Ölkonzern

Saudi Aramco: Das ist der profitabelste Konzern der Welt

Die weitläufigen Ölförderanlagen von Ras Tanura. Hier wird der Reichtum Saudi-Arabiens erarbeitet.

Die weitläufigen Ölförderanlagen von Ras Tanura. Hier wird der Reichtum Saudi-Arabiens erarbeitet.

Foto: REUTERS / AHMED JADALLAH / Reuters

Saudi Aramco macht mehr Gewinn als Apple oder Google. Bald will der saudische Ölförderer an die Börse. Welcher Plan dahintersteckt.

Kairo. Gigantische Pipelines ziehen sich bis zum Horizont. Schier endlose Rohre der Raffinerien ragen in den blauen Himmel. Die Öltanks auf Ras Tanura, einer Landzunge, glitzern in der Sonne. Von hier aus wird das schwarze Gold Saudi-Arabiens auf Supertanker verladen und verschifft.

Rund zehn Millionen Barrel (je 159 Liter) Öl fließen täglich durch die saudischen Pumpen am Persischen Golf – mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Das Wüstenkönigreich ist die größte Tankstelle des Globus. Dahinter steckt der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco, der seinen Sitz in Dhahran im Osten des Landes hat.

Saudi Aramco übertrifft Apple-Gewinn um Längen

Jahrzehntelang wurde über dessen paradiesischen Profite spekuliert, ohne dass jemals solide Geschäftszahlen nach außen drangen. Kürzlich legte der Konzern zum ersten Mal die Karten auf den Tisch – und präsentierte für 2018 einen Weltrekord.

Der operative Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) lag bei 224 Milliarden Dollar, knapp 200 Milliarden Euro. Das ist fast dreimal so viel wie beim iPhone-Konzern Apple, der zuletzt auf 82 Milliarden Dollar kam, und viermal so viel wie beim Internetriesen Google. Netto blieb Saudi Aramco ein Gewinn von 111 Milliarden Dollar – auch weit mehr als alle anderen Konzerne verdienen.

BP, Exxon Mobil und Co. sind weit abgeschlagen

Zum Vergleich: Die bekanntesten Ölkonzerne der Welt, das sind Chevron und Exxon Mobil aus den USA, BP aus Großbritannien, der britisch-niederländische Konzern Royal Dutch Shell und Total aus Frankreich, erzielten 2018 knapp 80 Milliarden Dollar Gewinn – zusammengerechnet.

Der Erfolg von Saudi Aramco ist möglich, weil sich der Ölpreis im vergangenen Jahr wieder erholt hat – und der Konzern Zugriff auf die wertvollsten Erdölvorkommen der Erde hat. Unter dem Wüstensand Saudi-Arabiens liegen zwanzig Prozent der globalen Reserven. Nirgendwo lassen sie sich leichter ausbeuten als hier.

1933 als Konsortium amerikanischer Ölfirmen gegründet, wurde der Konzern in den 1970ern verstaatlicht. Seitdem hütete das Königshaus das Ausmaß des Dollarsegens wie ein Staatsgeheimnis.

Erste Anleihe war mehrfach überzeichnet

Nun also der aufsehenerregende Sinneswandel von der Geheimniskrämerei zur Transparenz. Der Grund: Saudi Aramco hat Anfang April eine erste Anleihe herausgegeben, um sich von internationalen Investoren Kapital für den bereits vollzogenen Erwerb des staatlichen Chemiekonzerns Sabic zu borgen – das Staatsunternehmen erhielt 12 Milliarden Dollar. Das Angebot war offenbar mehrfach überzeichnet. Es sollen Kaufaufträge über 100 Milliarden Dollar vorgelegen haben.

Die Investoren wollten zuvor wissen, ob der neue Schuldner vertrauenswürdig ist. Und so blieb den Ölmanagern nichts anderes übrig, als erstmals ihre Bilanzen preiszugeben. Die beiden renommierten US-Ratingagenturen Moody’s und Fitch zeigten sich zufrieden und stellten sehr gute Noten aus – Moody’s ein A1 und Fitch ein A+.

