Kleidung

Neues Textil-Siegel: So viel ist der „Grüne Knopf“ wert

Arbeiterinnen in Addis Abeba in Äthiopien einer modernen Textilfabrik.

Arbeiterinnen in Addis Abeba in Äthiopien einer modernen Textilfabrik.

Foto: dpa Picture-Alliance / Kay Nietfeld / picture alliance / Kay Nietfeld/

Entwicklungsminister Müller (CSU) startet ein neues staatliches Siegel für ökologisch, fair produzierte Kleidung: den „Grünen Knopf“.

Berlin. Fair und ökologisch produzierte Kleidung zu kaufen, ist nicht ganz einfach. Aber Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) macht einen Anfang. Seine Socken, gekauft bei der Firma Hans Natur, tragen ein staatliches Textil-Siegel, das Müller ins Leben gerufen hat, um besonders ökologische und sozial faire Produkte auszuzeichnen: den Grünen Knopf.

Die kleine Firma Hans Natur ist eines von 27 Unternehmen, die am Start des Grünen Knopfes teilnehmen. Dabei sind weitere Mini-Händler wie Melawear, Spezialanbieter wie Dibella (Hotelwäsche), größere Textilunternehmen wie Tchibo und Vaude, Konzerne wie Otto und Rewe, aber auch Discounter wie Aldi und Lidl. Insgesamt 70 Firmen hätten Interesse, sagte Müller.

„Grüne Knopf“ erweitert die bisherigen Siegel

Das neue Siegel findet sich ab sofort an einzelnen Produkten in Geschäften und Onlineshops. Um es zu erhalten, müssen die Firmen 26 Prüfkriterien für den jeweiligen Artikel erfüllen. In den asiatischen Zulieferfabriken sollen zum Beispiel genug Feuerlöscher hängen, bestimmte gesundheitsschädliche Chemikalien werden verboten, Gewerkschaftsfreiheit, gesetzmäßige Arbeitszeiten und Mindestlöhne sind zu gewährleisten. Die Produktkriterien können die Textilverkäufer auch dadurch nachweisen, dass sie bereits über anerkannte private Siegel wie Fairtrade verfügen.

Der Grüne Knopf erweitert die bisherigen Siegel aber, indem er die Produktkriterien mit Unternehmenskriterien verknüpft. 20 Kriterien auf Unternehmensebene müssen die Händler erfüllen, um auch wirklich als fair zu gelten. Eine in Deutschland ansässige Firma ist beispielsweise verpflichtet, einen Beschwerdemechanismus nachzuweisen, damit auch die Arbeiter einer Zulieferfabrik in Kambodscha ihre Sorgen vorbringen können. Und zwar so, dass die Zentrale sie wahrnimmt.

Das Zertifikat gilt nicht nur für Kleidung, sondern auch für andere Textilprodukte wie Handtücher, Tischdecken, Bettwäsche. Es bezieht sich zunächst aber nur auf die Produktionsstufen des Nähens und Färbens der Textilien, weitere Schritte bis zum Baumwollanbau sollen später erfasst werden. Prüfstellen wie der Tüv kontrollieren die Firmen.

Die Deutsche Akkreditierungsstelle (DakkS) überwacht die Prüfer. Der Grüne Knopf soll sich zu einem internationalen Standard entwickeln, dem Konzerne aus anderen Ländern beitreten. Mit „Ausbeutung wie im 19. Jahrhundert“ müsse Schluss sein, sagte Müller. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, bezeichnete das Zertifikat als „sehr konkreten Schritt“.

Kritik von vielen Seiten: Siegel schaffe keine Klarheiten

Die Kampagne für Saubere Kleidung sieht dagegen „erhebliche Schwächen“. „Die Zahlung eines existenzsichernden Lohns ist nicht integriert“, erklärte Ingeborg Mehser vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Anfangs müssen die Firmen nur versprechen, dass ihre Lieferanten die staatlich festgesetzten Mindestlöhne der Produktionsländer einhalten.

Existenzsichernde Gehälter, die den Beschäftigten einen angemessenen Lebensstandard ermöglichen, liegen meist beim Doppelten oder Dreifachen des Mindestlohns. Das Entwicklungsministerium (BMZ) betonte, dass heute quasi nirgendwo in der Textilbranche Existenzlöhne gezahlt würden. Die Firmen, die den Grünen Knopf bekommen und später auch behalten wollten, müssen sich laut BMZ dem Existenzlohn aber allmählich annähern. Ob das klappt und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in den Fa­briken durch das Siegel besser werden, muss sich so erst noch erweisen.

Branchenverband Textil und Mode äußert sich ablehnend

Zahlreiche Entwicklungs- und Umweltorganisationen, Gewerkschaften sowie der Bundesverband der Verbraucherzentralen kritisierten zudem, dass die Teilnahme am Müller-Siegel für die Firmen freiwillig ist. Stattdessen fordern sie ein Lieferkettengesetz, das nicht nur für die Textilbranche verbindlich wäre.

Müller und Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) drohen zwar mit einem solchen Gesetz – aber nur für den Fall, dass eine freiwillige Umfrage bei Unternehmen auf die mangelnde Beachtung der Menschenrechte in den Zulieferfabriken hindeuten sollte. Das Ergebnis wird nächstes Jahr erwartet.

Ablehnend äußerte sich auch der Branchenverband Textil und Mode. „Wir können das neue Siegel nicht empfehlen“, sagte Verbandspräsidentin Ingeborg Neumann. „Es schafft mehr Siegelunklarheit als Siegelklarheit. Das vorgestellte Konzept aus dem Entwicklungsministerium wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt, beispielsweise was die Zulassungskriterien und die staatliche Kontrolle angeht.“