Handel

Oxfam: Supermärkte kümmern sich zu wenig um Menschenrechte

Diese Lieferdienste bringen Lebensmittel nach Hause

Wegen des Coronavirus bleiben Millionen Deutsche zu Hause. Rewe, Amazon und viele andere Anbieter liefern Lebensmittel – aber längst nicht überall hin.

Beschreibung anzeigen

Menschenrechte spielen beim Wareneinkauf oft eine Nebenrolle, so eine Oxfam-Studie. Lidl, Rewe und Aldi haben sich verbessert, Edeka ist Letzter.

Berlin. Die Einhaltung von Menschenrechten spielen für Supermärkte und Discounter beim Wareneinkauf von Lebensmitteln immer noch eine Nebenrolle. Vielerorts werden Menschenrechte von Arbeitern, Kleinbauern und Frauen bei der Herstellung von Produkten verletzt, die in den Regalen von europäischen Lebensmittelhändlern landen.

Dies hat ein Supermarkt-Check der Entwicklungsorganisation Oxfam ergeben, der unserer Redaktion vorliegt. Test-Sieger sind die drei britischen Supermärkte Tesco, Sainsbury’s und Morrisons – danach erst kommt mit Lidl ein deutscher Discounter auf Platz vier.

Lidl schneidet unter den deutschen Handelskonzernen am besten ab

Die großen deutschen Handelsriesen schneiden insgesamt nicht gerade als Musterknaben ab. Lidl, Aldi Süd (Platz 6), Rewe (Platz 7) und Aldi Nord (Platz 10) haben sich im Vergleich zu den Vorjahren zwar verbessert, doch noch immer erreicht kein deutscher Supermarkt mehr als ein Drittel aller möglichen Punkte, so die Studie. Edeka landet im internationalen Vergleich auf dem letzten Platz. Lesen Sie auch: Warum Aldi und Lidl schwächeln – und Supermärkte zulegen

Untersucht wurden 16 Supermarktketten in Deutschland, Großbritannien, den USA und den Niederlanden. Geprüft hat Oxfam in der Studie anhand internationaler Leitprinzipien für Menschenrechte, inwieweit die Unternehmen sich öffentlich und aktiv für mehr Transparenz, Arbeitnehmer- und Frauenrechte in den Ursprungsländern ihrer Produkte einsetzen. Allein in Deutschland beherrschen die Schwarzgruppe (Lidl und Kaufland), Aldi, Rewe und Edeka 85 Prozent des Marktes.

Oxfam kritisiert: Viele Menschen erhalten Hungerlohn für ihre Arbeit

„Konzerne tun zu wenig dagegen, dass die Menschen, die das Essen in den Supermarktregalen herstellen, ausgebeutet werden“, kritisiert Franziska Humbert, Oxfam-Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte. Viele Menschen erhielten Hungerlöhne zur Produktion unserer Lebensmittel, die nicht zum Leben reichten. „Es kann nicht sein, dass es vom Gutdünken der Unternehmen abhängt, ob sie die Menschen schützen, die unser Essen produzieren.“

Oxfam fordert deshalb auch für Deutschland dringend ein Lieferkettengesetz für alle Unternehmen, die sie zur Einhaltung von Menschenrechten und des Umweltschutzes entlang der gesamten Produktionskette zwingt. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) wollten dazu längst die Eckpunkte für ein solches Gesetz vorlegen. Doch die Industrie leistet bisher schon im Vorfeld Widerstand.

Großbritannien hat Gesetz gegen Sklaverei

So gibt es beispielsweise in Großbritannien ein Gesetz gegen Sklaverei, das Supermärkte dazu verpflichtet über ihre Menschenrechtspolitik zu berichten. Dies sei auch ein Grund für das gute Abschneiden der britischen Supermarktkonzerne in dem Test, meint Humbert. Supermärkte müssten zudem ihre Zulieferer bessere Preise bieten, damit diese existenzsichernde Löhne bezahlen könnten.

Fortschritte bescheinigt Oxfam vor allem Lidl, Aldi und Rewe. Alle drei förderten mit Projekten und Selbstverpflichtungen vor allem Frauen in den Lieferländern. Lidl habe mittlerweile einen Großteil seiner direkten Zulieferer offengelegt, während andere dies verweigerten. Dieser Schritt von Lidl zeige, so Humbert: „Supermärkte können, wenn sie denn wollen.“

Aldi und Lidl arbeiten bei Risikoprodukten mit Gewerkschaften zusammen

Aldi und Lidl haben sich beispielsweise verpflichtet, für Risikoprodukte – wie Erdbeeren aus Spanien oder Bananen aus Südamerika, wo es häufig zur Ausbeutung von Erntehelfern kommen kann – mit Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Lidl hat zudem Projekte in Brasilien, Ghana und Ecuador gestartet, dort existenzsichernde Löhne zu bezahlen, berichtet Humbert. Alle Supermärkte – außer Edeka – schulten zudem Kleinbauern, wie sie durch bessere Know-how höhere Einkommen erzielen können. Hintergrund: Aldi, Lidl & Co wollen existenzsichernde Löhne bezahlen

Warum Edeka so schlecht abschneidet

Das schlechte Abschneiden von Edeka erklärt Oxfam unter anderem damit, dass sich das Unternehmen vorrangig auf seine Partnerschaft mit dem World Wildlife Fund (WWF) konzentriert, die aber vor allem Umweltaspekte im Blick haben – wie den Wasserverbrauch beim Obst- und Gemüseanbau. „Das ist zweifelsohne wichtig. Die menschenrechtliche Verantwortung ist jedoch ebenso zentral“, heißt es in der Studie. So habe die Handelskette auch keinen Menschenrechtsbeauftragten im Unternehmen.

Edeka kritisiert die Oxfam-Studie und weist die Kritik zurück

Edeka weist die Kritik zurück: „Beim „Supermarkt-Check“ handelt es sich um eine Kampagne, nicht um eine objektive Studie“, heißt es in einer Stellungnahme von Edeka. Bewertet würden nur öffentlich zugängliche Informationen in Nachhaltigkeitsberichten und auf Websites. „Mit anderen Worten: Bewertet wurde nur die Außendarstellung eines Unternehmens, nicht aber das tatsächliche Engagement.“

„Selbstverständlich legen wir Wert auf existenzsichernde Löhne in unseren Lieferketten“, sagte ein Edeka-Sprecher. Die Handelskette sei Mitglied der Arbeitsgruppe zu existenzsichernden Einkommen und existenzsichernden Löhnen der INA (Initiative Nachhaltige Argrarlieferketten), einer Initiative des Einzelhandels in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ).

„Wir arbeiten hier gemeinsam an der Realisierung existenzsichernder Einkommen und existenzsichernder Löhne für Bauern- und Arbeiterfamilien in globalen Lieferketten. Zudem verfügen wir über eine eigene Abteilung, die sich ausschließlich mit dem Thema menschenrechtliche Sorgfaltspflichten beschäftigt“, so der Handelskonzern.