Kronprinz Mohammed bin Salman plant delikates Manöver

Für die Gläubiger heißt das, sie können ziemlich sicher sein, dass der Ölriese seine Schulden zurückzahlen kann. Das geliehene Geld will Saudi Aramco einsetzen, um den eigenen Wert durch Zukäufe zu steigern. Auf den ersten Blick erscheint das merkwürdig – immerhin ist der Konzern schon das profitabelste Unternehmen der Welt.

Doch Kronprinz Mohammed bin Salman plant ein delikates Manöver. Er will fünf Prozent des Ausnahmekonzerns an die Börse bringen und damit 100 Milliarden Dollar einstreichen, um seine ehrgeizigen Modernisierungspläne zu finanzieren. „Vision 2030“ heißt das Reformvorhaben, mit dem der Thronfolger seine Nation aus ihrer verkrusteten Lethargie heraustreiben, seine Landsleute ans Arbeiten kriegen und den aufgeblähten Staatsapparat auf Trab bringen will.

Kommentar:

Denn nur so lassen sich die Ziele seiner gesellschaftlichen Agenda verwirklichen – die brisante Arbeitslosigkeit unter dem saudischen Nachwuchs entschärfen und die extreme Abhängigkeit vom Öl reduzieren. Die Staatskasse lebt zu 90 Prozent vom Ölexport. Obendrein muss Saudi Aramco rund 8000 Prinzen versorgen, die opulente monatliche Apanagen beziehen. Vergangenen Herbst blies das Königshaus den Börsengang allerdings zunächst einmal ab. 2021 will man einen neuen Anlauf wagen und bis dahin den Unternehmenswert aufpolieren.

Bin Salmans Ansehen hat extrem gelitten

Erster Schritt ist die 70-Prozent-Übernahme des Chemieproduzenten Sabic, ein 69-Milliarden-Dollar Geschäft, was eben zum Teil durch Kredite finanziert werden soll. Andere Firmenkäufe, so im Flüssiggas-Sektor, sollen folgen. Ob diese Strategie aufgeht, steht in den Sternen.

Das internationale Ansehen des saudischen Chefreformers hat in letzter Zeit beträchtlich gelitten. Der vierjährige Krieg im Jemen, den Mohammed bin Salman im März 2015 vom Zaun brach, ist für die Vereinten Nationen „die größte menschliche Katastrophe der Gegenwart“. Und seit dem skrupellosen Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi sind auch in der internationalen Geschäftswelt die Sympathien für den Kronprinzen erkaltet. Ausländische Investitionen sind eingebrochen.

USA könnten Saudi-Arabien bei Ölförderung einholen

Auch der Klimawandel bringt die Ölindustrie in Misskredit. Es gebe eine „Krise der Wahrnehmung“, auch in der Finanzwelt, beklagte jüngst Aramco-Chef Amin Nasser. Bei Politikern, Regierungsbehörden und Investment-Häusern wachse die beunruhigende Überzeugung, „dass wir eine Industrie mit geringer oder gar keiner Zukunft mehr sind“, erklärte er.

Solche Ansichten basierten nicht auf Fakten und Logik, sondern seien Reaktionen auf öffentlichen Druck und Medienrummel. „Trotzdem werden diese Ansichten ernsthaft vertreten, und auch unsere langjährigen Partner lassen sich ganz eindeutig anstecken.“

Konkurrenz kommt außerdem aus den USA, die seit Beginn des Booms der Ölförderung per Fracking die Fördermenge vervierfacht haben: 2018 waren es 4,5 Millionen Tonnen. Die Internationale Energieagentur IEA prognostizierte zuletzt, dass die USA in vier Jahren knapp neun Millionen Tonnen am Tag exportieren werden – und damit erstmals mehr als Russland und nur geringfügig weniger als Saudi-Arabien. (Martin Gehlen)