Kommentar

Wirecard: Der Schaden geht weit über den Konzern hinaus

Betrug Bei Wirecard? Finanzdienstleister droht Abschied aus dem DAX

Beim Finanzdienstleister Wirecard lassen sich 1,9 Milliarden Euro nicht zuordnen. Gigantischer Betrug? Dem Konzern droht der Abstieg.

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Wirecard steht im Bilanzskandal vor einem Totalschaden. Viel Vertrauen ist verloren gegangen, offene Fragen bleiben. Ein Kommentar.

Berlin. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass am Montag die Lufthansa aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) absteigen wird. Aus der ersten Börsenliga verabschiedet sich ein bis zur Corona-Krise kerngesundes Unternehmen mit funktionierenden Strukturen.

Verbleiben im deutschen Börsen-Aushängeschild wird dagegen vorerst der Zahlungsdienstleister Wirecard, der für einen der größten Wirtschaftsskandale Deutschlands verantwortlich zu sein scheint. 1,9 Milliarden Euro und damit ein Viertel von Wirecards Bilanzsumme sind offenbar verschwunden. Unklar ist, ob sie je existiert haben. Die Indizien für einen Betrugsfall werden immer erdrückender für den Tech-Konzern aus dem Münchener Vorort Aschheim.

Wirecard: Totalschaden und viele offene Fragen

Für Wirecard ist es ein Totalschaden. Gemessen am Rekordwert vom September 2018 war die Wirecard-Aktie am Freitag zwischenzeitlich nur noch ein Zehntel wert. Ob sich der Zahlungsdienstleister je wieder erholen kann, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen – sofern das Unternehmen nicht vorher insolvent geht. Im Dax hat Wirecard jedenfalls nichts mehr verloren.

Doch der Schaden geht weit über Wirecard hinaus. Er beschädigt den Finanzstandort Deutschland und hinterlässt Fragen. Seit über eineinhalb Jahren gibt es die Vorwürfe der Bilanzfälschung. Wirecard sah sich stets als Opfer, das ist bis heute so.

Die strukturellen Probleme aber waren sichtbar. Konzernchef Markus Braun regierte den Zahlungsabwickler als Alleinherrscher, Aktionäre wurden mit wortkargen Meldungen und Ungereimtheiten abgespeist. Die Compliance, die in einem Unternehmen die Einhaltung von Regeln kontrolliert, war unterentwickelt. Wie konnte das Unternehmen trotz Ungereimtheiten im Vorjahr ein Testat erhalten? Die Prüfgesellschaft Ernst & Young ist Antworten schuldig.

Nach dem Abgasskandal fällt der nächste DAX-Konzern negativ auf

Auch für die Deutsche Börse bedeutet der Fall Wirecard einen immensen Schaden. Nach dem Abgasskandal der deutschen Autobauer scheint nun ein weiteres Aushängeschild des deutschen Finanzmarktes mit einem Betrug aufzufliegen.

Dabei ruhten große Hoffnungen auf Wirecard. Als im Jahr 2000 die Internet-Spekulationsblase platzte, war das Vertrauen der Deutschen in Technologie-Konzerne erschüttert. Die Technik-Revolution fand in den USA statt, wo mit Google, Amazon, Apple und Co. Marktgiganten wuchsen. In Deutschland hingegen spielte nur noch SAP eine bedeutende Rolle – bis 2018 Wirecard, ein Überlebender der 2000er-Spekulationsblase, den Markt aufmischte und die Commerzbank im Dax ablöste.

Wirecard versprach eine Zeitenwende

Ein Hauch Zukunft wehte durch den Dax, der sonst von klassischen Branchen wie dem Maschinenbau oder der Dienstleistungsbranche dominiert wird. Auch wenn Markus Braun nicht das Charisma eines Elon Musk versprühte, so versprach Wirecard doch eine Zeitenwende – und wurde zum Liebling vieler Anleger. Endlich hatte ein deutsches Start-Up den Weg nach ganz oben geschafft.

Dass das Unternehmen mit zwielichtigen Umsätzen aus der Porno- und Online-Glücksspielbranche groß geworden war, spielte keine Rolle mehr. Was aber eine Rolle hätte spielen sollen, ist der Umstand, dass Wirecard offenbar seine Geschäftspartner nicht kannte – und trotzdem Dax-Mitglied wurde und blieb. Soll der Dax international bedeutend bleiben, müssen die Finanzaufsicht und die Deutsche Börse hier künftig sehr viel genauer hinschauen.

Trotz Krise trauten sich angesichts der Nullzinspolitik und der niedrigen Einstiegskurse zuletzt viele Kleinanleger an die Börse. Viele Neulinge investierten in Wirecard-Papiere. Sie haben nun auf die harte Art die Risiken der Börse erlebt. Es bleibt zu hoffen, dass dies bei ihnen nicht zu einem dauerhaften Vertrauensverlust gegenüber der Anlage Wertpapier führt. Verdenken könnte man es ihnen allerdings nicht.

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