Hauptversammlung

Grüne fordern Bayer-Vorstand zum Rücktritt auf

Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender des Bayer-Konzern, steht in der Kritik.

Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender des Bayer-Konzern, steht in der Kritik.

Foto: Henning Kaiser / dpa

Auf der Hauptversammlung bekommt Bayer-Chef Baumann den geballten Ärger seiner Aktionäre zu spüren. Scharfe Kritik am Monsanto-Kauf.

Bonn. Die Aktionärstreffen bei Bayer verlaufen nie sonderlich harmonisch. Vor den Versammlungsorten und unter den Rednern postieren sich stets auch erbitterte Gegner der Produkte des Agrarchemie- und Pharmakonzerns. Etwa Imker in voller Tracht, die Pflanzenschutzmittel für das Bienensterben verantwortlich machen.

Doch in diesem Jahr ist die Hauptversammlung des Dax-Konzerns in Bonn rekordverdächtig. Mehr Demonstranten vor der Tür als sonst, mehr Aktionäre drinnen als im Hauptsaal Stühle sind, und mehr Medien aus aller Welt.

Der Kauf des US-Saatgutriesen Monsanto hat den Leverkusener Konzern weltweit ins Rampenlicht gestellt. Bayer-Chef Werner Baumann wollte ja dadurch an Größe und Bedeutung gewinnen. Aber gewiss nicht so.

Bayer-Aktionäre zu Monsanto-Skandal: Eine „Schande“

Die Aktionäre sind sauer, sprechen von einer „Schande“ und „Katastrophe“, weil ihre Papiere seit dem Kauf von Monsanto ein Drittel ihres Werts verloren haben. Und zu den vielen Bayer-Kritikern gesellen sich nun die vielen Monsanto-Gegner. Sie werfen dem amerikanischen Weltmarktführer vor, Monokulturen in der globalen Landwirtschaft zu fördern. Und den Massenvertrieb des angeblich krebserregenden Unkrautmittels Glyphosat.

Trotz der Ferien schlossen sich die Schüler der „Fridays for future“-Bewegung den Protesten vor dem Bonner World Conferenz Center an und skandierten „Kein Glyphosat auf unserem Salat“.

Bayer-Aufsichtsratchef Wenning ist ehrlich – es ist ehrlich nicht gut

Aufsichtsratschef Werner Wenning versuchte gar nicht erst, den Anschein von Normalität zu erwecken. „So gut das operative Geschäft auch läuft“, sagte er eingangs, „so sehr leiden wir unter den Rechtsverfahren zu Glyphosat“. Um die umstrittene Rekordübernahme für 59 Milliarden Euro gleich zu verteidigen.

Der Aufsichtsrat sei fest davon überzeugt, dass der Monsanto-Kauf eine richtige Entscheidung des Managements gewesen sei. Dies, obwohl Bayer erst am Donnerstag hatte einräumen müssen, dass die Zahl der Glyphosat-Kläger in den USA nach der zweiten Niederlage vor einem Gericht in San Francisco im März auf 13.400 gestiegen sei.

Seit dem ersten Urteil im vergangenen August, in dem einem krebskranken Hausmeister Schadenersatz in Höhe von 71 Millionen Euro (78 Millionen Dollar) zugesprochen wurde, hat Bayer rund 30 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Die Anleger nahmen und nehmen dem Bayer-Vorstand ganz offensichtlich nicht seine Einschätzung ab, die Rechtsrisiken durch den Monsanto-Kauf seien gering.

Monsanto stützt die Bayer-Zahlen, Gewinn legte zu

Das räumte auch Konzernchef Werner Baumann ein. Trotzdem verteidigte er seinen Megadeal erwartungsgemäß vehement. Dass der amerikanische Saatgutriese Bayers Bilanz stützt, zeigen die Zahlen seit dem Vollzug des Kaufs im vergangenen Sommer.

Gewinn und Umsatz legten deutlich zu, Monsanto liefert hohe Margen. Auch strategisch sei die Übernahme richtig, weil Bayer mit Monsanto innovativer in der Erforschung neuer Saaten und Pflanzenschutzmittel werde. Das sei wichtig, um die Erträge der Landwirtschaft weiter steigern zu können. Klar sei auch, dass gleichzeitig der Einsatz von Pestiziden zurückgefahren werden müsse, daran forsche Bayer.

Gegen die negativen Glyphosat-Urteile gehe Bayer in Berufung und werde das Monsanto-Mittel entschieden verteidigen. „Wir sind nach wie vor von der Sicherheit von Glyphosat überzeugt“, betonte Baumann unter Verweis auf etliche Studien und die weltweite Zulassung durch die staatlichen Behörden.

Dass Kläger in den USA Monsanto beschuldigen, sie bewusst einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt zu haben, nennt Baumann „unglaubliche Vorwürfe“.

Gespräch mit Monsanto-Mitarbeiter stimmt Aktionäre nicht milde

Doch seine offenbar als bewegender Einschub gedachte Notiz vom Gespräch mit einem langjährigen Monsanto-Mitarbeiter, der sich zu Unrecht am Pranger sieht, vermochte die Aktionäre nicht milde zu stimmen. Ebenso wenig die gute Entwicklung der Geschäfte vor allem in Nordamerika. Mit der durch den Monsanto-Kauf enorm gewachsenen Agrarchemie, aber auch mit patentgeschützten Arzneien.

