Pandemie

Deutschlands Corona-Helden: „Wir wurden einfach vergessen“

RKI in "großer Sorge" wegen Corona-Lage

Angesichts steigender Corona-Infektionszahlen in Deutschland hat sich das Robert-Koch-Institut (RKI) alarmiert gezeigt. "Die neueste Entwicklung der Fallzahlen macht mir und allen im Robert-Koch-Institut große Sorgen", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler in Berlin.

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Viele Beschäftigte hielten Deutschland auch im Lockdown am Laufen. Als Anerkennung bekamen sie viel Beifall – aber nur selten Geld.

Berlin. Fernfahrer Klaus F. erinnert sich noch gut an seinen Arbeitsalltag im Lockdown. Die Autobahnen waren leer, und er sorgte täglich dafür, „dass alle etwas zu essen auf dem Teller haben“. Obst, Gemüse und andere leicht verderbliche Ware beförderte er quer durch ganz Deutschland.

Sonntagmorgens ab halb sechs saß der Mittfünfziger aus Nordrhein-Westfalen auch zu Pandemiezeiten am Steuer, damit es montags frische Ware in den Läden gab. Klaus F. ist das, was viele einen Corona-Helden nennen würden, also jemand, der das Land auch in der Hochphase der Krise am Laufen hielt.

Als das neue Coronavirus im Frühjahr den Alltag auf den Kopf stellte, standen plötzlich Berufsgruppen im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich dort selten wiederfinden. Denn in der Krise wurde klar: Nichts läuft ohne den Einsatz von Kassiererinnen, Fernfahrern, Pflegepersonal sowie von Beschäftigten in Nahverkehr oder bei der Müllabfuhr.

Nicht alle konnten während der Corona-Krise im Homeoffice arbeiten

Während sich viele Gutverdiener ins coronasichere Homeoffice begeben konnten, waren es Menschen mit kleinen Löhnen, die den Betrieb in den Wochen des nationalen Lockdowns aufrechterhielten. Viele waren im Job einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt und mussten zudem mehr arbeiten als sonst. Rasch wurden sie zu „Helden der Krise“ erklärt, allseits beklatscht und wortreich gewürdigt, auch von Arbeitgebern und der Politik.

Doch für die meisten ist es bei warmen Worten geblieben. Mit dem Rückgang der Infektionszahlen sind auch die Helden aus dem Blick geraten. Das sieht auch Fernfahrer Klaus F. so: „Wir wurden ganz einfach vergessen“, sagt er. Nur wenige erhielten einen Bonus oder eine andere finanzielle Anerkennung für ihre Leistung.

• Kommentar: Corona-Helden verdienen mehr Respekt – und unsere Vorsicht

Die Fernfahrer – keine Bonuszahlungen in Corona-Zeiten

Für Fernfahrer wurde ein ohnehin harter Job noch härter. Während des Lockdowns waren viele Raststätten zu – und damit auch Toiletten und Duschen für die Fahrer. Dazu kommt: In der Krise wurden die maximalen Lenkzeiten für eine Weile verlängert.

Diese Sonderregelung sei zwar inzwischen ausgelaufen, sagt Willy Schnieders, Vorsitzender der Kraftfahrergewerkschaft (KFG), „aber viele Unternehmen drängen ihre Fahrer, trotzdem weiterhin mehr zu arbeiten“. Aus Angst, in der derzeitigen Wirtschaftsflaute den Job zu verlieren, wehrten sich viele nicht dagegen.

„Es wäre den Fahrern und Fahrerinnen schon geholfen, wenn die geltenden Gesetze eingehalten würden“, sagt der Gewerkschafter. Von Bonuszahlungen für Fahrer ist Schnieders nichts bekannt. „Fernfahrer werden nicht wertgeschätzt“, kritisiert Schnieders.

Steinmeier- Sie sind die Helden der Corona-Krise

Die Beschäftigten in Supermärkten

Hunderte Kunden am Tag, Hunderte Male das Risiko, sich zu infizieren. Dazu gereizte, verängstigte Kunden, vor allem am Anfang häufig fehlende Masken und Desinfektionsmittel, Lieferengpässe beim Klopapier und Überstunden: Wer in Supermärkten arbeitete, bekam die Corona-Krise schnell und unmittelbar zu spüren.

