Bauernverband

Bauernpräsident: „Glyphosat ist manchmal unverzichtbar“

Bauernpräsident Joachim Rukwied.

Bauernpräsident Joachim Rukwied.

Foto: Daniel Maurer / dpa

Bauernpräsident Joachim Rukwied im Gespräch über die schlechte Ernte in diesem Jahr, staatliche Finanzhilfen und zu viel Bioproduktion.

Berlin.  Joachim Rukwied sieht seinen Beruf als Berufung. Mit Freude ist er Landwirt und setzt sich zugleich seit sieben Jahren für die Interessen der Bauern ein. Über die Herausforderungen von Klimawandel, Gentechnik bis zu Wölfen sprach unsere Redaktion mit dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbands.

Herr Rukwied, wie reagieren die Landwirte auf Hitze, Starkregen und Dürre? Sind das noch Wetterkapriolen, oder ist das schon der Klimawandel?

Joachim Rukwied Wir spüren die Wetterveränderungen seit längerer Zeit. Hitzeperioden nehmen zu, ebenso längere Regenperioden. In meiner Jugend ging die Weinlese noch bis Anfang November. 2018 waren wir Winzer schon im September fertig, dieses Jahr vielleicht Mitte Oktober. Statistisch gesehen beginnt die Ernte elf bis 14 Tage früher. Im Ackerbau wird deshalb versucht, Pflanzensorten zu züchten, die widerstandsfähiger gegen Trockenheit und Hitze sind. Aber das dauert 15 bis 20 Jahre.

Wie fällt die Ernte in diesem Jahr aus?

Die Ernte in diesem Jahr ist unterdurchschnittlich, wobei es starke Schwankungen je nach Region gibt. Im Großraum Leipzig und Sachsen-Anhalt gibt es beispielsweise sehr hohe Ertragsausfälle. Regionen im Nordwesten, in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern sind ebenfalls betroffen. Südlich der Schwäbischen Alb und im südlichen Bayern gab es in der Regel gute Erträge.

Brauchen Sie erneut Staatshilfe?

Eindeutig nein – wir fordern keine finanzielle Hilfe vom Staat. Was wir fordern, ist die Einführung einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage, um in guten Jahren Reserven für schlechte Jahre bilden zu können. Außerdem diskutieren wir Versicherungslösungen für dürrebedingte Ernteausfälle. Hierfür ist jedoch eine Anschubfinanzierung durch den Bund oder die Länder erforderlich.

Waren die Dürrehilfen nach dem Sommer 2018 eine sinnvolle Maßnahme?

Die Landwirte, die Dürrehilfen bekommen haben, waren sehr froh darüber. Das Geld hat den Fortbestand ihrer Betriebe ermöglicht.

Von Milchkrise oder Klagen über Schweinezüchter ist derzeit wenig zu hören. Wie ist die wirtschaftliche Lage der Landwirte?

Die Situation ist nach wie vor angespannt. Die Investitionstätigkeit ist rückläufig, auch wegen der Unsicherheit über die künftige Agrarpolitik. Nur noch 28 Prozent der Betriebe wollen in den nächsten sechs Monaten investieren. Die Unternehmensgewinne sind in vielen Betrieben rückläufig. Im Bereich Schweinemast haben sich nach langer Durststrecke die Preise wieder stabilisiert. Bei der Milch haben wir eine Seitwärtsbewegung – einen drei bis vier Cent höheren Milchpreis würden wir uns schon wünschen. Die Preise für Getreide sind deutlich unter Vorjahresniveau.

Müssen viele Höfe dichtmachen?

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ist sehr stark durch den Generationswechsel bedingt, aber heute geringer als vor 15 Jahren. Damals ging die Zahl der Betriebe um etwa drei Prozent im Jahr zurück. Heute liegen wir bei den von der amtlichen Statistik erfassten Betrieben bei 1,6 Prozent. 2018 hatten wir 266.700 landwirtschaftliche Betriebe, 3100 weniger als 2017. Der Nachwuchs übernimmt nicht mehr selbstverständlich die Nachfolge.

Die Bundesregierung will 20 Prozent Ökolandbau bis 2030. Ist das Ziel erreichbar?

Wir als Bauernverband sind offen dafür. Die Umstellung auf Ökolandbau ist eine unternehmerische Entscheidung des Bauers oder der Bäuerin, und wir freuen uns, wenn sich der Sektor gut entwickelt. Über den Erfolg wird letztlich an der Ladentheke entschieden. In den vergangenen beiden Jahren gab es einen Wandel und erstmals Überangebote, die die Preise unter Druck gesetzt haben. Beispielsweise gab es in Brandenburg im Juli noch 50.000 Tonnen Bio-Roggen aus der Ernte 2018, die nicht verkauft waren.

Der Weltklimarat fordert eine nachhaltigere Landwirtschaft. Welchen Beitrag wollen die deutschen Bauern dazu konkret leisten?

