Krise

Crash: Steht Deutschland vor einem Wirtschaftskollaps?

Droht der deutschen Wirtschaft eine Krise? Ökonomen haben Bedenken.

Droht der deutschen Wirtschaft eine Krise? Ökonomen haben Bedenken.

Foto: imago stock&people

Der Bestsellerautor Marc Friedrich sagt bis 2023 den Kollaps der Wirtschaft voraus. Ökonomen halten davon wenig – äußern aber Sorgen.

Berlin. Es ist zu spät, es wird krachen im Wirtschaftssystem und bis spätestens 2023 kommt der große Kollaps. Davon ist der schwäbische Ökonom Marc Friedrich überzeugt. Zusammen mit Matthias Weik hat der 44-Jährige das Buch „Der größte Crash aller Zeiten“ verfasst.

Die 400 Seiten lange Lektüre schnellte vor fünf Wochen aus dem Stand auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste, wo es auch aktuell steht. Dass die Nachfrage nach der Crash-Prophezeiung so groß ist, überrascht Friedrich, der zusammen mit Weik eine Honorarberatung betreibt, nur bedingt: „Es ist der Zeitgeist, dass etwas aus den Fugen geraten ist. Das merkt man überall, wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich“, sagte Friedrich unserer Redaktion. Aber wie wahrscheinlich ist sein Szenario eines Wirtschaftskollaps?

Crash der Wirtschaft: Professor hält die Prophezeiung für „Quatsch“

Andere Ökonomen kann Friedrich damit nicht überzeugen. Adalbert Winkler, Professor an der Wirtschaftsuniversität Frankfurt School of Finance Management, hält die Prophezeiung eines Crashs für „Quatsch“.

Und Clemens Fuest, Leiter des Münchener Ifo-Instituts, sagt zu Crash-Propheten: „In der Regel haben die Analysen, die von diesen Leuten vorgelegt werden, wenig Substanz.“

Doch es gibt auch Sorgen. Diese möglichen Crash-Risikofelder sehen Friedrich und Weik – und das halten Ökonomen davon:

Null- und Negativzinsen

Friedrich erwartet im kommenden Jahr eine Rezession, die wiederum eine Deflation auslösen werde. Schon jetzt würden die Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) künstlich niedrig gehalten, um einen Kollaps zu verhindern.

Volkswirtschaftsprofessor Adalbert Winkler widerspricht: „Der aktuelle Zins, der Realzins, ist ökonomisch gegeben, also nicht geldpolitisch manipuliert.“ Wäre der Zins künstlich niedrig, gebe es eine Inflation. „Das ist aber nicht der Fall“, stellt Winkler klar. Da der Zins ökonomisch gegeben sei, gebe es für die Notenbanken keinen Grund, ihn zu erhöhen.

Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), ist da skeptischer: „Selbst die Bundesbank und die EZB sagen, dass wir es in der Geldpolitik derzeit mit Übertreibungen und Verzerrungen zu tun haben.“ Deutlich werde dies am Zinssatz und am Ankauf von Unternehmensanteilen.

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Blasen

Da sich die weltweite Verschuldung in den letzten 20 Jahren auf fast 226 Billionen Euro nahezu verdreifacht hat, spricht Friedrich von der „größten Blase aller Zeiten“. Auch Ifo-Chef Fuest gibt zu Bedenken, dass es auf den Finanz- und Immobilienmärkten derzeit zu „teilweise blasenartigen Entwicklungen“ komme.

Allerdings stellt Fuest auch klar: „Insgesamt steht der Bankensektor heute solider da als 2008, insofern halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass wir vor einer ähnlichen Krise wie 2008 stehen.“ Vor elf Jahren erschütterte die Pleite der US-Bank Lehman die Welt – und sorgte für einen Zusammenbruch der Finanzmärkte.

