Mobile Arbeit

Was vom Homeoffice nach der Corona-Krise bleiben wird

Ratgeber: So klappt's mit dem Home Office in Corona-Zeiten

Wegen der Cornavirus-Pandemie lassen immer mehr Betriebe ihre Mitarbeiter die Arbeit zu Hause erledigen. Wer ein paar Tipps beherzigt, dem wird die Umstellung nicht schwer fallen.

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Die Corona-Pandemie zwingt Millionen Arbeitnehmer zur Arbeit in den eigenen vier Wänden. Aber ist das wirklich ein Modell auf Dauer?

Berlin. Der Arbeitsplatz am Küchentisch, das Telefonat mit spielenden Kindern und die Videokonferenz mit der privaten Fotosammlung im Hintergrund: Für viele Arbeitnehmer ist das im Zuge der Corona-Krise Normalität geworden. Millionen Deutsche sind von einem auf den anderen Tag ins Homeoffice gewechselt.

Das Arbeitsministerium schätzt, dass jeder vierte Beschäftigte in der Krise von zu Hause arbeitet, der Digital-Branchenverband Bitkom geht sogar von 39 Prozent aus. Doch mit den stattfindenden Lockerungen geht es für viele zurück ins Büro. Verändert das Coronavirus also wirklich die Arbeitswelt?

Homeoffice: Arbeitnehmer sind zufrieden – und skeptisch

Nach einer Ad-hoc-Studie der Technischen Universität Köln sind branchenübergreifend drei Viertel der Arbeitnehmer zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer jetzigen Situation im Homeoffice. Aber: Führungskräfte sind demnach deutlich skeptischer. So ist keineswegs gesagt, dass nach der Krise die Arbeitswelt tatsächlich mobiler wird.

Viele Arbeitnehmer sind jedenfalls skeptisch. Nur 41,1 Prozent halten es für wahrscheinlich, dass sich die Arbeitsbedingungen langfristig ändern, heißt es in der Befragung der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu, die unserer Redaktion vorliegt. Ohnehin sind die Arbeitnehmer derzeit laut der Umfrage oft unzufrieden mit ihrem Arbeitgeber. Jeder Vierte erwägt demnach sogar, aufgrund des Krisen-Umgangs des Arbeitgebers den Job zu wechseln.

Schon jetzt arbeitet demnach nur noch jeder Fünfte weiter gänzlich von zu Hause, jeder Dritte teilt sich mittlerweile die Arbeitszeit zwischen Büro und Arbeitsplatz auf.

Twitter bietet Homeoffice „für immer“ an

Anders macht es der Kurznachrichtendienst Twitter. Das US-Unternehmen kündigte in der vergangenen Woche an, dass rund 5000 Mitarbeiter „für immer“ im Homeoffice bleiben können – sofern sie das wollen.

Wer sich bei Twitter für die Arbeit aus den eigenen vier Wänden entscheidet, soll 1000 Dollar erhalten, um sich einen Arbeitsplatz einrichten zu können, berichtete das Medienunternehmen Buzzfeed. Google und Facebook wollen ihre Mitarbeiter mindestens bis zum Jahresende zu Hause lassen.

Großkonzerne zeigen sich in Deutschland zufrieden

Und in Deutschland? Positiv wird die Entwicklung in einigen Dax-Konzernen bewertet. Die Telekom etwa hat in der Spitze rund 80.000 Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. „Das hat sehr gut funktioniert“, sagte ein Sprecher. An mobile Arbeit war die Telekom bereits gewöhnt. 2016 schloss das Unternehmen mit der Gewerkschaft Verdi einen Tarifvertrag, der den Mitarbeitern die Arbeit von zu Hause und unterwegs erlaubt.

Auch in anderen Großkonzernen arbeiteten Mitarbeiter längst von zu Hause aus. Adidas teilte auf Anfrage mit, dass vor der Krise die Mitarbeiter in der Zen­trale in Herzogenaurach zu 20 Prozent mobil arbeiten konnten. Eine Ansage wie die von Twitter meidet der Sportartikelhersteller. „Die Frage einer Änderung dieser Regelung stellt sich momentan nicht, da im Corona-Alltag ohnehin gesonderte Vereinbarungen gelten“, teilt das Unternehmen, das sich in der Krise Ärger mit einer angekündigten Mietstundung einhandelte, mit.

