Konzern

Thyssenkrupp-Chef: „Lage im Stahl ist schlechter geworden“

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff.

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff.

Foto: Lukas Schulze / FUNKE Foto Services

Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff bereitet die Beschäftigten nach der gescheiterten Fusion auf eine harte Sanierung vor. Was heißt das genau?

Essen. Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff kommt gerade aus einer internen Telefonkonferenz in der Essener Zentrale. Es gibt viel zu erklären nach seinem radikalen Kursschwenk. Er hat die Stahlfusion und seine Strategie, den Konzern aufzuspalten, beerdigt. Wie es mit dem Industriekonzern und seinen mehr als 160.000 Beschäftigten weitergehen soll, erläutert der Manager im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Kerkhoff, mit Ihrem Plan, Thyssenkrupp in zwei Unternehmen zu teilen, haben Sie 2018 die Ankeraktionäre überzeugt und sind Vorstandschef geworden. Jetzt werfen Sie Ihre gesamte Strategie über den Haufen. Warum?

Guido Kerkhoff Dass die bisherige Strategie nicht mehr funktioniert, hat mehrere Gründe. Ein wichtiger ist, dass die EU-Wettbewerbskommission unsere geplante Stahlfusion mit Tata untersagen wird. Und das, obwohl wir alle Zugeständnisse gemacht haben, die wirtschaftlich vertretbar gewesen wären. Hinzu kommt, dass sich die wirtschaftliche Lage des Konzerns verschlechtert hat und unser Plan, das Industriegeschäft als Minderheitsbeteiligung des Werkstoffgeschäfts zu führen, nicht mehr möglich war.

Aber Sie haben bis zuletzt immer wieder betont, die Konzernteilung komme unabhängig davon, ob die Stahlfusion klappt oder nicht.

Kerkhoff: Deshalb habe ich gerade betont, dass sich mehrere Rahmenbedingungen grundlegend geändert haben. Dann muss man als Vorstand handeln. Unsere Aufgabe ist es, das zu tun, was das Beste für das Unternehmen ist. Unter den aktuellen Bedingungen wäre die Teilung des Konzerns mit hohen Risiken verbunden gewesen. Deshalb haben wir sie abgesagt. Wir haben jetzt die Verantwortung, den Stahl zunächst ohne Partner neu aufzustellen, um ihn nach vorne zu bringen. Unsere Halbjahreszahlen haben gezeigt, dass er sich aktuell nicht in bester Verfassung befindet.

Wie viel Hin und Her verträgt Thyssenkrupp noch?

Kerkhoff: Wir haben ein Dreivierteljahr am Teilungsplan gearbeitet und dreieinhalb Jahre für die Stahlfusion gekämpft. Das war ein guter Plan, der aus den genannten Gründen nun nicht mehr klappt. Unsere wirtschaftliche Lage ist heute schlechter, als wir es vor einem Jahr erwarten konnten. Was wir jetzt brauchen, ist eine Stärkung der Bilanz und unserer Geschäfte. Die erreichen wir mit dem nun geplanten Börsengang der Aufzugssparte. Gleichzeitig gibt das unserem Aufzugsgeschäft auch mehr Freiheit, selbst schneller zu wachsen.

Manche Aktionäre hoffen auf eine Sonderausschüttung. Die IG Metall und NRW-Ministerpräsident Laschet fordern, das Geld müsse in der Firma bleiben. Welche Position haben Sie?

Kerkhoff: Wir wollen die Erlöse des Börsengangs nutzen, um unsere Geschäfte und den Konzern als Ganzes zu stärken.

Ist es ein Sieg der Finanzinvestoren, wenn Sie Thyssenkrupp nun wie eine Beteiligungsfirma führen und Ihr Tafelsilber – die Aufzugssparte – zu Geld machen?

Kerkhoff: Keineswegs. Aber ich kann die Sorgen und Ängste der Beschäftigten gut verstehen. Deshalb war es ein ganz wichtiges Signal, dass wir schnell mit den Arbeitnehmern Grundlagenvereinbarungen getroffen haben, die für den Umbau, der jetzt erfolgt, Sicherheit geben. Im Stahl nehmen wir uns nun bis zum Jahresende Zeit, einen neuen Plan zu entwickeln. Das werden wir gemeinsam mit den Beschäftigten tun. Wir müssen aber alle anerkennen, dass sich die Ausgangssituation im Stahl grundlegend verändert hat.

Lässt sich Thyssenkrupp als Beteiligungs­gesellschaft führen?

Kerkhoff: Thyssenkrupp ist mehr als eine Beteiligungsgesellschaft. Das wird auch so bleiben. Es gibt eine hohe Identifikation der Menschen mit dem Unternehmen. Die Loyalität der Mitarbeiter ist gigantisch. Aber wir werden Dinge verändern müssen. Wir sind zu komplex geworden. Das heißt, wir müssen schneller und agiler handeln: weniger hierarchische Entscheidungswege, mehr Nähe zum Kunden. Das ermöglicht uns die neue Struktur.

Das Aufzugsgeschäft bringen Sie an die Börse. Im Autogeschäft und im Anlagenbau erwägen Sie neue Eigner-Strukturen. Kommt jetzt der Ausverkauf?

Kerkhoff: Nein, es steht jetzt nicht alles auf der Verkaufsliste. Aber wir öffnen uns für Partnerschaften, um unsere Geschäfte in ihren jeweiligen Märkten bestmöglich weiterzuentwickeln. Damit stärken wir Thyssenkrupp insgesamt.

Ist die Partnersuche in einzelnen Geschäftsbereichen ein Zeichen von Schwäche? Schafft es Thyssenkrupp nicht alleine?

Kerkhoff: Oft ist es klüger, Partner mit ins Boot zu holen, wenn es um die Weiterentwicklung von Geschäften geht. Wir können nicht alles selber bezahlen oder haben für alles das Know-how. Wenn es Möglichkeiten gibt, etwas gemeinsam besser zu machen, dann sind wir dafür offen.

• Auch interessant: Thyssemkrupp: Stellenabbau in Absprache mit Betriebsrat

Wird Thyssenkrupp bei den Autos, im Anlagenbau und bei den Aufzügen die Mehrheit abgeben?

Kerkhoff: Grundsätzlich schließen wir nichts aus. Für das Aufzugsgeschäft planen wir einen Börsengang und werden die Mehrheit an Elevator aber behalten. Bei allen anderen Geschäften geht es gar nicht so sehr um die Frage, ob wir eine Mehrheits- oder Minderheitsbeteiligung haben, es geht um die beste Perspektive für unsere Geschäfte.

Mit der Stahlfusion galt eine Jobgarantie bis zum Jahr 2026. Ähnliche Sicherheiten fordern die Stahlkocher jetzt auch wieder.

Kerkhoff: Die Lage im Stahl ist schlechter geworden. Das wird auch auf der Arbeitnehmerseite gesehen. Wir müssen darauf jetzt reagieren und gemeinsam einen neuen Plan nach vorne entwickeln.

Wie glaubwürdig können Sie die neue Strategie vertreten?

Kerkhoff: Ich bin keiner, der sich in schwierigen Situationen wegduckt. Ich stelle mich meiner Verantwortung, für das Unternehmen einen Weg nach vorne zu gestalten.