Coronavirus-Pandemie

Coronavirus: Experten beantworten die wichtigsten Fragen

WHO warnt vor weltweit neuen Corona-Hotspots.

Neue Infektionsherde entstehen im Balkan, Israel, Australien, Südafrika und in Peru. Die WHO warnt vor Fahrlässigkeit und schnellen Lockerungen. Doch besonders ärmere Länder sind durch wirtschaftlichen Druck gezwungen den Lockdown zu lockern.

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Renommierte Wissenschaftler geben Antworten zur Zukunft des Virus, den Risiken einer zweiten Welle und sprechen über eigene Ängste.

Berlin. 

  • Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland steigt wieder deutlich an
  • Wirtschaft und Politik sind besorgt
  • Wir haben vier Corona-Experten befragt, wie sie die aktuelle Lage einschätzen

Die Coronavirus-Pandemie ist noch nicht vorbei – in den letzten Tagen wurden in Deutschland wieder mehr Fälle gemeldet als in den vergangenen Wochen. Doch was bedeutet das? Ist die gefürchtete zweite Welle schon da? Wird das Virus gefährlicher? Und werden wir das Coronavirus überhaupt wieder los?

Vier Experten auf den Gebieten der Virologie und Infektiologie haben die wichtigsten aktuellen Fragen zum Coronavirus beantwortet:


Haben Sie persönlich Angst vor dem Virus?

Friedemann Weber: Momentan keine Angst, aber großen Respekt. Wenn ich positiv wäre, hätte ich Angst, dass ich vielleicht schon andere infiziert hätte.

Ulrike Protzer: Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wenn man Angst hat, macht man Fehler. Wir müssen einfach lernen, wie wir mit dem Virus leben können. Ich glaube, ich habe für mich einen Weg gefunden, wie ich mit der Situation gut umgehen kann – vorsichtig sein, um eine Ansteckung zu vermeiden, aber trotzdem so weit wie möglich normal zu leben wir vor der Pandemie.

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Alexander Kekulé: Nein. Ich habe Respekt davor, wie vor jedem anderen kalkulierbaren Risiko. Je besser wir eine Gefahr beurteilen und uns davor schützen können, desto weniger Angst müssen wir haben. Die meisten Menschen in Deutschland wissen inzwischen ziemlich gut, wie sie sich vor Covid-19 schützen können.

Marylyn Addo: Ich persönlich habe keine Angst vor dem Virus. Als Infektiologin bin ich es gewohnt, mich täglich mit Erregern und infektiösen Materialien auseinanderzusetzen, und weiß, wie ich mich schützen kann. Ich mache mir eher Gedanken um die Risikopatienten. Beispielsweise war der Besuch meiner Kinder bei Oma und Opa auch eine Zeit lang tabu.

Wird das Coronavirus gefährlicher?

Alexander Kekulé: Wenn Sars-CoV-2 sich ähnlich verhält wie andere pandemische Viren, wird es im Laufe der Zeit ansteckender werden, aber dafür weniger schwere Krankheitsverläufe verursachen. Letztlich ist es für die meisten Krankheitserreger ökonomischer, viele Wirte zu infizieren und diese möglichst selten zu töten.

Friedemann Weber: Das Rennen der Evolution gewinnt derjenige, der unter den gegebenen Bedingungen die meisten Nachkommen produziert, und Covid-19 ist letztlich die Folge einer solchen schnellen und massiven Virusproduktion. Momentan sind die Bedingungen so, dass Nachkommenviren innerhalb kurzer Zeit wieder einen neuen empfänglichen Wirtsorganismus finden, da es erstens kaum immune Individuen gibt, zweitens Kontakte zwischen Infizierten und Nichtinfizierten hinreichend häufig sind und drittens die Übertragung sehr effizient ist.

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Wenn wir es schaffen, die Bedingungen so zu ändern, dass die schnell wachsenden Virusvarianten nicht rechtzeitig einen neuen Wirt finden, dann werden wir die Evolution von „zurückhaltenderen“ Virusvarianten begünstigen, die sich langsamer vermehren – den Wirtsorganismus also mehr schonen – und dadurch das Fenster zwischen Infektion und Übertragung auf den neuen Wirt länger offen halten. Dies geht mit weniger drastischer Symptomatik und Krankheit einher. Es liegt also an uns, durch Impfungen, Abstand halten, Masken tragen und schneller Isolation von Infizierten die Virus-Evolution in diesem Sinne zu beeinflussen. Tun wir das nicht, werden weiterhin die Virusvarianten die Oberhand haben, die sich auf Kosten des Wirtsorganismus schnell und rücksichtslos vermehren und deshalb besonders gefährlich sind. Meine persönliche Prognose ist, dass das Virus langfristig weniger gefährlich werden wird, aber dass das nur sehr langsam geschieht.

Ulrike Protzer: Ich glaube nicht, dass das Virus gefährlicher wird. Man hat ja jetzt doch schon sehr viele Infektionen gesehen, und dafür gibt es keinen Hinweis. Das Virusgenom ist dadurch, dass es so lang ist, auch nicht sehr flexibel. Was allerdings möglich ist, ist, dass wir Varianten sehen werden, die gegenüber bestimmten Medikamenten eine Resistenz entwickeln.

