Klima-Aktivistin

Australien: Siemens beliefert Bergwerk – Kritik von Neubauer

Trotz Protesten: Siemens beteiligt sich weiter an Kohle-Projekt in Australien

Siemens-Chef Joe Kaeser hat die Entscheidung per Twitter verkündet: Der Konzern werde die vertraglichen Verpflichtungen erfüllen. Das Unternehmen soll eine Schienensignalanlage in einer der größten Kohleminen der Welt bauen.

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Siemens-Chef Joe Kaeser hat Luisa Neubauer einen Aufsichtsratsposten angeboten. Die Aktivistin lehnt ab – und übt nun weiter Kritik.

Berlin. Das deutsche Unternehmen Siemens bleibt bei seinem Vorhaben, Teile für ein Kohlebergwerk in Australien zu liefern. Das teilte Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser am Sonntagabend auf Twitter nach einer außerordentlichen Vorstandssitzung mit.

Siemens habe alle Optionen geprüft und sei zu dem Schluss gekommen, dass man allen vertraglichen Verpflichtungen nachkommen müsse, so Kaeser. Zugleich will der Konzern ein wirksames Nachhaltigkeitsgremium schaffen, um Umweltfragen in Zukunft besser zu managen.

Die Umweltschützerin Luisa Neubauer hatte das Projekt schon länger kritisiert und sagte nach der Entscheidung: „Joe Kaeser macht einen unentschuldbaren Fehler“. Sie kündigte für Montag Proteste in mehreren deutschen Städten an.

Siemens in Australien: Was der Konzern fürs Kohlebergwerk liefert

Der deutsche Großkonzern hatte im Juli 2019 den Auftrag für die Schienensignalanlage der vom indischen Adani-Konzern geplanten Carmichael-Mine im australischen Bundesstaat Queensland angenommen. Der Auftrag hat laut Kaeser ein Volumen von 18 Millionen Euro. Mitte Dezember hatte der Siemens-Chef angekündigt, die Beteiligung seines Konzerns an dem Projekt auf den Prüfstand zu stellen.

Auch der indische Konzern Adani hat ungeachtet aller Proteste von Klima- und Umweltschützern seine Pläne für das riesige Kohlebergwerk bekräftigt. Das Unternehmen freue sich, mit dem Zulieferer Siemens zusammenzuarbeiten, sagte eine Sprecherin von Adani Australien der Deutschen Presse-Agentur am Montag.

Kohlebergwerk in Australien in der Kritik

Der Bau der Carmichael-Mine sei voll im Gange, so die Adani-Sprecherin. „Wir lassen uns nicht einschüchtern oder davon abhalten, unsere Versprechen einzulösen – für die Menschen in Queensland, die Australier und die Menschen in Entwicklungsländern, die dringend bezahlbare Energie brauchen, um ihnen zu helfen, der Armut zu entkommen.“

Bei der Kritik an dem Projekt in Australien geht es neben dem Klimaschutz auch um den Verbrauch von Wasser, die Zerstörung von Lebensraum und den Transport der Kohle über das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt.

Siemens: Klima-Aktivistin Neubauer lehnt Aufsichtrats-Posten ab

Die Klima-Aktivistin hatte zuvor einen ihr angebotenen Posten im Aufsichtsrat von Siemens abgelehnt. „Mit dem Posten wäre ich den Interessen des Unternehmens verpflichtet und könnte Siemens dann nicht mehr unabhängig kommentieren. Das ist nicht mit meiner Rolle als Klimaaktivistin zu vereinbaren“, sagte Neubauer der Deutschen Presse-Agentur.

Nach einem Streitgespräch am vergangenen Freitag hatte Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser mit dem Angebot überrascht, die 23-Jährige könne einen Sitz in einem Aufsichtsgremium der künftigen Siemens Energy AG übernehmen. Neubauer hätte sich selbst aussuchen können, ob es der Aufsichtsrat oder ein anderes Gremium sei, hatte Kaeser am Freitag in Berlin gesagt.

„Ich möchte, dass die Jugend aktiv sich beteiligen kann. Der Konflikt zwischen Jung und Alt muss gelöst werden“, sagte Kaeser. Siemens will sein Energiegeschäft im Frühjahr als Siemens Energy abspalten und voraussichtlich im September an die Börse bringen.

Luisa Neubauer: Diesen Gegenvorschlag macht die Klimaaktivistin Siemens

Neubauer sagte, sie sei dem Pariser Klimaabkommen und dem 1,5-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung verpflichtet. „Am Beispiel Joe Kaeser sieht man diese Tage, dass diese unabhängige Rolle dringend gebraucht wird.“

Allerdings machte die gebürtige Hamburgerin ein Gegenangebot: „Ich habe Siemens darum gebeten, das Angebot an einen Vertreter oder Vertreterin der Scientists for Future weiterzugeben“, sagte Neubauer.

