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Deutsche Bahn: Kann Richard Lutz den „Klimaretter“ retten?

7 Lifehacks für Bahnreisende – mit diesen Tricks reisen Sie besser

Verspätet, überfüllt, zu laut. Mit ein paar cleveren Tricks kann man viele Nervereien beim Bahnfahren umgehen. Wie Sie auch ohne Reservierung einen guten Sitzplatz bekommen und wann es die besten Sparpreise gibt, verrät dieses Video.

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Die Bahn baut die Verluste weiter aus, Vorstandschef Lutz möchte trotzdem weitermachen. Es gibt keine Bußgelder für Maskenverweigerer.

Berlin.  Es ist ein frischer Morgen in der Zeit der Corona-Ausgangsbeschränkungen. In der Straße hinter dem Bahnhof Zoo in Berlin warten mehrere Helfer der Bahnhofsmission auf seinen Besuch. Bahnchef Richard Lutz schaut vorbei. Das Unternehmen spendet Schutzmasken, Desinfektionsmittel und was die Helfer für Obdachlose sonst noch dringend benötigen.

Lutz kommt mit der S-Bahn, dankt denen, die freiwillig Sozialarbeit leisten und übergibt die Hilfsgüter. Gegenüber bricht eine Schlägerei zwischen Obdachlosen aus. Es kreist die Wodkaflasche. Lutz unterstützt die Bahnhofsmission schon lange. Großes Tamtam macht er daraus aber nicht.

In dieser Zeit waren Masken noch Mangelware in Deutschland. Die Bahn hatte aber schon im Februar, vor dem großen Boom der Nachfrage, Millionen davon bestellt und sich auf eine mögliche Pandemie vorbereitet. Masken spielen heute eine wesentliche Rolle im öffentlichen Verkehr. Die staatlich verordnete Pflicht zum Tragen in Bussen und Bahnen wird dabei von manchen Fahrgästen missachtet.

Bahn appelliert bei Maskenpflicht an Vernunft der Fahrgäste

Während andere Verkehrsunternehmen den Zwang zum Masken-Tragen in ihre Beförderungsbedingungen aufgenommen haben und bei Verstößen nun mit Bußgeldern drohen, lehnt Lutz dies für den Fernverkehr ab. „Wir setzen auf Einsicht und die Kommunikation der Zugbegleiter mit den Fahrgästen, wenn diese keine Maske tragen wollen“, so Lutz, „Überzeugung und Appell an die Verantwortung stehen vor der Bestrafung“.

Wenn dies nicht wirke, hole die Bundespolizei uneinsichtige Fahrgäste am nächsten Bahnhof aus dem Zug. „Das ist bisher aber nur sehr selten vorgekommen“, berichtet Lutz im Gespräch mit unserer Redaktion. Dahinter stehen wohl auch juristische Bedenken, ob ein Unternehmen einen derartigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte überhaupt verordnen darf.

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Bahn: Trotz schwieriger Konzernlage ist Lutz nicht umstritten

Im März 2017 hat Lutz seinen Job als Bahnchef angetreten, nachdem sein Vorgänger Rüdiger Grube unerwartet die Brocken hinschmiss. Bei dem Staatskonzern arbeitet der 56-Jährige schon seit 1994, zuletzt als Finanzvorstand. Um den Chefposten habe sich der Hobbyschachspieler zunächst nicht gerissen, heißt es im Bahntower.

Mittlerweile hat sich seine Haltung trotz vieler Querelen und massiver Finanzprobleme des Konzerns geändert. Wenn im nächsten März seine Vertragsverlängerung ansteht, würde er gerne wieder unterschreiben. „Mir macht die Arbeit so viel Spaß wie noch nie“, sagte Lutz. Die Strategie der „starken Schiene“ spiegele das wider, warum er sich einst für die Arbeit bei der Deutschen Bahn entschieden habe.

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Erstaunlicherweise ist der Bahnchef derzeit trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage des Konzerns nicht umstritten. Im vergangenen Jahr haben Kritiker ihn noch in Frage gestellt, weil es mit dem Staatskonzern einfach nicht voran gehen wollte, der Schuldenberg immer weiter anstieg, der Gewinn zusammenschmolz und es auch noch einen internen Machtkampf gab, den Lutz am Ende gewann.

Bahn: 1,2 Milliarden Euro Verlust für die bis Ende Mai

Die finanzielle Lage des Konzerns ist desaströs. Bis Ende Mai hat die Bahn 1,2 Milliarden Euro Verlust angehäuft. Wenn am Donnerstag die Halbjahresbilanz veröffentlicht wird, dürften weitere Verluste dazu gekommen sein. „Bis 2024 rechnen wir bei der Eisenbahn mit coronabedingten Ausfällen von acht bis zehn Milliarden Euro“, räumt Lutz ein.

Der Staat muss die Bahn wieder einmal retten . Die Regierung stockt das Eigenkapital um Milliarden auf, der Bundestag erhöht die Schuldenobergrenze von 25 Milliarden Euro auf 30 Milliarden Euro. Auf die Beschäftigten kommt ein Sparkurs zu. Kurzarbeit oder Gehaltskürzungen werde es aber nicht geben und die Einstellungsoffensive fortgesetzt, versichert Lutz. Nach der Krise werde der Wachstumstrend der Schiene wieder aufgenommen. Lutz ist Optimist.

Oberster Dienstherr des Bahnchefs ist Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). In den vergangenen Monaten trat Lutz häufig mit ihm gemeinsam auf. So zitierte Scheuer die Bahnspitze wegen zu vieler Verspätungen medienwirksam zum Rapport ins Ministerium. Es sah nach einer Vorführung des Vorstands durch den Eigentümer der Bahn aus.

Da das Unternehmen die Pünktlichkeit nicht in den Griff bekam, sahen manche den Bahnchef schon auf dem Abstellgleis. Dabei handelte es sich nur um eine Inszenierung, die in einem der üblichen Fünf-Punkte-Pläne, mündete, die sofortige Wirkung versprechen sollen. Denn jedem Kenner der Probleme ist klar, dass sich die Pünktlichkeit aufgrund der knappen Schienenkapazitäten nur langsam bessern kann .

Verkehrsminister Scheuer nutzt Termine mit Lutz, um sein Image aufzupolieren

Die Show des Ministers sollte wohl vor allem den Bundesrechnungshof beruhigen. Die Kassenprüfer hatten zuvor in einem Sonderbericht das fehlende Engagement der Politik bei der Bahn angeprangert.

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In diesen Tagen nutzt Scheuer öffentliche Termine mit Lutz vor allem dazu, um sein Image als Klimaschützer aufzupolieren und wohl auch, um von den Pleiten seiner Amtszeit abzulenken. So geschah es kürzlich beim Schienenpakt, in dem die gesamte Branche den Ausbau des Schienenverkehrs besiegelt hat.

Rückblickend ist die Zwischenbilanz von Richard Lutz nicht so schlecht wie die Zahlen in der Bilanz. Mit einem Brandbrief über die desolate Lage hatte der Bahnchef 2018 die Bundesregierung verärgert – und geweckt.

Im vergangenen Jahr sagte die Politik insgesamt 86 Milliarden Euro für die Sanierung des Netzes in diesem Jahrzehnt zu. Von dem Geld werden auch viele neue Züge angeschafft. Denn die Bahn gilt heute als unverzichtbarer Klimaretter – und ist damit ein neuer Liebling der Politik.

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