Brennstoff

Besuch in Sibirien – So wird Gas für Deutschland gefördert

Malerisch steht der Bohrturm zur blauen Stunde in der Tundra. Gut 4000 Meter in die Tiefe reichen die Bohrungen.

Malerisch steht der Bohrturm zur blauen Stunde in der Tundra. Gut 4000 Meter in die Tiefe reichen die Bohrungen.

Foto: Björn Hartmann

Am Polarkreis fördert ein deutsch-russisches Unternehmen Gas für Deutschland. Es ist eine Arbeit im Grenzbereich. Wir waren vor Ort.

Nowy Urengoi.  Immerhin kein Wind. Der würde hier am Polarkreis ungebremst über die weite sibirische Tundra blasen und die minus 33 Grad noch etwas ungemütlicher machen. Ohnehin gefriert der Atem bereits in den Augenbrauen. Doch Olaf Reetz schaut recht entspannt über die weite Fläche im weißen Nirgendwo.

Zweihundert Meter weiter vorn kippen Lastwagen unentwegt Sand aus, planieren Raupen die Haufen. Dahinter lugt gerade orange die Sonne über den fahlen Horizont. Ein perfekter Tag, um zu zeigen, von wo aus einmal Gas Richtung Deutschland strömen soll, Brennstoff für Kraftwerke und Heizungen.

Reetz ist stellvertretender Generaldirektor für strategische Entwicklung von Achim Development, einem Gemeinschaftsunternehmen des russischen Staatskonzerns Gazprom und von Wintershall aus Kassel, dem größten deutschen Gas- und Ölförderer. Er bringt das Projekt gemeinsam mit den russischen Partnern voran.

„Im Frühjahr treiben wir hier Pfosten in den Permafrostboden“, sagt der Manager. Darauf wird dann eine Plattform für eine Gasaufbereitungsanlage gebaut. Tief unter der Fläche liegt das riesige Gasfeld Urengoi, aus dem sie hier von 2020 an fördern wollen.

Rundherum werden ähnliche Sandflächen für die Bohrtürme aufgeschüttet. Gearbeitet wird im Winter, weil alles gefroren ist. Im kurzen subpolaren Sommer mit bis zu 30 Grad in der Sonne taut alles an. Dann „haben wir hier eine einzige Schlammwüste“, sagt Reetz. Nur eben nicht da, wo der Sand aufgeschüttet wird.

Seit April werden Straßen angelegt, liefern Laster rund um die Uhr Sand, wird planiert. Die Lkw- und Raupenfahrer arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten rund um die Uhr, leben in Containern nahe der Baustelle. Nowy Urengoi, der nächste Ort, ist gut 50 Kilometer entfernt. Pendeln kostet zu viel Zeit, eine Unterkunft in der Hauptstadt der russischen Gasförderung Miete. Hier an der Baustelle stellt Achim Development die Unterkünfte. Und kalt ist es überall.

Ein paar Kilometer entfernt in der Weite lässt sich schon sehen, wie die Gasaufarbeitungsanlage einmal aussehen wird. Hier steht die Zentrale von Achimgaz, einem Unternehmen, das Gazprom und Wintershall zu gleichen Teilen gehört.

Aus der Luft sehen die roten, gelben und blauen Gebäude und das Rohrgewirr in der weißen Weite sehr malerisch aus. Drumherum stehen ein paar Birken, Kiefern, Lärchen voller Pulverschnee. Ein märchenhafter Rahmen für ein Wirtschaftsunternehmen, das viel Geld bringen soll. Für Wintershall, für Gazprom und für den russischen Staat.

Und während draußen die Sonne nach knapp vier Stunden wieder unter den Horizont abtaucht, erklärt drinnen bei gut 25 Grad plus Ingo Neubert, stellvertretender Achimgaz-Generaldirektor und einer der drei Deutschen im Unternehmen, wie die Anlage funktioniert. Aus 100 Bohrungen in die gasführende Achimov-Schicht, nach der das Unternehmen benannt ist, strömt ein Gas-Kondensat-Gemisch über einzelne Leitungen in die Anlage.

In verschiedenen Schritten wird das Gemisch gekühlt, der Druck gesenkt, das Gas vom Kondensat, eine leichte und sehr wertvolle Art Erdöl, getrennt. Dann geht das Gas durch eine Stichleitung in die zentrale Pipeline, über die es nach drei bis fünf Tagen und gut 4500 Kilometern durch Russland und die Ukraine bei Uschgorod die EU-Außengrenze erreicht. Von da fließt es Richtung Deutschland.

124.000 Menschen leben in der Gashauptstadt

Hier oben im Norden der Halbinsel Jamal liegt in drei Schichten unter der Tundra ein Fünftel aller russischen Gasreserven. Das Urengoi-Feld ist die zweitgrößte Lagerstätte der Welt nach dem South-Pars-Feld in Iran und Katar und noch vor dem russischen Jamburg-Feld, nördlich von Nowy Urengoi noch jenseits des Polarkreises.

Und etwas weiter im Osten schließt sich Juschne-Russkoje an. Dort fördert Gazprom gemeinsam mit Wintershall und Uniper (ehemals Teil des Energiekonzerns Eon). Auf das Urengoi-Feld stießen die Geologen 1966, Nowy Urengoi wurde 1975 gegründet, das erste Gas holte Gazprom 1978 aus dem Boden. Heute leben offiziell rund 124.000 Menschen hier, inoffiziell sind es 200.000, wie die Führerin im örtlichen Gazprom-Museum sagt.

