Corona-Pandemie

Start-Ups: So kreativ gehen Gründer mit der Corona-Krise um

Corona-Maßnahmen: So sehen die Lockerungen aus

Kinder sollen nach und nach wieder in die Schule und in die Kita, alle Geschäfte dürfen wieder öffnen, in der Fußball-Bundesliga soll der Ball wieder rollen - Bund und Länder wollen die Corona-Maßnahmen weitgehend lockern. Vieles, etwa im Gastronomie- oder Kulturbereich, soll jedes Bundesland selbst regeln.

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Vielen Start-Ups droht durch die Corona-Krise das Aus. Die Jungunternehmen müssen improvisieren. So entstehen neue Geschäftsfelder.

Berlin. Start-Ups gelten als kreativ, sie improvisieren, erschließen sich neue Geschäftsfelder und überzeugen Geldgeber von Ideen, die bisweilen abenteuerlich anmuten. Manche deutsche Jungunternehmen der letzten Jahre haben sich mittlerweile fest etabliert und gelten als Einhörner, sind also über eine Milliarde US-Dollar wert. Zu ihnen gehören etwa die Fernbusplattform Flixbus, die Direktbank N26 oder das Biotech-Unternehmen Curevac.

Auch von der Krise profitieren einige Jungunternehmen, etwa der Berliner Kochboxenversender HelloFresh. Seit Jahresbeginn hat sich der Aktienwert des 2017 an die Börse gegangenen Unternehmens fast verdoppelt, der Umsatz stieg im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal um zwei Drittel. Wer eine kreative Idee hat, kann in der Krise gewinnen.

Doch das gilt nicht für alle Start-Ups, insbesondere nicht für diejenigen, die neu auf dem Markt sind. Laut einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Start-Ups könnte die Corona-Krise das Aus für 70 Prozent der Jungunternehmen bedeuten.

Der Bund hilft und wird zum Risikokapitalgeber: Zwei Milliarden Euro stellt er bereit, um bei Jungunternehmen einzusteigen – sofern professionelle Wagniskapitalgesellschaften zuvor grünes Licht geben. Doch für viele Start-Ups kommt das nicht in Betracht. Unsere Redaktion stellt drei Start-Ups vor und zeigt ihre Wege in der Krise.

Das kleine Start-Up: Connfair

Eigentlich hatte es gut angefangen für das junge Unternehmen aus Darmstadt: Vor zwei Jahren gründete Arne Schäufele zusammen mit drei Freunden das Start-up Connfair mit dem Ziel, Softwarelösungen für Messen anzubieten. Im letzten Jahr entwickelte das Team ein mobiles Drehkreuz zur Einlasskontrolle, das zum Patent angemeldet ist. Doch was nützt ein Drehkreuz, wenn man es in der Krise nirgends mehr aufbauen kann?

„Nach den Messeabsagen herrschte bei uns zunächst Schockstarre“, berichtet Schäufele. Dem Team war schnell klar, dass es nach den Messe-Absagen nicht lange durchhalten würde. Also wurden Kosten heruntergefahren: die Tilgung einer Darlehensrate wurde gestundet, mit dem Vermieter wurde über eine Mieterleichterung gesprochen.

Dann kam dem elfköpfigen Mitarbeiter-Team eine Idee: Sie entwickelten eine Ampel, die sie nun an Supermärkte vermieten. Per Lichtschranke wird erfasst, wie viele Menschen sich in einem Geschäft aufhalten. Ist eine festgelegte Grenze erreicht, schaltet die Ampel auf rot. Da das System vernetzt ist, kann es mehrere Ein- und Ausgänge gleichzeitig scannen.

Soforthilfe oder Hilfe aus dem Start-Up-Programm beantragte Connfair nicht mehr: „Wir verschwenden jetzt keine Zeit darauf, Anträge auszufüllen, sondern wagen die Flucht nach vorne“, sagte Schäufele. In ersten Geschäften wird die Ampel bereits genutzt, selbst Ketten hätten mittlerweile angefragt. Für das kleine Unternehmen entpuppt sich die neue Geschäftsidee als Chance. „Ich bin überzeugt, dass wir mit der Ampel unsere Ausfälle kompensieren können“, sagt Schäufele.

