Börse

Corona-Krise: Soll man jetzt schon wieder Aktien kaufen?

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Seit drei Wochen hält sich der Deutsche Aktienindex stabil über 10.000 Punkte. Alles dazu, wie sich Anleger jetzt verhalten sollen.

Hamburg. Dem tiefen Absturz an den Börsen folgte eine schnelle Erholung. Doch das Coronavirus hat die gesamte Wirtschaft infiziert. Unternehmen streichen Dividenden und revidieren ihre Gewinnprognosen. Viele Lieferketten sind noch unterbrochen.

Kann man jetzt schon wieder Aktien kaufen? Welche Branchen gehören zu den Gewinnern? Oder drohen nach der ersten vorsichtigen Lockerung neue Rückschläge? Das Abendblatt sprach mit Experten und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Die Coronapandemie – gibt es vergleichbare Krisen an der Börse?

Noch nie zuvor hat der Deutsche Aktienindex (DAX) in so kurzer Zeit so viel eingebüßt. Ausgelöst durch die Ausbreitung des Coronavirus ist das Börsenbarometer innerhalb von nur 30 Tagen in der Spitze um bis zu 40 Prozent gefallen, ermittelte die DZ Bank, das Spitzeninstitut der Genossenschaftsbanken.

„Genährt wurde der Crash von zwei Seiten“, sagt Michael Bissinger von der DZ Bank. „Zum einen durch eine hohe Bewertung und Sorglosigkeit im Vorfeld und zum anderen durch eine extreme Unsicherheit über die Folgen, da keine Vergleichsdaten über die Auswirkungen einer Pandemie auf die Märkte vorliegen.“

Zwar gab es in der Vergangenheit heftigere Kurseinbrüche an der Börse, aber die erstreckten sich über einen deutlich längeren Zeitraum. Als im Jahr 2000 die Blase der Internetfirmen am Neuen Markt platzte, fielen die Aktienkurse innerhalb von zwei Jahren fast um 70 Prozent. Als die spanische Grippe von 1918 bis 1920 mit 50 Millionen Toten weltweit wütete, büßte der Dow-Jones-Index in den USA lediglich rund 14 Prozent ein. Allerdings war die Weltwirtschaft damals auch noch nicht so verflochten wie heute.

Ist das Schlimmste an der Börse bereits überstanden?

Es zeichnet sich zumindest eine deutliche Stabilisierung an der Börse ab. Mitte März ging es mit dem wichtigsten deutschen Kursbarometer mit den 30 größten Aktien deutlich abwärts. Der DAX erreichte am 19. März mit 8258 Punkten sein bisheriges Tief in der Coronakrise. Seitdem ging es unter starken Schwankungen aufwärts.

Seit dem 6. April, also seit drei Wochen, hat das Börsenbarometer die Marke von 10.000 Punkten nicht mehr unterschritten, auch nicht im Handelsverlauf.

Was sind die Gründe für die Teilerholung der Kurse?

Erreicht wurde diese Stabilisierung mit enorm viel Geld. „Was wir jetzt an der Börse sehen, ist vor allem eine Reaktion auf die Stützungsprogramme der Notenbanken und der Staaten“, sagt Bernd Schimmer, Wertpapierstratege der Hamburger Sparkasse (Haspa), Deutschlands größter Sparkasse.

„Es soll alles gerettet werden, was rettungsfähig ist, und die Märkte vertrauen auf diese Zusagen.“ So kauft die Europäische Zentralbank (EZB) nun auch sogenannte Schrottanleihen, damit es im Zuge der derzeitigen Krise nicht zu einer Kreditklemme kommt.

Dabei handelt es sich um Papiere, die von den größeren Ratingagenturen schlechter benotet werden als mit „BBB minus“, die also keinen „Investment Grade“ mehr haben. Insgesamt addieren sich die für 2020 anvisierten Wertpapierkäufe der EZB auf rund 1,1 Billionen Euro. „So wurden gleichzeitig Spekulanten ausgebremst, die auf weiter fallende Kurse gewettet haben“, sagt Schimmer. Sie hätten keine Chance.

„Die Stabilisierung an der Börse jetzt hat also nichts mit den wirtschaftlichen Perspektiven der Unternehmen zu tun, die nach wie vor kaum abgeschätzt werden können“, sagt Schimmer.

So fiel der Ifo-Geschäftsklimaindex für April auf 74,3 Punkte. Dies ist der niedrigste jemals gemessene Wert. Viele Länder werden eine schwere Rezession erleben. Beruhigung für die Börse brachten allein Billionen Euro schwere Rettungsschirme. Deshalb sieht der Experte den DAX im weiteren Jahresverlauf in einer Spanne von 8000 bis 11.000 Punkten. Rückschläge sind also möglich.

Lohnt dann der Einstieg bei Aktien überhaupt?