Die Stadt ist beliebt und wächst. Denn damit bei minus 33 Grad und weniger auch Leute arbeiten, zahlen die Firmen mehr Lohn als im Rest Russlands, es gibt mehr Urlaub, die Menschen gehen früher in Rente. Selbst nördlich des Polarkreises funktioniert LTE-Mobilfunkempfang, sehr schnelles Internet ist kein Problem, gerade eröffnete ein Einkaufszentrum, das auch in Moskau oder Berlin stehen könnte. Der Kulturpalast lockt mit modernem Theater und Profi-Sporthalle.

Die meisten Beschäftigten gingen spätestens nach der Pensionierung wieder zurück in die Regionen, aus denen sie gekommen seien, sagt Achimgaz-Vize Neubert. Er selbst ist seit sieben Jahren hier. Achimgaz-Generaldirektor Oleg Ossipowitsch lebt seit 30 Jahren in der Gegend. Und Reetz von Achim Development ist seit Januar 2018 wieder zurück, er war bereits von 2010 bis 2012 in Nowy Urengoi. Offenbar lockt die Weite, der Zusammenhalt derer, die hier im Grenzbereich arbeiten, die Herausforderung, in dieser extremen Landschaft etwas zu schaffen.

Das kann die deutsch-russische Zusammenarbeit an sich sein oder die Frage, wie das richtige Material in der richtigen Qualität zur richtigen Zeit hier oben ankommt. „Die Teile werden alle über Tausende Kilometer geliefert, die müssen funktionieren und passen“, sagt Neubert. „Wir haben keine Zeit, fehlerhafte Teile zurückzuschicken und die Baustellen wochenlang ruhen zu lassen.“

Dass Russland wegen der Krim-Annexion und seiner Rolle im ostukrainischen Bürgerkrieg mit Sanktionen belegt ist, merkt der Besucher hier oben am Polarkreis nicht. Allerdings haben die Firmen mit Rubel-Verfall und Zinserhöhungen zu kämpfen, die Kredite vor allem bei Zulieferern verteuern.

Einen für die russische Wirtschaft positiven Effekt haben die Sanktionen dennoch: „Wir versuchen, möglichst auf Material aus Russland zurückzugreifen“, sagt Thorsten Wieland, Russland-Vorstand bei Wintershall. „Inzwischen sind wir da sehr weit.“ Russland wird unabhängiger, die Industrie baut Know-how auf weltweit wettbewerbsfähigem Niveau auf. Nur bei spezieller Bohrtechnik ist zwingend westliches Material gefragt: Und so steht an einem Bohrturm ein Container des US-Unternehmens Haliburton. Der Turm hebt sich schwarz vor dem dunkelblauen Himmel ab.

Es wird zügig Nacht. Und noch etwas kälter. Der Schnee knirscht bei jedem Schritt. Scheinwerfer erleuchten Generatoren, Fahrzeuge, Schuppen. Achimgaz setzt hier die letzten Bohrungen in das Gaslager. Drinnen im Turm fixiert der Bohrmeister im gelben Licht das rotierende Gestänge. Heißer Dampf aus dem Bohrloch gefriert sofort zu einer dicken Pulvereisschicht auf den Armaturen. Und auch der Bart des Bohrmeisters hat etwas abbekommen.

An diesem Vormittag haben sie 60 Meter auf 1460 Meter gebohrt, insgesamt geht es bis auf 4000 Meter hinunter. Das Urengoi-Feld hat drei Schichten, hier bohren sie die unterste an. Das Gestänge dreht sich brummend rund um die Uhr.

Sechs Bohrungen sind hier geplant. Sie verlaufen nicht senkrecht, sondern gebogen, um das Gasfeld effizient anzuzapfen. Natürlich ist Kälte ein Problem. „Ab minus 42 Grad wird es schwierig“, sagt Roman Lukowkin, Leitender Ingenieur bei Achimgaz. Da ändert der Stahl seine Struktur, wird spröde, das Bohrgestänge kann brechen.

Die Gasreserven Urengois sind mit 6,3 Billionen Kubikmetern riesig. Achimgaz hat bisher 1,3 Milliarden Euro in die Anlagen investiert. Gefördert werden soll zunächst bis 2049, insgesamt 234 Milliarden Kubikmeter Gas. 34 Milliarden Kubikmeter sind bereits geflossen.

Die Pilotanlage startete 2008, seither wurde ausgebaut: „Wir haben 430 Kilometer gebohrt, 250 Kilometer Pipeline gelegt, 135 Kilometer Stromleitungen montiert, 80 Kilometer Straßen gebaut“, zählt Vizegeneraldirektor Neubert auf. Und: Man sei im Zeit-, Kosten- und Förderplan, keine Selbstverständlichkeit angesichts der Bedingungen.

Täglich holt Achimgaz derzeit 28 Millionen Kubikmeter Gas aus dem Boden, mit der Menge ließe sich der Energiebedarf von 15.000 Haushalten decken – jährlich, wie Neubert sagt.

Macht es angesichts der Debatte über Klimawandel noch Sinn, auf fossilen Brennstoff zu setzen? Ja, sagt Wintershalls Russland-Vorstand Wieland, Gaskraftwerke, die einspringen, wenn es nicht genug Sonne oder Wind zur Stromerzeugung gebe, würden noch lange gebraucht. Und: „Keine europäische Energiesicherheit ohne russisches Gas.“ 34 Prozent des Bedarfs decken zurzeit die Russen.

Russland ist nach den USA der größte Gasförderer der Welt, bei den Reserven steht das Land auf Platz eins. Und es ist mit zahlreichen Pipelines an Westeuropa angebunden. Beste Voraussetzungen, weiter den Stoff für warme Wohnungen in Deutschland zu liefern.