Medienmacher

Der Streamingdienst Netflix lässt sich in Berlin nieder

Das Netflix-Logo auf dem Display eines Smartphones.

Das Netflix-Logo auf dem Display eines Smartphones.

Foto: imago stock&people / imago/xim.gs

Netflix hat ein Büro in Berlin eröffnet. Und: Facebook nimmt zeitweise ein Profil vom Netz, das an „Tempo“ erinnert, und löscht einen Artikel.

Hamburg.  Heimlich, still und leise ist Netflix nach Berlin gekommen. Nach Angaben eines Unternehmenssprechers unterhält der US-Streamingdienst seit dem 1. Oktober ein Büro in der Hauptstadt. Einstweilen werkeln etwa 20 Mitarbeiter in Räumen des Coworking-Anbieters WeWork. Bis Mitte 2020 sollen etwa 30 Beschäftigte der Online-Video-Plattform – dann in eigenen Büros, die derzeit gesucht werden – die Märkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bearbeiten.

Im Wesentlichen werden sie dies in drei unterschiedlichen Abteilungen tun: Pressearbeit, Marketing und Produktionsvorbereitung. Damit verabschiedet sich Netflix von der bisherigen Strategie, alle Länder der alten Welt von der Europa-Zentrale in Amsterdam betreuen zu lassen.

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Facebook sperrt Gruppe mit Andenken an „Tempo“-Magazin

Das Magazin „Tempo“, das von 1986 bis 1996 erschien, war in jeder Hinsicht stilprägend. Es orientierte sich am subjektiven New Journalism amerikanischer Autoren wie Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson. Das Blatt war fest in der Popkultur verwurzelt. Zu seinen Autoren zählten Schriftsteller wie Maxim Biller, Rainald Goetz oder Christian Kracht, der bei „Tempo“ volontierte.

Der einstige „Tempo“-Leser Stephan Timm pflegt das Andenken an das Blatt. Er hat so ziemlich alles gesammelt, was unter dem Logo „Tempo“ jemals gedruckt wurde. Seine Schätze macht er in einer Facebook-Gruppe einer größeren Öffentlichkeit zugänglich. Wenn man so will, ist der Hamburger ein vorbildlicher Medienhistoriker.

Allerdings gefällt Timms Arbeit nicht jedem: Facebook hat seine Gruppe „Tempo, Zeitschrift für Zeitgeist“ aus dem Netz genommen. „2 deiner Darstellungen verstoßen gegen unsere Standards zu Nacktdarstellungen oder sexuellen Inhalten“, hat ihm die Plattform geschrieben. Konkreter wird sie nicht.

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Timm glaubt dennoch zu wissen, worum es geht: Er hatte kürzlich das bereits 1985 im österreichischen „Wiener“, der als Vorläufer von „Tempo“ gilt, erschienene Stück „Videos, die alles zeigen“ hochgeladen. Illustriert wird der Artikel, in dem es um Pornografie geht, von Bildern, die einen weiblichen Torso und einen übergroßen offenbar durch Bildbearbeitung manipulierten Penis zeigen.

Zunächst ließ sich das Stück nicht bei Facebook publizieren. Erst nachdem Timm die Brüste des Torsos und Teile des Penis’ blau übermalt hatte, erschien der Artikel auf dem Profil seiner Gruppe. Dort blieb er aber nur eine Woche. Dann teilte Facebook ihm mit, dass sein „Tempo“-Profil deaktiviert worden sei.

Gegen 17.40 Uhr aktivierte Facebook diesen Donnerstag die „Tempo“-Gruppe dann wieder. Der umstrittene „Wiener“-Artikel wurde aber entfernt. Eine Erklärung zu diesem Vorgehen blieb Facebook bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe schuldig.

„Eine Politikerin darf man ein ,Stück Scheiße’ nennen“, sagt dagegen der „Tempo“-Gründer und ehemalige „Wiener“-Chefredakteur Markus Peichl in Anspielung auf ein Urteil des Landgerichts Berlin, das an dieser Bezeichnung eines Facebook-Nutzers für die Grünen-Politikerin Renate Künast nichts auszusetzen hatte. „Aber ein Artikel über Pornografie, der 30 Jahre unbeanstandet blieb, wird verboten. Facebook hat unsere Welt kränker gemacht.“