Bankenwesen

Warum Deutsche Bank und Commerzbank den Anschluss verlieren

Dunkle Wolken türmen sich hinter der Bankenskyline im Zentrum von Frankfurt am Main auf.

Dunkle Wolken türmen sich hinter der Bankenskyline im Zentrum von Frankfurt am Main auf.

Foto: Boris Roessler / dpa

Zu niedrige Zinsen und zu viele Filialen: Investoren zweifeln an der Zukunftsfähigkeit von der Commerzbank und der Deutschen Bank.

Frankfurt/Main.  Der deutsche Bankenstandort verliert im internationalen Vergleich zunehmend an Bedeutung. Die Deutsche Bank, hierzulande das größte Bankinstitut, ist in dieser Woche aus dem Euro Stoxx 50 gefallen, dem Index der 50 wichtigsten börsennotierten Unternehmen in Europa. Das Dax-Gründungsmitglied Commerzbank muss seinen Platz in Deutschlands Top-Börsenliga für den Zahlungsabwickler Wirecard räumen. Wie von Experten erwartet, wird vom 24. September an der TecDax-Aufsteiger die teilverstaatlichte Großbank im Dax ablösen. Das teilte die Deutsche Börse am Mittwoch mit.

Was ist los bei den deutschen Banken?

Die beiden großen Banken stecken in der Krise, auch wenn sie mindestens vierteljährlich Besserung versprechen. Zehn Jahre nach der Finanzmarktkrise haben sie noch keine überzeugende Strategie vorlegen können, wie sie in Zukunft bestehen wollen. Kurz: Ihre Konzepte überzeugen die Investoren noch nicht, deshalb sind die Aktienkurse der Banken so stark gesunken.

Erst in der vergangenen Woche hatte ein bekannter Analyst, Stuart Graham vom Analysehaus Autonomous Research, nicht nur den börsennotierten Großbanken, sondern allen Segmenten des deutschen Bankenwesens eine schwierige Zukunft vorhergesagt, und das aus mehreren Gründen: weiter niedrige Zinsen, zu hohe Kosten, zu viele Filialen in einem immer stärker digitalisierten Umfeld – das vor allem bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Inwieweit werden die Börsenkurse der Institute dadurch belastet?

Die beiden börsennotierten Großbanken, die Deutsche Bank und die Commerzbank, haben kräftig an Wert verloren. Der Kurs der Commerzbank etwa ist in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 90 Prozent abgestürzt. Die Deutsche-Bank-Aktie hat seit Jahresbeginn 40 Prozent eingebüßt.

„Das zeigt, in welchem Maß die Finanzindustrie hinter anderen Industrieunternehmen in Deutschland und Europa zurückgeblieben ist“, sagt Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Im DAX ist das deutlich abzulesen: Der Software-Konzern SAP hat einen Börsenwert von 121 Milliarden Euro, Siemens als zweitgrößtes DAX-Unternehmen ist 93 Milliarden Euro wert. Die Deutsche Bank bringt gerade einmal gut 20 Milliarden Euro zusammen, die Commerzbank 10,2 Milliarden Euro.

Welche Ursachen sind für die schlechte Verfassung verantwortlich?

„Die Banken leiden unter der verschärften Regulierung“, sagt Aktionärsschützer Nieding, „aber auch noch unter den Spätfolgen der Finanzkrise.“ Die Deutsche Bank hat schließlich für deren Aufarbeitung mehr als 20 Milliarden Euro aufwenden müssen. Die Commerzbank wiederum musste einen großen strategischen Fehler ausbügeln: die Übernahme der Dresdner Bank am 31. August 2008.

Das war schlechtes Timing – denn zwei Wochen später kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers. Die Commerzbank musste mit staatlicher Hilfe gerettet werden – der Staat ist heute noch mit gut 15 Prozent an der Bank beteiligt. Deshalb folgt ein Umbauplan dem nächsten, wurden Tausende Mitarbeiter entlassen, Bis 2020 will die Bank die Zahl der Vollzeitstellen um 7300 auf 36.000 verringern. Der Abbau kostet Geld und drückt auf den Ertrag.

Wie sind Banken in anderen Ländern aufgestellt?

Der europäische Markt ist schwieriger als der in den USA, meint Dirk Müller-Tronnier, Bankenexperte und Partner der Unternehmensberatung EY. Er sei stärker fragmentiert mit mehr großen Wettbewerbern. Das zusammen mit einem traditionell höheren Wettbewerbsdruck und niedrigeren Gebühren beeinträchtige die Ertragschancen in Europa.

„Zudem leiden Europas Banken unter dem historisch niedrigen Zinsniveau, das dazu führt, dass viele Banken im Zinsgeschäft kaum noch oder gar keine Gewinne mehr erwirtschaften.“ In den USA ist das anders, die US-Regierung habe nach der Krise zupackender agiert, erklärt Christoph Schalast, Bankenexperte der Frankfurt School of Finance and Management: „Sie hat die Banken rekapitalisiert, aber sie haben die Banken nicht so stark schrumpfen lassen.“ Das ist der Akzent, den Europa gesetzt hat, um so einem Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems vorzubeugen.

Welche Folgen haben die niedrigen Zinsen für die europäischen Banken?

Weniger Erträge – das bedeutet auch weniger Spielraum für Investitionen. Manche aber sind dringend notwendig wie etwa in die Digitalisierung. Denn viele Segmente des Bankgeschäfts können automatisiert werden, das spart am Ende Kosten, ist aber zunächst eben teuer. Die Banken dürfen da nicht zurückfallen, weil sie auch im Wettstreit mit den relativ jungen Finanztechnologieunternehmen stehen. Die picken sich einzelne Elemente der Wertschöpfungskette heraus und modernisieren sie – wie etwa Wirecard, das jetzt in den DAX aufsteigen wird.

Was macht Wirecard besser als die traditionellen Banken?

Wirecard ist ein Zahlungsdienstleister aus München, der seit einigen Jahren im Markt ist. Der Zahlungsabwickler hat sich seit den Anfängen – zunächst in der Glückspiel- und Pornoindustrie – zunehmend etabliert. Digitale Zahlvorgänge gehören nicht mehr in die Schmuddelecke, sondern sind eine Selbstverständlichkeit, im Internet genauso wie an der Ladentheke. Fast 200.000 Unternehmen zählt der Münchner Anbieter zu seinen Kunden.

Dabei bleiben von jedem Euro, den das Unternehmen an Umsatz macht, 27 Cent als operativer Gewinn übrig. Wirecard-Gründer Markus Braun will diese Marge noch steigern, weil das digitale Bezahlen erst am Anfang stehe. Diese „Story“ gefällt Investoren, die deshalb stark in die Aktie investiert haben. Das Ergebnis: Wirecard hat mit einem Börsenwert von gut 24 Milliarden Euro inzwischen sogar die Deutsche Bank überholt, die Commerzbank ohnehin.