Arbeitsbedingungen

Wie Textilfabriken in Bangladesch mittlerweile arbeiten

Die Textilfabrik Hun Lop in Bangladesch.

Die Textilfabrik Hun Lop in Bangladesch.

Foto: Jan Jessen

Sechs Jahre nach der Katastrophe in der Textilfabrik hat sich in Bangladesch viel verändert. Konsumenten belohnen das aber nicht.

Dhaka.. Wo einst das Rana Plaza stand, klafft heute eine große von Unkraut überwucherte Lücke zwischen zwei mit bunter Reklame bemalten mehrstöckigen Gebäuden. Geschäfte und Garküchen versperren den freien Blick auf das Gelände. Nur ein verwittertes kleines Denkmal erinnert an das Unglück, aufgestellt von linken Studenten. Zwei Fäuste, die trotzig Hammer und Sichel in den Himmel recken. Manchmal kommen noch immer Menschen hierhin, um die Toten zu betrauern.

1136 Menschen starben im April 2013, als das achtstöckige Gebäude zusammenbrach, in dem Arbeiter Textilien für Europa und Amerika nähten. Der Einsturz war ein Schock für Bangladesch, die Schockwellen dieser Katastrophe erreichten auch die westliche Welt. Heute hat sich in Bangladesch nicht alles, aber vieles zum Besseren verändert.

Unternehmen scherten sich lange nicht um Arbeitsbedingungen

Bangladesch, halb so groß wie Deutschland, 168 Millionen Einwohner, ist ein aufstrebendes Entwicklungsland. Seit 2004 hat sich das Pro-Kopf-Einkommen vervierfacht, das Land hat 2018 Güter im Wert von 5,8 Milliarden Euro nach Deutschland exportiert, fast ausschließlich Textilien. Bangladesch ist eine der Nähstuben der westlichen Welt. Fast alle großen Marken lassen hier produzieren. Die Lohnkosten sind niedrig. 4,5 Millionen Menschen arbeiten in der Textilindustrie, 20 Millionen sind von ihr direkt oder indirekt abhängig.

Viele Jahre scherten sich westliche Modeketten und Discounter nicht um die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken. Bis zum 24. April 2013. Arbeiter hatten am Vortag in dem Gebäude Risse entdeckt, verursacht wohl durch die Vibrationen eines großen Generators auf dem Dach. Sie informierten die Behörden, wurden aber zur Arbeit gezwungen.

• Auch interessant:

Käufer konnten sich nicht mehr aus der Verantwortung stehlen. Initiativen bildeten sich. In einer der wichtigsten, dem Bangladesh Accord, schlossen sich westliche Unternehmen mit einheimischen Produzenten und Gewerkschaften zusammen, um die Sicherheit zu verbessern.

6100 Arbeiter in Neubau

Fünf Jahre später ist „Bangladesch jetzt der sicherste Standort für die Textilindustrie in den Entwicklungsländern“, sagt Rob Wayss. Der frühere US-Gewerkschafter ist Chef des Accord. Seine Leute haben bereits 35.000 Inspektionen durchgeführt. Hunderte Fabriken mussten schließen, über 1200 sind saniert worden.

Firmen, die den Standards entsprechen, werden zertifiziert. Wie die Textilfabrik Hop Lun in Gazipur, 25 Kilometer außerhalb der Hauptstadt Dhaka. Hop Lun heißt so viel wie „gute Hoffnung“. Der zehnstöckige Bau ist eine Art Vorzeigefabrik. Ein Neubau, vor vier Jahren eröffnet. 6100 Arbeiter, vor allem Frauen, nähen Unterwäsche für C&A, H&M, Hunkemöller, Lidl, Primark oder Tchibo. Drei Millionen Stück pro Monat.

Heute nimmt Sanjoy Kumar Das diese Fabrik unter die Lupe. Er ist Inspektor der staatlichen Aufsichtsbehörde, die personell aufgestockt wurde und die Regeln verschärft hat. Fluchtwege. Korrekte Dokumentation. Bezahlung der Angestellten. Gibt es ein Sicherheitskomitee? Der Mittvierziger lässt sich von einem Manager durch die Fabrik führen. Später wird er sagen, dass bis auf Kleinigkeiten alles in Ordnung war. Hätte es Probleme gegeben, hätte Herr Das das Management vor Gericht stellen können.