Auch die Aussicht auf hohe Erlöse durch den geplanten Verkauf der Tiermedizinsparte und des Chemieparkbetreibers Currenta wurde eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Baumann will zudem mit einem harten Sparprogramm samt Abbau von 12.000 der weltweit 118.000 Arbeitsplätze den bereinigten operativen Gewinn (Ebitda) immerhin von zuletzt 9,5 auf 16 Milliarden Euro bis zum Jahr 2022 steigern. In Deutschland will Bayer offenbar 4500 Arbeitsplätze abbauen.

Die Aktionäre blicken aber weniger auf die jüngsten Bilanzen als vielmehr weiter ängstlich voraus auf die Glyphosat-Prozesse. Einer fragt, warum Bayer ausgerechnet „das umstrittenste Unternehmen der gesamten Branche“ habe kaufen müssen. Der Aktienkurs hänge bis auf weiteres „von den Nachrichten aus den Gerichtssälen ab“, klagt Nicolas Huber vom Investmentfonds DWS. „Herr Baumann, was haben Sie nur mit unserem Unternehmen angestellt?“, fragt Joachim Kregel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Vertrauen der Gesellschaft in unabhängige Zulassungsbehörden schwindet

Baumann gibt sich unbeirrt. Offenbar schwinde das Vertrauen der Gesellschaft in unabhängige Zulassungsbehörden, klagt er, spricht gar von Unterminierung der Glaubwürdigkeit staatlicher Behörden. Für die Zulassung von Mitteln wie Glyphosat dürften aber nicht Emotionen, sondern nur wissenschaftliche Fakten eine Rolle spielen. An dieser Stelle erhält Baumann den einzigen und eher ängstlich wirkenden Zwischenapplaus während seiner gesamten Rede.

Denn die Unsicherheit wird Bayer seinen Aktionären so bald nicht nehmen können: Allein in diesem Jahr erwartet Monsanto vier weitere Glyphosat-Prozesse. Und schon die Berufungsverfahren für die ersten beiden Prozesse dürften sich bis in die 20er-Jahre ziehen.

Aktionäre entlasten Bayer-Vorstand nicht

Am späten Abend wird die Unzufriedenheit der Aktionäre auch noch in Zahlen deutlich: Der Bayer-Vorstand wird nicht entlastet, dem Aufsichtsrat sprechen die Aktionäre dagegen das Vertrauen aus. 55,5 Prozent der Anwesenden stimmen gegen die Entlastung – ein herber Rückschlag für Konzernchef Baumann: 2018 war der Vorstand noch mit rund 97 Prozent entlastet worden.

Das Votum hat zwar keine direkten Folgen, darf aber als schallende Ohrfeige für den Vorstand verstanden werden. Baumann ist der erste amtierende Vorstandschef eines Dax-Konzerns, dem die Anteilseigner das Vertrauen entzogen haben.

Monsanto-Drama: „Alptraum für uns Aktionäre“

Von einem „Alptraum für uns Aktionäre und eine Katastrophe für Bayer“ sprach Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Vorstand habe den Aktionären „in Summe ein Risiko von mehr als 100 Milliarden Euro“ aufgebürdet.

Zum Kaufpreis von 59 Milliarden Euro komme der Wertverlust der Aktien von 30 Milliarden Euro und Prozessrisiken in den USA von 15 Milliarden hinzu. Wenn Wenning und Baumann immer wieder betonten, alles richtig gemacht zu haben, würden „die Gräben zwischen Ihnen da oben auf der Bühne und uns Aktionären immer tiefer.“

Bayer sei mal das wertvollste Dax-Unternehmen gewesen, nie zuvor habe ein Unternehmen so schnell an Wert und Reputation eingebüßt, „das ist eine Schande“, so Tüngler.

Grüne fordern Bayer-Vorstand zum Rücktritt auf

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter hat den Vorstand des Chemiekonzerns Bayer zum Rücktritt aufgefordert. „Wenn Bayer sich retten will, dann muss der Konzern sich ändern“, sagte Hofreiter unserer Redaktion. Er bezweifle aber, dass der aktuelle Vorstand dazu in der Lage sei. „Es wäre das Beste, wenn der Vorstand den Weg für einen Neuanfang frei machen würde.“

Hofreiter bezeichnete die Monsanto-Übernahme als riesigen Fehler. „Monsanto hat sich mit seiner Größe und seiner Marktmacht auf dem Saatgutsektor über alle Regeln hinweggesetzt und sich für soziale Folgen seines Wirtschaftens nie interessiert, von den ökologischen Folgen erst gar nicht zu reden“, sagte er. „Das rächt sich jetzt für Bayer.“ Es zeige sich, dass Umweltzerstörung als Geschäftsmodell nicht mehr funktioniere. Die Zielsetzung solle jetzt lauten, so Hofreiter: „Landwirtschaft statt Glyphosat, Vielfalt statt Monokultur.“

(Stefan Schulte/FMG)