Drogentherapie

Abschied der Come-In-Veteranen

Foto: Thomas Heyen / Heyen

Moorfleet. Seit 1993 war Norbert Mahringer Leiter der Therapieeinrichtung für suchtkranke Kinder und Jugendliche "Come In" am Moorfleeter Deich. Fast 800 Patienten hat der 59-Jährige in dieser Zeit begleitet.

Norbert Mahringer, Leiter des „Come In“, verabschiedet sich am Sonnabend aus der Therapieeinrichtung für suchtkranke Kinder und Jugendliche. Der 59-Jährige ist seit drei Jahren in Altersteilzeit, arbeitete trotzdem in Vollzeit. Ab dem 1. Dezember kommt für ihn der angenehme dreijährige Teil der Altersteilzeit: Gar nicht mehr arbeiten müssen. 20 Jahre war Mahringer in der Fachklinik für die Rehabilitation suchtkranker junger Menschen tätig – seit der Eröffnung 1992.

„Nach der Altersteilzeit, in drei Jahren, gehe ich in mit 63 Jahren in den Ruhestand“, sagt der „Come In“-Leiter. Ein Nachfolger steht fest. Sein Name darf allerdings noch nicht genannt werden. Der Psychiater wird ab dem 1. Januar die Leitung des Hauses am Moorfleeter Deich 341 übernehmen. Mahringer: „Er hat viel mit Suchtkranken gearbeitet.“

Mahringer begann 1993 als stellvertretender Leiter, seit 2006 steht er an erster Stelle der Klinik. Als praktischer Arzt kümmert er sich auch um das körperliche Wohlbefinden der Bewohner – von der Aufnahmeuntersuchung bis zum Drogenkontrolltest. Als Beauftragter für Qualitäts-Management sorgte er zudem dafür, dass das „Come In“ 2007 als erste Jugendhilfe-Einrichtung in Hamburg ein Qualitäts-Zertifikat erhielt.

Mahringer will nun „nicht nichts tun“, sondern sich ehrenamtlich engagieren: Mit Gleichgesinnten hat er eine Software entwickelt, die ausgebaut werden soll. „Es handelt sich um ein Programm für die Arbeit mit persönlichen Zielen. Wir wenden es im ‚Come In’ bereits an“, sagt er. Dadurch könnten sich Jugendhilfe-Einrichtungen, aber auch Unternehmen aus ganz anderen Bereichen, „vom Zettelchaos verabschieden“.

Mahringer lebt mit seiner Frau und einem seiner drei erwachsenen Söhne in Schnakenbek. Der 59-Jährige entwickelt in seiner Freizeit nicht nur Software, sondern schraubt auch gern an alten Computern und Druckern herum. Er hat schon einige Geräte flott gemacht und nach Afrika verschickt oder der Arbeiterwohlfahrt gespendet.

Zu Feier des 20. Geburtstags des „Come In“ im Frühjahr will Mahringer auf jeden Fall an den Moorfleeter Deich zurückkehren. „Da kommen auch viele andere Ehemalige“, sagt er. Zu ihnen wird auch Laszlo Pota (59) gehören. Der Psychologe fing damals mit Mahringer im „Come In“ an, leitete die Einrichtung von 1992 bis 2006. Nun hört Pota gemeinsam mit dem Allgemeinmediziner auf. Mahringer: „Herr Pota hat dasselbe Arbeitszeitmodell gewählt wie ich.“ Auf Initiative des Psychologen hin wurde die Einrichtung gegründet.

Im „Come In“ arbeiten 25 Mitarbeiter, darunter acht Erzieher, zwei Psychologinnen und drei Lehrer. Unter den 30 Klienten (14 bis 20 Jahre) sind vier Mädchen und Frauen. Die jungen Menschen bleiben maximal zwei Jahre in der Einrichtung.

Sie leben in zwei Neubauten. Im Hauptgebäude, einer Villa aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts, sind Funktionsräume untergebracht, in denen unter anderem Schulfächer unterrichtet werden. Der Altbau ist dringend sanierungsbedürftig. Das zweite Stockwerk kann gar nicht genutzt werden, weil die alte Holztreppe instabil ist. „Sonst könnten wir hier bis zu zwölf Klienten mehr aufnehmen“, sagt Mahringer.

Ein Drittel aller Klienten hat eine günstige Prognose für den späteren Lebensweg, muss nicht wieder wegen Drogenproblemen in Behandlung. Mahringer: „Wir können diese Zahlen nur schätzen, weil wir nicht mit allen in Kontakt bleiben. Aber viele ‚Ehemalige’ haben wir nach zehn, 15, 18 Jahren befragt.“

790 junge Menschen wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Moorfleet behandelt – durchschnittlich 173 Tage. 181 von ihnen lebten länger als ein Jahr im „Come In“. Der Altersdurchschnitt liegt bei 16,7 Jahren. 87 Prozent der Klienten sind zwischen 14 und 18 Jahre jung.

Die Drogen, nach denen die jungen Leute süchtig sind, reichen von Alkohol bis zu Heroin. „Letzteres ist heute allerdings eher die Ausnahme, im Gegensatz zu vor 20 Jahren. Damals war jeder zweite Klient heroinsüchtig“, sagt Mahringer. Inzwischen seien Cannabis, Speed und Ecstasy sehr in den Vordergrund gerückt. Mahringer: „Viele Klienten haben alles durcheinander genommen, um ihrem Allttag, den sie als Elend empfanden, zu entfliehen.“