• Auch interessant:

Wer Überstunden leistet, verdient bis zu 150 Euro

Auf seinem Weg durch die Fabrik kommt Herr Das bei Maleka vorbei. Sie ist eine der 700 Frauen, die im vierten Stock nähen, in einem gewaltigen Saal, erfüllt vom Sirren der Nähmaschinen und dem Gemurmel der Arbeiterinnen in ihren bunten, traditionellen Kleidern. Maleka ist 26. „Diese Fabrik ist besser als viele andere Fabriken“, sagt sie mit scheuem Blick auf den Manager, der neben ihr steht. Umgerechnet 150 Euro kann sie im Monat verdienen, wenn sie Überstunden schiebt und ordentliche Arbeit leistet. Sie sei zufrieden, sagt sie.

Zufrieden ist auch die Gewerkschaft der Fabrik, eine von 500, die in den vergangenen Jahren in Bangladesch gegründet wurden. Urmie, 26, Betriebsratschefin, sagt, es sei nicht einfach gewesen. „Das Management hat viele Schwierigkeiten gemacht. Die haben gedroht. Wir hatten manchmal Angst, nach Hause zu gehen.“

Aber die Arbeitnehmer bräuchten Ansprechpartner, sagt sie und schaut den Manager selbstbewusst an. Der Mindestlohn sei mit umgerechnet 80 Euro mittlerweile gut. Vor fünf Jahren waren es 47 Euro. Noch Anfang des Jahres waren Tausende Textilarbeiter für mehr Gehalt auf die Straße gegangen. Viele wurden entlassen, berichtet die Kampagne für Saubere Kleidung, manche Anführer sitzen noch im Gefängnis.

Die Internationale Arbeitsorganisation Ilo hat die Selbstorganisation der Textilarbeiter mit angeschoben. In der Nachbarschaft des Ilo-Sitzes leben Menschen in Wellblechhütten. Ihr Slum wird immer kleiner, die Regierung lässt hier Amtssitze hochziehen. Die Arbeiter schuften ohne Helme, ohne Absicherung in schwindelerregender Höhe, tragen in Sandalen schwere Lasten. Andere Branchen hätten noch nicht die Aufmerksamkeit erfahren wie die Textilindustrie, sagt Landesdirektor Tuomo Poutiainen.

Kontrolliert werden vor allem Export-Firmen

Die Textilunternehmer sind mäßig begeistert von den Veränderungen. In der Villa der Präsidentin des Branchenverbandes BGMEA klagen sie beim Abendessen über schmelzende Margen. „Die Textilindustrie von Bangladesch ist heute die transparenteste Industrie der Welt“, sagt Vorstand Miran Ali. Transparenter als in Kambodscha, Pakistan, Myanmar oder Vietnam, die Gewerkschaften sind freier als in China oder in der Türkei. Sie haben viel investiert, beteuern die Unternehmer.

Die Käufer zahlten trotzdem die nahezu gleichen niedrigen Preise wie vor der Katastrophe. „Ich frage mich, wo der soziale Druck der Konsumenten bleibt?“, ärgert sich Mohammad Abdul Momen. „Ihr bezahlt fünf Euro für ein Frühstück. Für das gleiche Geld bekommt ihr dann fünf T-Shirts aus Bangladesch. Wir werden ausgebeutet.“

Kontrolliert werden in Bangladesch vor allem Firmen, die für den Export produzieren. „Problematisch bleibt die Situation vor allem bei Zulieferern und Subunternehmern, die in der Lieferkette weiter unten stehen, sowie bei Unternehmen, die überwiegend für den lokalen Markt produzieren“, sagt ein Sprecher des Bundesentwicklungsministeriums.

Wie gefährlich es in den Fabriken noch immer ist, zeigt sich am Tag des Besuches der Fabrik Hop Lun. Im Distrikt Gazipur brennt es in einer Spinnerei. Sechs Arbeiter sterben in den Flammen.

• Der Bericht entstand im Rahmen einer Recherchereise der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN), die vom Entwicklungsministerium (BMZ) finanziert wurde.