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Clemens Tönnies: Wie tickt der Chef des Fleisch-Imperiums?

Corona-Massenausbruch: Zustände in der Fleischbranche im Fokus

Der Corona-Massenausbruch beim Fleischkonzern Tönnies heizt die Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Branche weiter an. Insbesondere die Werkverträge mit ausländischen Arbeitnehmern stehen in der Kritik.

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Clemens Tönnies’ Schlachthof war der Ursprung eines neuen Corona-Ausbruchs in Gütersloh. Wer ist der Mann hinter dem Fleisch-Imperium?

Rheda-Wiedenbrück. Die Schulen sind geschlossen, das Alltagsleben ist wieder stark eingeschränkt, in Urlaubsregionen sind Menschen aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf in Nordrhein-Westfalen derzeit nicht gern gesehen. Im Zentrum des dafür verantwortlichen Corona-Ausbruchs steht ein Schlachthof der Firma Tönnies, eine der größten Fleischfabriken in ganz Deutschland.

1500 Menschen sind hier Ende Juni positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Kritik an den Arbeitsbedingungen für billige Arbeitskräfte aus Osteuropa und dem Chef des Fleisch-Imperiums Clemens Tönnies (64) reißt nicht ab. Wie tickt der Manager, der das Schlachten zum Milliardengeschäft gemacht hat und bei Schalke 04 bis zu seinem Rücktritt für jede Menge Kontroversen sorgte?

Tönnies ist ein Unternehmer, der aus der Zeit des Wirtschaftswunders stammen könnte: jovial und hemdsärmelig – Kritiker nennen ihn auch rücksichtslos. Ähnlich wie die Firmenpatriarchen der jungen Bundesrepublik baute der Metzgerssohn, zunächst zusammen mit seinem 1994 gestorbenen Bruder Bernd, ein verzweigtes Unternehmensimperium auf.

Tönnies’ Fleischfabriken töten 17 Millionen Tiere im Jahr

Beinahe aus dem Nichts wurde er zur Nummer eins der Schlachtbranche in Deutschland. Dabei wollte Tönnies „lieber Radio- und Fernsehtechniker lernen, als in der blöden Wurstküche herumzustehen“, wie er in einem Interview gesagt hat.

An seinem Fleischimperium führt in der Lebensmittelindustrie kein Weg vorbei. „Tönnies ist in der Fleischwirtschaft das Leitunternehmen der Branche. Es hat eine Rolle wie Aldi im Lebensmittelhandel“, sagt der Agrarökonom Achim Spiller von der Universität Göttingen.

Mit der nach dem Corona-Ausbruch still stehenden Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück habe Tönnies ein neues Modell für Schlachtung und Verarbeitung in Deutschland und Europa entwickelt, „mit großer Flexibilität und hohem Verarbeitungstempo bis hin zum fertig verpackten Produkt“. Rund 30 Prozent der in Deutschland geschlachteten Schweine werden von Tönnies zerlegt und weiterverarbeitet. Im vergangenen Jahr waren es rund 17 Millionen Tiere.

Beim Einkaufen sind die Tönnies-Marken überall

Tönnies schlachtet nicht nur Schweine. Wer beim Einkaufen vor abgepackter Wurst steht, sieht die Tönnies-Marken überall: Böklunder, Gutfried, Könecke, Redlefsen oder Zimbo. So erkennt man Fleisch und Produkte von Tönnies. „Fleisch ist ein Cent-Geschäft, da verdient man am einzelnen Produkt ganz wenig“, sagt Agrarökonom Spiller. Auch deshalb habe Tönnies nach und nach Wurstproduzenten dazu gekauft. „Das ist das etwas renditeträchtigere Geschäft.“

Die Fabriken des 64-Jährigen können kurzfristig schneller und mehr liefern als andere. Für geringe Arbeitskosten sorgen massenhaft nach Ostwestfalen geholte Arbeiter aus Osteuropa. „Mit diesem System hat Tönnies in Europa die Kostenführerschaft erlangt“, sagt der Wissenschaftler. Das „System Tönnies“ habe Schule gemacht. „Alle anderen haben sich an Tönnies orientiert. Aber nicht so konsequent und nicht mit so viel Kapitaleinsatz“.

Schlachthof-Chef Clemens Tönnies macht sein Ding

Dem Milliardär schlägt blanker Hass entgegen

Im Kreis Gütersloh schlägt Tönnies heute an vielen Stellen blanker Hass entgegen. Die Menschen machen den Milliardär wegen seines Umgangs mit Werksarbeitern für den Rückschlag bei der Corona-Bekämpfung verantwortlich. Wer aus Gütersloh und Umgebung kommt, ist ohne Attest inzwischen in vielen deutschen Urlaubsregionen unerwünscht.

Dabei vermittelte der streiterprobte Manager bislang eine kumpelhafte Nähe, zeigte sich vor der Krise immer nahbar und ostwestfälisch bodenständig. Wenn der gelernte Fleischer aus Rheda-Wiedenbrück den Raum betrat, begrüßte er bis vor wenigen Monaten noch jeden persönlich. Da ein Schwätzchen, hier eine Anmerkung zu „seinem“ Ex-Verein Schalke 04 oder dem ewigen Rivalen Borussia Dortmund.