Auch am Rande des offiziellen Empfangs der Grünen zu ihrem 40. Partei-Geburtstag hatte Neubauer gegenüber unserer Redaktion bereits gesagt, dass es jetzt nicht an der Zeit sei, über Aufsichtsratsposten zu reden.

Siemens-Chef Kaeser: „Wissenschaftler haben wir schon genug“

Doch auf Neubauers Gegenangebot wird der Siemens-Chef nicht eingehen. Der Vorschlag sei „gut gemeint“, aber „Experten und Wissenschaftler haben wir schon genug“, sagte Kaeser in München.

„Die Lösung unserer Umweltprobleme braucht Führungspersönlichkeiten, die zusammen zielkonfliktäre Systeme verstehen und auflösen“, fügte er hinzu – und nannte als Beispiel den Madrider Klimagipfel.

Dort habe es genügend Experten gegeben, „aber viel zu wenig von diesem Leadership. Das Ergebnis spricht für sich selbst“.

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Tür stehe Neubauer weiterhin offen

Kaeser bedauerte, dass Neubauer nicht auf sein Angebot eingeht. „Sie hätte an der Lösung der von der Fridays-for-Future-Bewegung zu Recht adressierten Klimaproblematik mitgestalten können und dabei auch Einblicke in komplexe unternehmerische Zusammenhänge bekommen“, sagte der Siemens-Vorstandschef.

Ihre Entscheidung müsse aber nicht endgültig sein. Kaeser sagte: „Wir stehen mit Frau Neubauer und allen Menschen, die den Klimawandel als Bedrohung sehen, auf einer Seite. Und wir haben diesbezüglich das gleiche Ziel: den Klimawandel zu bekämpfen. Meine Tür steht weiterhin offen.“

Neubauer und Kaeser sprachen über australisches Kohlebergwerk

Im Streitgespräch in der vergangenen Woche hatte Kaeser mit Neubauer über die umstrittene Beteiligung von Siemens an einem Kohlebergwerksprojekt in Australien gesprochen. Die Bewegung Fridays for Future fordert, dass Siemens aus dem Kohleprojekt aussteigt.

„Ich kann bestätigen, dass Joe Kaeser über die desaströsen Konsequenzen der Kohleförderung durch die Adani Mine Bescheid weiß“, sagte Neubauer anschließend. Ähnlich hatte sie sich zuvor auch schon via Twitter geäußert.

Thema erlangte durch australische Buschbrände besondere Brisanz

Er wisse, dass die Emissionen durch die Kohle aus der Mine im schlimmsten Fall das Ziel gefährdeten, die Klimaerhitzung auf zwei Grad zu begrenzen, und die direkten Auswirkungen der Adani Mine für die Umwelt zerstörerisch seien.

„Er hat im Gespräch zugegeben, dass es ein Fehler war, den Vertrag mit Adani zu unterschreiben“, sagte Neubauer. „Ein CEO wie Kaeser macht dann nicht den zweiten Fehler und hält an einem so katastrophalen Handel fest – sondern revidiert den Fehler.“

Kaeser hatte am Freitag gesagt, die Entscheidung sei nicht einfach. Es gebe unterschiedliche Interessenlagen - von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft. Er zeigte sich dem eigenen Unternehmen gegenüber auch kritisch: „Wir sehen, dass wir auch indirekte Beteiligungen bei kritischen Projekten besser verstehen und frühzeitig erkennen müssen.“ Besondere Brisanz hatte das Thema zuletzt durch die riesigen Buschbrände in Australien bekommen.

Viele stellen sich angesichts des Feuers die Frage, ob der Klimawandel Schuld an den Bränden in Australien ist. Lesen Sie die aktuellen Entwicklungen zur Feuerkatastrophe im News-Blog.

Hamburger AfD-Politiker provoziert

Am Hauptsitz des Konzerns in München übergaben Aktivisten am Freitag nach eigenen Angaben 57.000 Unterschriften einer Petition gegen das Projekt. Begleitet wurde die Übergabe von mehreren hundert Demonstranten. Nach Polizeiangaben verlief die Aktion friedlich.

Das Angebot des Siemens-Chefs sorgte dennoch für teilweise heftige Kritik, die auch in persönliche Beleidigungen mündete. Das Hamburger AfD-Landesvorstandsmitglied Krzysztof Walczak hat Siemens-Chef Joe Kaeser als „linksradikalen Gesinnungsterroristen“ bezeichnet. Walczak kritisierte, dass Siemens 2017 eine große Entlassungswelle verantwortet habe, sich nun aber als „Gralshüter des deutschen Wohlstandes“ darstelle.

Parallel zu der Diskussion zwischen Kaeser und Neubauer hat sich auch Klimaaktivistin Greta Thunberg geäußert: So kämpft Greta nun gegen Siemens und das Kohlebergwerk in Australien.

Siemens hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Zunächst untersagten die EU-Wettbewerbshüter die lange geplante Fusion mit Alstom. Dann sicherte sich der Münchener Konzern Großaufträge und unterstützt China beim Bau von Gasturbinen.

(dpa/afp/cho/tb/tki)