Das mittlere Start-Up: Miles Mobility

Viele Menschen meiden derzeit den öffentlichen Nahverkehr, Züge fahren oft leer umher. In Zeiten der Isolation könnten mehr Menschen auf Autos zurückgreifen. Doch dem ist nicht so, berichtet Oliver Mackprang, Geschäftsführer des Carsharing-Anbieters Miles Mobility. „Der Aufruf, zu Hause zu bleiben, ist auch ein Aufruf dazu, unseren Dienst nicht zu nutzen. Wenn Menschen ihr Haus nicht verlassen, funktioniert Carsharing nicht“, sagt Mackprang.

Im Gegensatz zu vielen anderen Carsharing-Anbietern erhebt Miles keinen pauschalen Preis, Kunden zahlen für die zurückgelegten Kilometer. In der Pandemie verlängern sich die Strecken, die die Kunden zurücklegen, auch weil Miles sein Einsatzgebiet in Hamburg und Berlin bis vor Kurzem noch auf den ländlichen Raum um insgesamt 500 Prozent vergrößert hatte.

Aber: „Das kann den Einbruch an Fahrten aber nicht einmal im Ansatz kompensieren“, sagt Mackprang. In der Spitze habe das Unternehmen einen Rückgang der Fahrten um 70 Prozent gehabt.

Auch die Hilfen des Staates kommen für Miles nicht in Betracht. Für Soforthilfe ist das Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern zu groß. Kredite fallen weg, da Miles noch nicht profitabel ist. Und eine weitere Finanzierungsrunde mit Wagniskapital schließt Mackprang aus:„Wir wollten denen, die daran zweifeln, dass die Sharing Economy profitabel sein kann, entgegentreten und in diesem Jahr profitabel werden.“ Daran halte man fest, weiteres Kapital wolle man vorerst nicht einsammeln.

Ob und wann Miles profitabel wird, hängt nun aber auch von der Dauer der Krise ab. Das Aufgabenfeld der Mitarbeiter habe sich jedenfalls verändert. „Wir haben Aufgaben umverteilt. Das Topthema bei den Kunden ist die Desinfektion der Fahrzeuge. Also desinfizieren wir nur noch“, berichtet Mackprang.

Das große Start-Up: Aroundhome

Über mangelnde Nachfrage kann sich das Start-up Aroundhome, ein Onlineportal, das beispielsweise die Installation von Küchen, Treppenliften oder Solaranlagen vermittelt, nicht beschweren. „Die Nachfrage ist da. Aber das Angebot nicht“, berichtet Gründer Robin Behlau. „Die großen Vertriebe, die beispielsweise Solaranlagen oder Treppenlifte anbringen, lassen ihre Mitarbeiter zu Hause.“

Zehn Jahre lang setzte Aroundhome auf Wachstum, wandelte sich vom kleinen Onlineportal zur 500 Mitarbeiter großen Firma, die mittlerweile zum ProSiebenSat.1-Konzern gehört. Als die Krise kam, reagierte Aroundhome schnell und brachte eine Online-Jobbörse an den Start. Mit dieser vermittelt die Firma in der Krise gefragte Arbeitsplätze. So gelang eine Kooperation mit dem Tiefkühlkost-Lieferanten BoFrost, der Fahrer suchte. „Jede Krise ist eine Chance“, sagt Behlau. „Mit AroundJobs wollten wir in eine Lücke stoßen.“

Auch bei der Handwerkervermittlung setzt Behlau bereits auf die Zukunft. „Die Stimmung auf dem Handwerkermarkt trübt sich ein. Wenn die Handwerker Aufträge brauchen, müssen wir zur Stelle sein“, sagt Behlau. Daher werde derzeit in das Portal investiert.

Hilfen des Bundes abseits des Kurzarbeitergeldes kamen für Aroundhome nicht in Betracht, das Unternehmen sicherte sich einen internen Unternehmenskredit von ProSiebenSat1. „Bei den Hilfen der Bundesregierung werden die Nachteile selten beleuchtet“, findet Behlau. „Wir reden davon, dass ein eigentlich gesundes Unternehmen einen Kredit bekommt. Darauf zahlt man drei Prozent Zinsen. Das ist in der aktuellen Zeit nicht billig – wenn man bedenkt, dass die Bauzinsen bei einem halben Prozent liegen.“

Zudem würden Gründer und Anteilseigner auch privat bürgen. „Scheitert das Projekt und die Firma geht pleite, kann man gleich die Privatinsolvenz mitanmelden“, sagt Behlau.

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