Volkswirt Winkler verweist darauf, dass Bundesbank und EZB über Instrumente verfügen würden, um stabilisierend einzugreifen. „Bei einer vermuteten Überhitzung im Immobilienmarkt könnten sie zum Beispiel Eigenkapitalanforderungen erhöhen oder die Beleihungsgrenzen reduzieren“, sagt Winkler.

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Zombieunternehmen

Fast schon apokalyptisch mutet Friedrichs Sorge vor Zombies an. Doch in der Wirtschaft werden Unternehmen als Zombies bezeichnet, die hoch verschuldet sind und sich ihr Fortbestehen mit weiteren Krediten sichern. Die Baseler Bank for International Settlements (BIS) schätzt ihren Anteil in der Eurozone auf 15 Prozent. Auch das Bankhaus Metzler warnte Anfang November davor, dass jede achte europäische Firma ein Zombie sei.

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise im Sachverständigenrat der Bundesregierung und gehandelte Kandidatin für das EZB-Direktorium, weist darauf hin, dass es empirisch unklar sei, wie viele dieser Unternehmen es wirklich gebe. Allerdings hält die Bonner Professorin eine generelle Entwicklung für bedenklich: Weniger Unternehmen würden gegründet und auch weniger Firmen gehen pleite. So gehe Dynamik verloren. „Das ist schädlich für das langfristige Wachstumspotenzial der Wirtschaft“, sagt Schnabel.

HWWI-Direktor Vöpel bereitet eher eine andere Entwicklung Sorgen: „Relevanter ist ein japanisches Szenario: geringes Wachstum und deflationäre Tendenzen.“

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Krisenstaaten

„Die Eurozone wächst viel zu schwach“, ist Friedrich überzeugt. Das gelte insbesondere für ehemalige Krisenstaaten wie Griechenland, Portugal und Spanien.

Allerdings: Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) lag der Jahresdurchschnitt des Bruttoinlandsprodukts in Spanien zwischen 2015 und 2018 bei 2,9 Prozent, in Portugal bei 2,7 Prozent. Spanien hat seine Arbeitslosenquote in diesem Jahr im Vergleich zu 2013 halbiert, Portugal sogar gedrittelt und Griechenland, wo im vergangenen Jahr das Rettungsprogramm endete, immerhin um zehn Prozent auf nun 17,8 Prozent abgebaut.

„Die Wirtschaften der ehemaligen Krisenstaaten in Südeuropa sind im Aufschwung, weil sich die Strukturen auf den Arbeits- und Produktmärkten in den Ländern durch Reformen verbessert haben“, sagt Jürgen Matthes, Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur im IW.

Vertrauen in das Geld

„Die Psychologie des Menschen wird das System ins Kippen bringen“, sagt Friedrich. Wenn es zur Krise kommt, werde das Vertrauen in das Geldsystem schwinden. „Und irgendwann werden wir nicht mehr an den Wert des Geldes glauben“, sagt der Autor.

Dirk Loerwald, Leiter des Instituts für ökonomische Bildung, warnt: „Wenn pauschale Thesen verbreitet und Ängste geschürt werden, kann das zu einem Riesenproblem für das Geldsystem werden. Letztlich beruht unser System auf Vertrauen. Wir bemalen Papier und messen ihm einen Wert bei.“

Letztlich könnte Populismus in der Wirtschaft zu sich selbsterfüllenden Prophezeiungen führen: „Je mehr das Vertrauen in das System erschüttert wird, desto größer ist das Risiko, dass es tatsächlich zusammenbricht.“

Vor solchen sich selbsterfüllenden Prophezeiungen warnt auch Adalbert Winkler: „Eigentlich herrscht ein gutes Gleichgewicht, plötzlich kommt aber Unsicherheit auf und Gläubiger verlieren das Vertrauen in die Rückzahlungsfähigkeit der Schuldner. Wenn solche Unsicherheiten nicht schnell bereinigt werden, kann es zu Krisen kommen.“