eines ehemaligen Zwangsarbeiters), der Historiker Dr. David Templin und Michael Beckereit (Geschäftsführer Hamburg Wasser, v. li.) bei der Einweihung des Mahnmals.

Der italienische Konsul Flavio Rodilosso, Manfred Hessel-Stahl (Angehöriger eines ehemaligen Zwangsarbeiters), der Historiker Dr. David Templin und Michael Beckereit (Geschäftsführer Hamburg Wasser, v. li.) bei der Einweihung des Mahnmals.

Foto: Thomas Heyen

Rothenburgsort. Hamburg Wasser weiht Mahnmal ein. „Wir wollen nicht mehr verdrängen“, sagt Geschäftsführer Michael Beckereit.

Rothenburgsort.  Ein wichtiges Kapitel in seiner Firmengeschichte hat Hamburg Wasser 70 Jahre lang ignoriert. Damit soll nun Schluss sein. Auf dem Gelände der Elbinsel Kaltehofe, auf dem fast 100 Jahre lang Trinkwasser gefiltert wurde, weihte Hamburg-Wasser-Geschäftsführer Michael Beckereit ein Mahnmal ein. Es erinnert an die rund 500 Zwangsarbeiter, die während des Nationalsozialismus für die Hamburger Wasserwerke und die Stadtentwässerung arbeiten mussten.

Konstruiert wurde das Mahnmal – ein geöffnetes Rohr, das eine Tafel mit Namen umschließt – von Meinhard Weidner, Grafiker des Wasserversorgers. Beim Aufstellen des Metallkonstruktes halfen Auszubildende.

Historiker veröffentlicht seine Recherchen in Buchform

Hamburg Wasser hat seine Rolle in der NS-Zeit wissenschaftlich aufarbeiten lassen – und kommt dabei nicht gut weg. Der Historiker Dr. David Templin von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) veröffentlicht seine Recherchen in diesem Monat unter dem Titel „Wasser für die Volksgemeinschaft“ (360 Seiten) im Dölling und Galitz Verlag.

Die Hamburger Wasserwerke verwalteten in der NS-Zeit auch 17 Badeanstalten, berichtete Templin gestern. Der Eintritt war Juden ab 1937 verboten. „Spätestens ab 1940 setzten die Wasserwerke Zwangsarbeiter ein“, sagt der Historiker. Die aus Ländern wie Italien, Russland und Dänemark stammenden Männer mussten unter anderem die 22 Fußballfeld-großen Filter, Kanäle und Rohrleitungen reparieren und reinigen. Unter anderem arbeiteten sie auf dem Gelände des Hauptpumpwerks in Rothenburgsort.

Ab 1943 wurden vor allem „Militärinternierte“ aus Italien eingesetzt, 1944 und 1945 auch ein Arbeitskommando aus Häftlingen des Konzentrationslagers Neuengamme. Templin: „Die Arbeit war hart, die Männer wurden schlecht behandelt. Viele überlebten das nicht.“ Templins Fazit: „Die Wasserwerke waren Teil der faktischen Vernichtung durch Arbeit.“

„Größter Zivilisationsbruch der Geschichte“

Manfred Hessel-Stahl und dessen italienischer Halbbruder waren ebenfalls unter den Gästen der Mahnmal-Enthüllung. Ihr Vater war einer der 139 italienischen Zwangsarbeiter, deren Namen überliefert sind. Er überlebte die Torturen. Hessel-Stahl betonte, dass es von ungeheurer Bedeutung sei, dass die folgenden Generationen sich des „größten Zivilisationsbruchs der Geschichte, der massenhaften industriellen Ermordung von Menschen“, bewusst seien.

„Die Formel ,Es gibt keine Daten, dann ist auch keine Auskunft möglich’ hat sich in unserem Unternehmen verselbstständigt“, sagt Geschäftsführer Beckereit und fügt hinzu: „So funktioniert Verdrängung. Aber wir wollen nicht mehr verdrängen.“