„Wir haben für unsere Kunden im Rahmen der Vermögensverwaltung bereits wieder Aktien gekauft“, sagt Torsten Johannsen von der Otto M. Schröder Bank in Hamburg. „Hätten wir die Entscheidung unseren Kunden selbst überlassen, hätten die nicht gekauft.“

Nach seiner Einschätzung haben die Börsen bereits ihre Tiefststände gesehen, vorausgesetzt es kommt durch die Lockerungen zu einer tatsächlichen wirtschaftlichen Erholung.

Johannsen geht auch davon aus, dass das viele Geld der Notenbanken stimulierend für die Märkte wirkt. „Denn in die Realwirtschaft fließt das ja noch gar nicht“, so der Experte. Aber auch ihm ist klar, dass die Unternehmen die Erholung an der Börse mit guten Nachrichten unterfüttern müssen. „Wenn die Unsicherheit am größten ist, ergeben sich großartige Chancen für risikobereite Anleger“, sagt Bissinger von der DZ Bank.

Aber er weiß auch: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktienmärkte die Tiefs nochmals testen, sollte nicht unterschätzt werden.“ In den Gewinnschätzungen der Analysten finden sich die Folgen der Coronakrise bisher nur unzureichend wieder, viele Dividendenzahlungen wurden gestrichen.

Auf welchem Niveau ist der DAX gut abgesichert?

„Aus der Vergangenheit wissen wir, dass die Aktienkurse in einer Rezession meist unter den Buchwert des Unternehmens fallen“, sagt Bissinger. Das ist, vereinfacht gesagt, das gesamte Vermögen eines Unternehmens wie Maschinen, Gebäude und Finanzanlagen. Sinkt das Verhältnis von Aktienkursen zum Buchwert unter eins, so bedeutet dies, dass die Firma an der Börse weniger wert ist, als ihre Bilanz ausweist. In den Börsenkrisen der Vergangenheit waren das immer wichtige Unterstützungsmarken. Bezieht man das Kurs-Buchwert-Verhältnis auf den gesamten DAX, so ist er bei 8300 Punkten gut abgesichert.

Wie können Anleger jetzt reagieren?

Nach dem Absturz und der anschließenden Erholung sind die Aktien jetzt noch 20 Prozent günstiger als vor Beginn der Coronakrise. Was sich viele Anleger vor einigen Monaten noch gewünscht haben, steigert aber jetzt nicht die Kaufbereitschaft, denn die Verunsicherung ist noch immer groß.

„Der beste Weg, die Schwankungen der nächsten Monate auszugleichen, sind Aktiensparpläne auf einen breit angelegten Börsenindex wie den MSCI World, der 1600 Aktien abbildet und mit entsprechenden Exchange Traded Funds (ETF) kostengünstig erworben werden kann“, sagt Schimmer. Nur Anleger, die bereits seit längerer Zeit Aktien oder Aktienfonds haben, aber das Geld in einigen Monaten benötigen, können die aktuelle Erholung sinnvoll zum Ausstieg nutzen.

Was ist, wenn ich lieber einzelne Aktien kaufen möchte?

„Auch in diesem Fall sollte man nicht das gesamte zur Verfügung stehende Geld auf einen Schlag investieren“, sagt Schimmer. Die Aufteilung auf mehrere Tranchen sei ratsam, um Kursschwankungen auszugleichen. Den idealen Einstiegspunkt finde man ohnehin nicht. In jedem Fall sollte nicht das gesamte Spargeld in Aktien investiert werden. Schimmer rät zu einem Aktienanteil von 40 Prozent.

Welche Aktien kaufen die Profis jetzt?

Die Schröder-Bank hat für ihre Kunden Titel wie Allianz, Deutsche Post, BASF, Bayer, Coca-Cola, Nestlé, Amazon und Apple gekauft, wie Johannsen sagt. Über spezielle ETF-Fonds wurde auch in Technologie-, Pharma- und Medizintechnikaktien investiert. Auch Experte Schimmer von der Haspa sieht jetzt vor allem folgende Branchen für ein Aktieninvestment als geeignet an: Pharma- und Medizintechnik, Nahrungsmittel, Technologie, Telekommunikation und Versorger.

„Mit zyklischen Aktien aus Maschinenbau oder Automobilindustrie kann man sich noch etwas Zeit lassen, bis sich die geschäftlichen Perspektiven besser abzeichnen“, sagt Schimmer. Auch wann die Airlines ihre Flieger wieder starten lassen können und Touristikkonzerne wieder Urlaubsreisen verkaufen, ist noch nicht absehbar.

Was spricht langfristig für Aktien?

Auch nach der Coronapandemie werden die Zinsen niedrig bleiben. „Zur Finanzierung der enorm ausgeweiteten Staatsschulden sind Staaten auf niedrige Nominalzinsen angewiesen, am besten unterhalb der Inflationsrate“, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt des Bankhauses Donner & Reuschel.

Wer in der Krise am Aktienmarkt auf Einkaufstour geht, wird langfristig mit Renditen belohnt werden, wie sie mit Zinsanlagen nicht mehr erreicht werden können. Offen ist nur, wann dann die Ernte eingefahren werden kann.