Wissenschaft

E-Kondom und Grillwalker: Was treibt deutsche Erfinder an?

Michael Wedowski, Reinhard Ramm, Kurt Krollpfeiffer und Zhang Jian Hong (von links) vom Berliner Erfinderstammtisch treffen sich regelmäßig.

Michael Wedowski, Reinhard Ramm, Kurt Krollpfeiffer und Zhang Jian Hong (von links) vom Berliner Erfinderstammtisch treffen sich regelmäßig.

Foto: David Heerde

Tausende Patente melden Erfinder im Jahr in Deutschland an. Oft zahlen die Tüftler hohe Summen, ohne je einen Ertrag zu erhalten.

Berlin.  Ein besonders prickelndes Gefühl erzeuge es, keiner wolle mehr darauf verzichten, zu sehr würde es die Lust anregen. Zhang Jian Hong kommt ins Schwärmen, wenn er von einem seiner Patente spricht: einem elektrischen Kondom, dem E-Kondom.

Angeregt durch Körperflüssigkeiten soll ein kleiner Strom durch das Verhütungsmittel fließen. Verbreite sich seine Erfindung erst mal um die Welt, würden weltweit die Aids-Raten sinken. Dieses Jahr werde es auf den Markt kommen, nur Feinheiten beim Material müssten noch abgestimmt werden.

Groß denken ist eine wichtige Eigenschaft

Das stromleitende Gummi sei jedoch nichts gegenüber seiner noch größeren Erfindung: Eine Boje, die auf dem Meer, angetrieben durch die Wellen, Strom erzeuge. Günstig wie nie könnten ganze Städte mit Energie versorgt werden, so der gebürtige Chinese.

Seit 42 Jahren lebt er in Berlin, war Geschäftsführer eines Supermarkts und einer Karaoke-Bar. Heute wolle er sich ausschließlich seinen Erfindungen widmen. Groß denken, so der 53-Jährige, sei eine wesentliche Eigenschaft von ihm. Mehr als hundert Patente habe er bereits angemeldet.

120 Erfinderclubs gibt es in Deutschland

Groß denken – das wollen auch die anderen beim Erfinderstammtisch im Berliner Stadtteil Wilmersdorf. Seit mehr als 40 Jahren treffen sich hier einmal im Monat Tüftler in einem kleinen Restaurant, essen Wiener Schnitzel mit Pommes und tauschen sich aus über Patente, technische Kniffe und ihre neuesten Einfälle.

Schaut man sich am Tisch um, könnte man meinen, Erfindungen seien Männersache, in dieser Runde aus sympathischen Spinnern, traurigen Tüftlern, ambitionierten Ingenieuren. Selbst der 1988 verstorbene Berliner Nobelpreisträger für Physik, Ernst Ruska, soll mehrfach zu Gast gewesen sein. Etwa 120 solcher Erfinderclubs gibt es in ganz Deutschland.

Automatische Feuerlöscher und rudern in Fahrtrichtung

Diesmal ist da Kurt Krollpfeiffer, der an einem vorwärtsfahrenden Ruderboot arbeite. „Rudern in Fahrtrichtung“ nennt er es, „damit man sieht, wo man hinfährt.“ Daneben Michael Wedowski, der an einem automatischen Feuerlöscher für Autos tüftelt. Brennende Fahrzeuge könnten sich damit selbst löschen, erklärt er und schiebt eine selbst bedruckte Visitenkarte über den Tisch. „Erfinder“ steht darauf als Berufsbezeichnung.

Mehr als 320.000 Euro habe er bereits investiert. Auch sein Sitznachbar, Uwe Stahn, gibt sich professionell. Er wolle den Verkehr revolutionieren. Kleine fahrerlose Wagen mit wenigen Fahrgästen sollen auf Bahn-Schienen fahren. Staus gehörten damit der Vergangenheit an.

Selbst eine Anzeige war erfolglos

Mit viel Geld hat sich Stahn dafür weltweit die Patente gesichert und einen Prototypen gebaut. Nun wartet er auf die Ernte. Oder genauer: auf Kundschaft. Erstaunlich ist, dass selbst er hier mit den einfachsten Fragen hockt: Wo trifft man etwa „die richtigen Leute“, den entscheidenden Investor?

Dann ist da noch Reinhard Ramm, der den automatischen Erdbeerpflücker erfunden hat und schon in der DDR als „Verdienter Erfinder“ ausgezeichnet wurde. Oder Hubert Pannek, dem nach eigenen Angaben sein geistiges Eigentum geklaut wurde.