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Marylyn Addo: Wir lernen das Virus mit der Zeit immer besser kennen. Zu Beginn der Corona-Pandemie ist man beispielsweise davon ausgegangen, dass das neuartige Corona-Virus vor allem ein Atemwegserreger ist. Doch unsere Studien zeigten, dass es neben der Lunge auch in zahlreichen anderen Organen und Organsystemen zu finden ist – so zum Beispiel auch in der Niere, wo es direkt für die häufigen Schäden bei einer Covid-19-Infektion verantwortlich sein könnte. Diese und weitere Forschungsergebnisse helfen uns, das Virus noch besser zu verstehen, unsere Therapien entsprechend anzupassen und Medikamente zielgerichteter einzusetzen.

Kommt die zweite Welle nach Deutschland?

Marylyn Addo: Weitere, gegebenenfalls auch größere Infektionsgeschehen werden wir vermutlich auch in Deutschland nicht ausschließen können und sind im Herbst zu erwarten. Empfehlenswert ist es daher, die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen auch weiterhin einzuhalten – dies besonders in Hinblick auf die bevorstehende Grippe-Saison. Daher würde ich mir wünschen, dass sich möglichst viele Menschen rechtzeitig gegen Grippe impfen lassen, um die Anzahl der Erkrankungen, denen durch eine Impfung vorgebeugt werden kann, möglichst niedrig zu halten.

Alexander Kekulé: Ich möchte eigentlich nicht von einer Welle sprechen, weil bei einem Wiederansteigen der Fallzahlen nicht alle Regionen gleichmäßig überrollt würden, wie dies etwa bei einem Tsunami der Fall ist. Mit der kalten Jahreszeit wird Covid-19, wie die meisten Atemwegsinfektionen, sehr wahrscheinlich effektiver übertragen werden. Dies liegt zum einen daran, dass die Bildung infektiöser Aerosole von der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit abhängt. Zum anderen halten sich die Menschen im Winter häufiger in geschlossenen, schlecht belüfteten Räumen auf. Wir müssen uns deshalb auf den Herbst vorbereiten, indem wir Schutzkonzepte für geschlossene Räume entwickeln und insbesondere die Möglichkeit schaffen, dass sich jeder jederzeit auf Covid-19 testen lassen kann. Wie stark die Infektionszahlen wieder ansteigen, hängt von den durch die Landesregierungen geschaffenen Rahmenbedingungen und unserem individuellen Verhalten ab.

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Friedemann Weber: Das hängt von unserem Verhalten ab. Traditionell nimmt gegen Ende der Urlaubszeit immer die Anzahl der Infizierten zu, und schon jetzt ist ein Anstieg in Deutschland zu verzeichnen. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass die Ausschläge nicht allzu groß werden. Da Deutschland einigermaßen breit testet, die Strukturen und Abläufe etabliert sind und die Bevölkerung überwiegend sensibilisiert geblieben ist, bin ich optimistisch, dass wir kein Szenario wie zu Anfang der Pandemie erleben werden.

Ulrike Protzer: Wir haben es geschafft, die erste Welle im März/April sehr effektiv in den Griff zu bekommen. Das hilft uns jetzt, lokale Ausbrüche schnell zu identifizieren und zu kontrollieren. Dabei haben wir aber auch als Gesellschaft viel gelernt, zum Beispiel dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes uns hilft, die Virusausbreitung zu minimieren. Wir haben uns unabhängiger gemacht, was persönliche und medizinische Schutzausrüstung betrifft. Und wir konnten unsere Testkapazitäten ausweiten. Das alles trägt dazu bei, eine zweite Welle zu vermeiden oder zumindest abzuschwächen. Im Herbst müssen wir sicherlich mit einem Anstieg der Atemwegsinfekte rechnen, bedingt durch die Viren, die wir jedes Jahr sehen, aber auch durch das neue Coronavirus. Da wird es essenziell sein, das alles anzuwenden, was wir gelernt haben und was uns jetzt zur Verfügung steht.

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Wann wird Covid-19 besiegt sein?

Ulrike Protzer: Das kann im Moment niemand genau sagen. Und als Wissenschaftler lasse ich mich auf solche Spekulationen nur ungern ein.

Friedemann Weber: Wenn wir einen sicheren und effizienten Impfstoff haben und sich genug Menschen auch damit immunisieren lassen. Allerdings ist das bis heute trotz sicherem, effektivem und bewährtem Impfstoff nicht einmal mit dem ebenso gefährlichen Masernvirus gelungen. Deshalb bin ich pessimistisch, dass wir es jemals schaffen, Sars-CoV-2 wieder auszurotten.

Marylyn Addo: Ähnlich wie bei den Grippeviren und anderen Coronaviren werden wir uns vermutlich auch längerfristig mit dem Sars-CoV-2-Virus auseinandersetzen müssen. Wir hoffen, dass neue Erkenntnisse und Substanzen in der Covid-19-Therapie und Impfstoffe einen Beitrag dazu leisten werden, zu einer dann vielleicht neuen Normalität zurückkehren zu können.

Alexander Kekulé: Endgültig besiegt ist das Virus erst, wenn ein Großteil der Menschheit dagegen immun ist, entweder durch natürliche Infektionen oder durch einen Impfstoff.

Als dritte Möglichkeit könnte das Virus nach Jahren deutlich harmloser werden, sodass es nicht mehr besiegt werden muss. Aber ich meine, es wäre schon ein Sieg über das Virus, wenn wir mit der Pandemie klarkommen, ohne unser soziales und wirtschaftliches Leben davon kaputtmachen zu lassen.