Aus unserer Sicht war die Botschaft des Weltklimarates, die Ernährung der Weltbevölkerung mittels einer ressourcenschonenden Landwirtschaft über höhere Erträge zu sichern. Eine weitere Botschaft war, die Artenvielfalt zu stärken und keine weiteren Wälder abzuholzen. Die im Bericht genannten Treibhausgasemissionen durch die Landwirtschaft – global 23 Prozent und in Deutschland sieben Prozent – wollen wir noch weiter reduzieren. Unser Ziel ist bis 2030 eine Reduktion um weitere 30 Prozent.

Wollen Sie die Erträge durch den Einsatz von Gentechnik steigern?

Gentechnik ist für uns kein Thema. Aber wir sehen Chancen in neuen Züchtungstechniken wie CRISPR/Cas, um Pflanzen gezielt widerstandsfähiger etwa gegen Pilze zu machen, die dann weniger Pflanzenschutzmittel benötigen.

Die EU kritisiert den hohen Nitratgehalt in deutschen Böden. Wird zu viel gedüngt?

Hier gilt es zu differenzieren: Rund 80 Prozent unserer Wasserfassungen sind im grünen Bereich. Bei den verbleibenden 20 Prozent müssen wir deutlich besser werden. Wir sind der Überzeugung, dass wir mit der jetzigen Düngeverordnung von 2018 auf einem guten Weg sind. Das muss man jetzt erst mal wirken lassen. Wasser hat ein langes Gedächtnis. Es dauert zehn Jahre, bis ich im Grundwasser die entsprechende Wirkung sehe.

Müsste die Schweinezucht in Deutschland aus Klimaschutzgründen gedeckelt werden?

Von einer verordneten Obergrenze halten wir nichts. Wir Bauern haben uns 2018 das Ziel gesetzt, den Treibhausgasausstoß bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren. Manchmal stehen sich aber auch die Interessen von Tierschutz und Umweltschutz diametral entgegen. So wäre es zur Luftreinhaltung und für das Klima das Beste, wir würden die Ställe komplett geschlossen halten.

Aus Tierschutzgründen ist es aber sinnvoll, gerade bei Kühen, offene Ställe zu haben. Hier müssen wir Kompromisse finden. Bei der Milchproduktion liegt der Treibhausgasausstoß hierzulande bereits rund 25 Prozent niedriger als in anderen Industriestaaten.

Bayer muss sich wegen des möglicherweise krebserregenden Pflanzenschutzmittels Glyphosat verantworten. Sollte Glyphosat auf deutschen Äckern verboten werden?

Nein. Wenn ein Landwirt mit einem bodenschonenden Mulch- oder Direktsaatverfahren seinen Acker bearbeiten will, ist Glyphosat in manchen Situationen unverzichtbar. Es bietet beispielsweise die Möglichkeit, ein Feld nach einem nassen, frostfreien Winter von einem dichten Zwischenfruchtbestand – der normalerweise bei Frost abfriert – zu befreien, ohne dabei den Erosionsschutz zu zerstören. Eine echte Alternative bei Mulchsaatverfahren gibt es nicht. In Deutschland setzen wir Glyphosat nur selten ein – nicht auf jedem Feld und nicht in jedem Jahr.

Sollten Landwirte mehr Flächen für den Klimaschutz stilllegen, damit mehr Wald entstehen kann?

Der Landwirtschaft gehen schon jetzt pro Tag 74 Hektar an Fläche – also rund 100 Fußballfelder – zugunsten von Infrastruktur- und Umweltausgleichsmaßnahmen verloren. Die landwirtschaftliche Nutzfläche ist endlich und bildet letztendlich unsere Lebensgrundlage, die es zu schützen gilt. Ziel sollte es daher sein, die bestehenden Wälder zukunftsfest zu machen.

Inwieweit bedroht der Wolf auch die Landwirtschaft?

Für Bauern, die Weidetierhaltung betreiben, ob in Almwirtschaft oder an der Küste, ist der Wolf eine große Gefahr. Da geht es nicht nur um gerissene Schafe, sondern es geht auch um jahrzehntelange Zuchtarbeit. Wir brauchen Lösungen, ein Wolfsmanagement, das auch den gezielten Abschuss von Wölfen erlaubt.

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) grassiert nicht nur in Asien, sondern auch bei unseren Nachbarn in Polen und Belgien. Fürchten Sie, dass die Seuche auf deutsche Ställe übergreift?

Wir haben große Sorge, dass die Schweinepest auf Deutschland übergreifen könnte. Das wäre ein Desaster für die Schweinehalter. Für den Menschen ist das Virus keine Gefahr. Die Bundesländer sind mit Notfallplänen weitestgehend darauf vorbereitet.

Die Hühner-Aufzucht ist seit Jahren in der Kritik. Wann wird das Kükenschreddern endlich beendet?

Ich sehne den Tag herbei, wo dieses Thema Geschichte ist. Noch fehlt es aber an praktikablen Lösungen.