Der Handschlag wurde zum Verhängnis

Das mit dem Handschlag ist allerdings so eine Sache. Und das nicht erst seit Corona und den hundertfachen Infektionen unter Werksvertragsarbeitern in seinem größten Werk in Rheda-Wiedenbrück. Bereits vor Jahrzehnten regelte Clemens Tönnies vieles per Handschlag. Der gilt auf dem Land wie ein schriftlicher Vertrag. Allerdings brachte ihn das mehrmals in Erklärungsnot.

Im Streit mit seinem Neffen Robert (42) um Firmenanteile und die Führung des Unternehmens unterlag Clemens wiederholt vor den Gerichten. Da zählten mündliche Verabredungen mit Bruder und Firmengründer Bernd Tönnies nicht. Die Richter wollten Verträge und schriftliche Belege sehen.

Dass sein Neffe ihn dabei immer wieder bis aufs Blut provozierte, ärgerte Clemens Tönnies maßlos. Die Familienstämme plauderten vor den Richtern die intimsten Details aus der Verwandtschaft aus – Beobachter verglichen das gerne mit der US-Fernsehserie Dallas. Ein Friedensschluss hielt nicht lange. Schnell war der Streit wieder da. Jetzt soll ein privates Schiedsgericht die Sache klären. Nach dem Corona-Ausbruch hat Robert erneut Clemens’ Rücktritt gefordert.

Helene Fischer singt zum 60. Geburtstag

Unlängst hat das Fachblatt „Agrarzeitung“ Clemens Tönnies als „Schlachter mit Glamour-Effekt“ bezeichnet. Bei seinem 60. Geburtstag sang er zusammen mit Stargast Helene Fischer auf der Bühne sein eigenes Ständchen. Seine Kontakte in die Politik sind kein Geheimnis: Altkanzler Gerhard Schröder und Russlands Präsident Wladimir Putin gehören dazu.

Er nutzte das gleich doppelt. Für den Fußballclub Schalke 04 und die Expansionspläne seiner Firma. Der Markt in Deutschland war ausgereizt, den Tönnies-Konzern zog es auch nach Russland.

Tönnies ist das Gesicht einer skandalträchtigen Branche

Von Glanz dürfte inzwischen niemand mehr sprechen. Der 64-Jährige ist für viele zum Gesicht einer Branche geworden, der nicht erst seit dem Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück ausbeuterische Arbeitsbedingungen und eine menschenunwürdige Unterbringung von Werkvertragsbeschäftigten vorgeworfen wird.

Bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt nach Ausbruch der Pandemie gab er sich kämpferisch. „Wir werden diese Branche verändern.“ Tönnies hätte wohl die Mittel dazu. Der Corona-Ausbruch auf dem Schlachthof könnte Tönnies allerdings noch teuer zu stehen kommen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) haben bereits angekündigt, die Haftbarkeit des Fleischproduzenten prüfen zu lassen.

Die Krise im Schlachthof-Reich hat auch auf den Fußballmenschen Tönnies übergegriffen. Seit 2001 hatte er als Aufsichtsratschef beim Bundesligisten Schalke 04 das letzte Wort. Dass er dem notorisch klammen Club in finanziell kritischen Zeiten mit einem Millionen-Überbrückungskredit aus der Patsche half, ist ein offenes Geheimnis. Doch stets erhielt Tönnies sein Geld mit Zinsen wieder zurück.

Viele Jahre war Tönnies bei den Anhängern beliebt – solange der sportliche Erfolg da war. Doch auch das ist vorbei. Nach Äußerungen über das Fortpflanzungsverhalten von Afrikanern ließ er wegen eines Verstoßes gegen das in Clubsatzung und Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot sein Amt drei Monate ruhen.

Tönnies tritt zurück

Seine Äußerungen zur deutschen Entwicklungspolitik bei einem Gastvortrag vor Unternehmern in Paderborn sorgten bundesweit für Entrüstung. „Der Bundesentwicklungsminister soll stattdessen Kraftwerke in Afrika finanzieren, der spendiert dann jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afrika. Dann hören die (Afrikaner) auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren.“ So lautete das Zitat des Anstoßes im August 2019, das die ohnehin sensible Rassismus-Debatte befeuerte.

Zwar entschuldigte sich Tönnies öffentlich, unter anderem auch persönlich beim Schalker Kult- und Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah. Doch für die als rassistisch eingestuften Äußerungen hagelte es Kritik bis hin zu Rücktrittsforderungen.

Seitdem brodelte es an allen Ecken und Enden. Viele Fans trieb die Sorge um, dass der Club in den Strudel der Krise im Tönnies-Unternehmen gerät. Am 27. Juni hatten sie unter dem Motto „Schalke ist kein Schlachthof – gegen die Zerlegung unseres Vereins“ demonstriert. Der Druck schien dann selbst für Tönnies zu groß geworden zu sein. Drei Tage nach den Demonstrationen trat er als Aufsichtsratchef bei Schalke zurück.

(aky/dpa)