Medienmacher

Wenn in einer Story mehrere Figuren zu einer verschmelzen

Das „Spiegel“-Gebäude in Hamburg.

Das „Spiegel“-Gebäude in Hamburg.

Foto: Morris MacMatzen / Getty Images

Ullrich Fichtner, Förderer des „Spiegel“-Fälschers Relotius, postulierte 2016 eine seltsame Theorie zur Dramaturgie der Reportage.

Hambur g. Der „Spiegel“-Redakteur Ullrich Fichtner ist ein vielfach ausgezeichneter Journalist, aber kein guter Redner. Wenn er im monotonen Singsang seiner fränkischen Heimat über die Dramaturgie der Reportage doziert, fällt es schwer, aufmerksam zu bleiben.

Es ist folglich kein Vergnügen, eine knapp anderthalb Stunden lange Audiodatei abzuhören, die einen Workshop Fichtners zum Thema „Ohne Dramaturgie ist alles nichts – Bauformen des Erzählens“ enthält. Er fand 2016 auf der Journalistentagung „Reporterforum“ statt. Hält man aber eine gute halbe Stunde durch, stößt man auf eine sehr bemerkenswerte Aussage Fichtners:

„Häufig sehe ich in Texten … dass mehrere Figuren eingeführt sind … die dasselbe erzählen. Das brauche ich überhaupt nicht. … Klar, man macht eine Recherche, man redet mit vielen Leuten … die Leute sagen auch ähnliche Sachen. Das Problem ist: Wir wollen es nicht doppelt und dreifach hören, sondern nur einmal. Das reicht völlig. Ich behelfe mir dann so, dass ich inhaltliche Sachen zusammenziehe auf eine Figur.“

Technik, die mit seriösem Journalismus wenig zu tun hat

Wie bitte? Der preisgekrönte Reporter Fichtner lässt in seinen Reportagen Zitate verschiedener Personen zu den Aussagen einer einzigen Figur verschmelzen? Er selbst hat sich gegenüber dem Verfasser dieser Kolumne in einer sehr langen Mail erklärt, möchte aber nicht, dass daraus zitiert wird. Das ist schade, zumal seine Erklärung Fragen aufwirft, die man gern mit ihm diskutiert hätte. So kann man sich nur an seine Äußerungen zu dem Thema bei dem Workshop halten.

Obwohl er an anderer Stelle seines Vortrags die Bedeutung von Fakten betont, besteht auch nach mehrfachem Anhören der Passage kein Zweifel: Fichtner umreißt hier eine Technik, die mit Fiktion viel, mit seriösem Journalismus hingegen nichts zu tun hat.

Es hilft auch wenig, dass der Medienwissenschaftler Michael Haller in seinem 1987 erschienenen Standardwerk „Die Reportage“ das Verschmelzen von mehreren Personen in eine Figur für legitim hält. Auf Hallers seltsame Lehrmeinung hat im Zusammenhang mit dem Skandal um Claas Relotius, der für den „Spiegel“ 55 Texte fälschte, bereits im Januar der Medienjournalist Stefan Niggemeier hingewiesen. Haller habe ihm gesagt, schreibt Niggemeier, dass er eine entsprechende Passage in einer Neuauflage des Buches ändern werde.

Fichtner sollte am 1. Januar einer von drei Chefredakteuren des „Spiegel“ werden. Da er ein Förderer von Relotius war, musste er sein neues Amt ruhen lassen. Der geschäftsführende Chefredakteur Steffen Klusmann will diesen Monat entscheiden, ob Fichtner doch noch Chefredakteur werden kann. Offenbar wollte Klusmann, der derzeit im Urlaub ist, ihn bis vor kurzem noch befördern.

Unwahrscheinlich, dass Fichtner neuen Posten antreten darf

Da aber der Widerstand gegen Fichtner sowohl in der Redaktion als auch in der Geschäftsführung des „Spiegel“-Hauptgesellschafters Mitarbeiter KG groß ist, gilt es nun als unwahrscheinlich, dass er seinen neuen Posten antreten darf. Wer an Fichtners Stelle Chefredakteur werden könnte, ist ungewiss. In Redakteurskreisen wird der Name von „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen gehandelt, aber das ist bisher nur ein Gerücht.

Der Prüfkommission zur Relotius-Affäre lag zum Zeitpunkt der Abfassung ihres Zwischenberichts, auf dessen Grundlage Klusmann über Fichtners Zukunft entscheiden will, die Audiodatei des Workshops wohl nicht vor. Sie enthält übrigens noch ein paar weitere interessante Passagen: An mehreren Stellen empfiehlt Fichtner seinen Zuhörern, sich bei Reportagen an Techniken des Kinos zu orientieren.

Er lobt die Montage bei „Mission Impossible 5“ und den Einstieg von „Fargo“. Derselbe Fichtner kritisierte zweieinhalb Jahre später in dem Stück, in dem er den Relotius-Skandal öffentlich machte, der einst von ihm geförderte Autor habe nicht beachtet, dass Journalisten „nur Dokumentarfilme“ zeigen dürften. Doch warum empfiehlt Fichtner jungen Journalisten dann nur fiktionale Produktionen als Vorbild?