Zeitzeuge

Gequält doch ungebrochen im Kampf gegen Rechts

Foto: BGZ / Wiebke Schwirten / Schwirten

Neuengamme. Sigmund Sobolewski war viereinhalb Jahre lang im KZ Auschwitz-Birkenau inhaftiert. Am Mittwoch erzählte der 89-Jährige seine Geschichte den Schülern des Oberstufenprofils "Kollektives Gedächtnis" der Stadtteilschule Bergedorf. Trotz der Qual, die Deutsche ihm antaten, hasst er Deutschland nicht. Ungebrochen kämpft er gegen Neo-Nazis, Antisemiten und Holocaust-Leugner.

Sigmund Sobolewski trägt gestreifte Häftlingskleidung, auf der linken Brust prangen die Zahl 88 und der Schriftzug „Auschwitz“ neben einem weißen „P“ auf rotem Dreieck. Der heute 89-Jährige stammt aus Polen. Er wurde mit dem ersten Transport 1940 ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Fortan war der 17-Jährige „Nummer 88“. Am Mittwoch erzählte er in der Gedenkstätte Neuengamme Schülern der Stadtteilschule Bergedorf über eine Zeit, die immer mehr zu verblassen droht.

Sobolewski ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen und der einzige Überlebende, der 1944 die Revolte im KZ Auschwitz-Birkenau miterlebt hat. Damals hatte eine Gruppe jüdischer Häftlinge das Krematorium Nummer 4 gesprengt und wollte fliehen. Sobolewski musste helfen, das Feuer zu löschen. Und er musste mit ansehen, wie 450 Juden als Vergeltung hingerichtet wurden.

„Ich heiße Sigmund“, begrüßt Sobolewski die Schüler. Viele von ihnen sind um die 17 Jahre alt. So wie er damals, als er ins KZ musste. Der 89-Jährige stützt sich auf einen Gehstock und wirkt dennoch unglaublich vital. Lachfältchen umspielen seine wachen Augen und er lächelt die Jugendlichen an. Erst einmal schiebt er den für ihn bereit gestellten Tisch beiseite, rückt seinen Stuhl davor. Er will seinem Zuhörerkreis nahe sein, ohne störende Barrieren.

Das Oberstufenprofil „Kollektives Gedächtnis“ ist bestens präpariert, hat sich viele Fragen an den Zeitzeugen notiert. Doch der 89-Jährige sprudelt sofort los, erzählt, wie er als „Schutzhäftling“ nach Auschwitz kam, wie er dort lebte, wie er litt und wie es möglich war, das Grauen viereinhalb Jahre lang zu ertragen. Er lebt heute mit seiner Frau in Kanada, mischt im Gespräch deutsche und englische Sätze, spricht spanisch. Doch es ist ganz egal, in welcher Sprache er redet, er wird verstanden, mehr noch, er lässt seinen Weg miterleben.

„Lauter“, brüllt er einen nahe neben ihm stehenden Schüler an, hebt drohend den Stock. So herrschten die KZ-Aufseher die Häftlinge an, prügelten den, der nicht laut genug sang. Und dann singt der alte Mann mit brüchiger Stimme: „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich...“. Diese Stimme, dieses Lied und diese absurde Vorstellung, es mit Todesangst im KZ singen zu müssen, macht atemlos, sticht ins Herz. Seine Jugend, das Verschweigen, ein Kadettenschüler gewesen zu sein, seine Anstellung in der KZ-Tischlerei und „Nummer 3“ – der Mann namens Barke, der ihm dort Arbeit gab – , all’ das habe ihm das Leben gerettet, sagt Sobolewski: „Ich gehörte zu den privilegierten Häftlingen.“ Soll heißen, er durfte für schwerste zusätzliche Arbeit letzte Suppenreste zusammenkratzen und auslöffeln. Fassungslosigkeit erfüllt den Raum, als Sobolewski davon erzählt, wie er bestraft wurde, weil er drei kleine Stückchen Margarine eingesteckt hatte. An den auf dem Rücken gefesselten Armen musste er eine qualvolle Stunde lang an einem Dachbalken hängen. Andere traf es noch schlimmer, wenn Aufseher ihnen zusätzlich ins Genick sprangen, bis die Schultern brachen.

Würde er Deutschland hassen, es würde nicht verblüffen. Doch dieser Mann, den die Nazis offenbar nur deshalb einsperrten, weil seine Familie zur gebildeten Mittelschicht gehörte, hasst nicht. Er kommt gern aus dem fernen Kanada nach Neuengamme, will mit jungen Menschen sprechen, kämpft gegen Neo-Nazis, Antisemiten und Holocaust-Leugner. Deshalb hat er sich eine Häftlingskleidung schneidern lassen, protestiert in ihr gegen rechte Gesinnung, wo immer es geht.

Kommentar von Wiebke Schwirten: Zuhören und unterstützen

Es gibt nicht mehr viele wie Sigmund Sobolewski, die den Holocaust überlebt haben und davon erzählen können. Wer immer kann, sollte die Gelegenheit wahrnehmen und zuhören. Schütteln Sie gerade den Kopf? Haben Sie genug gehört und wollen sich nicht schuldig fühlen müssen für die deutsche Vergangenheit, die Sie nicht beeinflussen konnten? Verständlich. Doch es geht bei diesen Gesprächen gar nicht um Schuld. Es lohnt sich einfach, diesen Menschen zuzuhören. Sie machen nachdenklich und ermutigen, andere zu unterstützen – etwa die Jugend, die bereit ist, gegen rechte Gewalt aufzustehen.