Auch Siemens hat eine Betriebsvereinbarung, dass Mitarbeiter ein Fünftel der Arbeitszeit mobil arbeiten können. „Wir haben mit mobilem Arbeiten in der Vergangenheit bereits gute Erfahrungen gemacht“, teilte eine Sprecherin mit. 140.000 der 385.000 weltweit Siemens-Beschäftigten arbeiten derzeit von zu Hause aus.

Mittelstands-Präsident sieht Homeoffice als „Notlösung“

Allerdings machen Großkonzerne nur einen geringen Teil der Unternehmen hierzulande aus. 99 Prozent der Firmen sind kleine oder mittelständische Unternehmen. Und hält wenig von mobiler Arbeit. „Homeoffice sollte nach der Corona-Krise eine Notlösung in besonderen Situationen bleiben“, sagte Ohoven unserer Redaktion.

Die Produktivität der zu Hause Beschäftigten sei sehr viel geringer. „Die tatsächliche Leistungseinbuße gegenüber Arbeit im Betrieb oder Büro dürfte deutlich größer sein als diese Selbsteinschätzung.“

Bis Herbst will Arbeitsminister Heil ein Gesetz vorlegen

Einen Rechtsanspruch auf mobile Arbeit lehnt Ohoven strikt ab. An einem solchen arbeitet derzeit Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), im Herbst wolle er ein solches Gesetz vorlegen, kündigte er zuletzt an. Federführend an dem Entwurf arbeitet Staatssekretär Björn Böhning. „Aktuell arbeiten viele Beschäftigte im Homeoffice, und das ist in vielen Fällen wegen der Doppelbelastung mit zusätzlicher Kinderbetreuung nicht einfach“, sagte Böhning unserer Redaktion. Aktuell öffnen Kitas und Schulen schrittweise für immer mehr Kinder, dennoch ist der Familienalltag in der Krise oft noch auf den Kopf gestellt.

Außerhalb der Krise könne sich mobile Arbeit für Arbeitnehmer und Arbeitgeber lohnen. „Es kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern, spart Pendelzeiten, sorgt für eine größere Arbeitszufriedenheit“, zählt Böhning auf. Gerade für Pendler ist das eine Chance – denn sie werden öfter krank.

Gewerkschaften für einen Rechtsanspruch – mit Bedingungen

Unterstützung erhält er vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Wo es die Aufgaben erlauben und die Beschäftigten es wollen, sollten Homeoffice und selbstbestimmtes mobiles Arbeiten künftig weiter möglich sein – aber unter besseren Bedingungen“, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann unserer Redaktion.

Er forderte, dass in dem geplanten Gesetz berücksichtigt sein müsse, dass die Arbeitszeit begrenzt wird und auch für die Arbeit von zu Hause der Unfallversicherungsschutz gilt. Auch müssten Arbeitnehmer trotz Homeoffice das Recht haben, mal nicht erreichbar zu sein. Zuletzt hatte der DGB-Chef im Interview sich gegen einen schnellen Schuldenabbau nach der Krise ausgesprochen.

Bitkom-Chef Berg: „Homeoffice zum Standard machen“

Noch deutlicher wird der Chef des Digital-Branchenverbandes Bitkom, Achim Berg. „In der Corona-Krise werden einmal mehr die immensen Potenziale sichtbar, die digitale Technologien grundsätzlich bieten. Alle Unternehmen sind gefordert, Homeoffice für die dafür geeigneten Tätigkeiten einzuführen und auch nach der Krise zum Standard zu machen“, sagte Berg unserer Redaktion.

Auch nach der Krise könnten viele Arbeitnehmer von dem Kulturwandel in der Arbeitswelt profitieren, zumal insbesondere auch die Industrie immer vernetzter werde. „Industrie 4.0 führt jedoch insgesamt dazu, dass Maschinen, Werkstücke und Transportelemente direkt miteinander kommunizieren, hier nimmt der Mensch oft eher die Rolle des Dirigenten ein“, sagte Berg. Gerade die Künstliche Intelligenz beschleunigt diese Entwicklung noch. So könnten deutlich mehr Mitarbeiter als früher künftig von zu Hause aus arbeiten.

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