Vor 17 Jahren habe er einen Pflanzkübel zum Patent angemeldet, der heute überall stehe. Doch keiner honoriere ihn dafür. Selbst eine Anzeige gegen die Hersteller sei erfolglos gewesen. „Die Erfinder bleiben meist auf der Strecke“, sagt Feuerlöscher-Entwickler Wedowski. Alle in der Runde nicken.

Die meisten Erfinder sind erfolglos

Das meiste sei vergebliche Mühe, sagt später Lutz Kluge. „Sonst säßen die meisten nicht hier.“ Kluge hat ein kleines Ingenieurbüro und sich auf die Beratung von Erfindern spezialisiert. Früher habe er an eigenen Ideen gearbeitet, heute helfe er anderen auf ihrem Weg zum Patent.

Oder, so erzählt er, bewahre sie vor horrenden Ausgaben für Einfälle, die keine Aussicht auf Erfolg hätten. Bei vielen existiere in den Köpfen eine wirre Idee.

Dann sind sie bitter enttäuscht

Daraus die Essenz herauszufiltern, sei die erste Hürde. Viele glaubten zudem, dass etwas, das sie sich ausdenken, sofort eine Erfindung sei – nur, weil sie es bisher nicht gesehen hätten. Oft zeige sich jedoch: So neu ist die Sache nicht.

Dann seien sie meist bitter enttäuscht – und der Auffassung, „die in Amerika, China oder Russland“ hätten ihnen die Idee geklaut. Die „vorhandenen Erfindungs-Widerstände führen zur Solidarität untereinander“, heißt es entsprechend auf der Vereins-Webseite.

Die meisten scheitern an der Vermarktung

Selbst bei einer guten Idee scheiterten die meisten an der Vermarktung, so der Erfinder-Berater. Ein Bekannter habe eine Steuerung fürs Auto entwickelt, mit der Menschen mit Behinderung durch Tasten selbst fahren könnten. Die Industrie habe Interesse gezeigt, der Mann den Prototypen gebaut.

Dann sei die Firma abgesprungen, der Tüftler auf den Kosten sitzengeblieben. Sein gesamtes Haus habe er dafür verkauft. „Wäre die Firma ernsthaft interessiert gewesen, hätte sie selbst investiert.“

Patentanmeldungen kosten bis zu 2.000 Euro

Weniger als ein Prozent aller Erfindungen werden laut „Lei(d)tfaden der Patenanmeldung“, einem Klassiker der Szene, zu Produkten. So kann es sein, dass jemand etliche Schutzrechte hat, aber keinerlei finanziellen Gewinn davon.

Im Gegenteil: Patentanmeldungen sind teuer, nicht zuletzt wegen der Kosten für den Patentanwalt. Und ab dem dritten Jahr nach der Anmeldung werden jährlich Gebühren von zunächst 70 Euro fällig, die bis zum 20. Patentjahr auf knapp 2.000 Euro anwachsen.

Jedes Jahr laufen mehr als 67.000 Anmeldungen ein

decken die Einnahmen häufig nicht einmal die Patentgebühren. Drei Prozent vom Herstellungspreis bekommt der Erfinder im Schnitt. Und dennoch: Jedes Jahr laufen beim Deutschem Patent- und Markenamt mehr als 67.000 Anmeldungen ein, etwa zehn Prozent von Privatpersonen.

Was treibt sie also an, all die Daniel Düsentriebe, die in ihren Garagen, Kellern, Hobbyräumen tüfteln? „Erfinder nehmen die Welt nicht so wie sie ist“, sagt Clubleiter Peter Stepina. Die wollten was schaffen, was es bisher noch nicht gibt.

Manche wollten Freunden und Familie helfen, andere eine Patentschrift an der Wand hängen haben, andere viel Geld verdienen. Alle wollten ein Held sein. „Insgeheim hofft jeder auf den zweiten Fischer-Dübel.“

Der Erfinder des Grillwalkers kam aus dem Berliner Erfinderkreis

Einer aus dem weiteren Berliner Erfinderkreis, der zumindest den Mini-Durchbruch gelandet hat, ist Bertram Rohloff. Vor zwölf Jahren hat er den „Grillwalker“ erfunden, den Propangas-Umschnallgrill, auf dem in vielen Einkaufsstraßen Bratwürste brutzeln. Heute verkauft er die Grills für rund 5000 Euro das Stück.

Der „große Clou“, davon ist Zhang Jian Hong überzeugt, wird auch sein E-Kondom sein. Das Erotikunternehmen Beate Uhse habe bereits Interesse gezeigt. Zu Details wolle er sich bedeckt halten, „Erfindergeheimnis“. Ein Wort, das an diesem Abend häufig fällt.

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