Viele Handelsketten versprachen, die besondere Belastung und den Einsatz ihrer Mitarbeiter zu honorieren. Getan haben das nach eigenen Angaben unter anderem Aldi Süd, die Rewe Gruppe und viele Edeka-Märkte. So gab es für Mitarbeiter von Aldi Nord und Süd jeweils einen Warengutschein im Wert von 250 Euro.

In der Rewe Gruppe, zu der Rewe- und Penny-Märkte gehören, wurde die Höhe der Sonderleistungen vom jeweiligen Land, dem Grad der Beschäftigung und der Funktion der Mitarbeiter abhängig gemacht. Insgesamt seien Sonderzahlungen von mehr als 20 Millionen Euro ausgezahlt worden.

Die Beschäftigte im Personennahverkehr

Auch in der Pandemie fuhren weiterhin Busse und Bahnen. Die Fahrgäste erhöhen jedoch die Infektionsgefahr für all diejenigen, die Tickets kontrollieren, Busse lenken oder die Fahrzeuge nach Betriebsschluss reinigen.

Aber auch bei dieser Berufsgruppe ist es mehrheitlich beim Applaus geblieben. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat bis auf eine Ausnahme kein Unternehmen des Nahverkehrs bundesweit einen „Corona-Bonus“ gezahlt.

Das Pflegepersonal

Vor allem in der Hochphase der Corona-Krise waren Beschäftigte in der Altenpflege außergewöhnlich stark gefordert. Wegen des besonderen Ansteckungsrisikos für ältere Menschen galt in Seniorenheimen über Wochen ein striktes Besuchsverbot. Das ohnehin knappe Personal kümmerte sich in dieser Zeit nicht nur um die Pflege der Bewohner, sondern war oftmals auch deren einziger menschlicher Bezug.

Derzeit sind Beschäftigte von Pflegeheimen und ambulanten Diensten eine der wenigen Berufsgruppen, die einen staatlichen Corona-Bonus erhalten. In Abhängigkeit von Art und Umfang ihrer Tätigkeit bekommen Pflegekräfte, Auszubildende und freiwillige Helfer eine steuer- und abgabenfreie Sonderleistung.

Der Bund zahlt jeweils bis zu 1000 Euro, finanziert aus der Pflegeversicherung. Die Länder legen zudem bis zu 500 Euro obendrauf. Auch einzelne Arbeitgeber zahlen Boni. Das Pflegepersonal in Krankenhäusern oder anderen Gesundheitseinrichtungen ist von der Regelung indes ausgenommen.

Die Medizinstudenten

Nicht nur Ärzte und Pfleger standen während des Höhepunkts der Krise unter Druck – auch der Nachwuchs musste ran. Viele Medizinstudenten sprangen im März und April auf den Corona-Stationen und in anderen Abteilungen der Krankenhäuser ein, um zusätzliche Belastungen abzufedern. Das Studium kam in dieser Zeit zu kurz.

„Sie wurden und werden teilweise als billige Arbeitskräfte missbraucht‘“, sagt Philipp Schiller von der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Einige Kliniken hätten den medizinischen Nachwuchs im Praktischen Jahr regelmäßig für Nacht- und Wochenenddienste eingeteilt – allein auf Station, ohne Ruhezeiten.

„Es geht so weit, dass nach Aussage dieser Kliniken während und aufgrund der Dienste auch kein Anspruch auf Teilnahme an Lehrveranstaltungen besteht“, kritisiert Schiller. Immerhin wirkte sich das Einspringen in der Corona-Zeit positiv auf die Finanzen mancher Studenten aus. Denn der Lohn sei häufig nicht mit dem Bafög verrechnet worden, sagt Schiller. Auch interessant: 24 Wochen, 200.000 Fälle: Das ist Deutschlands Corona-Bilanz

Gewerkschaft Verdi zieht ernüchterndes Fazit

Insgesamt beobachtet der Vizevorsitzende der CDU-Arbeitnehmerorganisation CDA, Alexander Krauß: „Die Anerkennung für die Leistungen während der ersten Corona-Welle hat sich leider schnell verflüchtigt.“ Das gelte insbesondere für diejenigen, die das Land „sprichwörtlich am Laufen hielten“.

Die Gewerkschaft Verdi zieht ein ähnlich ernüchterndes Fazit: „Nur wenige Beschäftigte, die gestern noch zu Heldinnen und Helden der Krise erklärt wurden, haben echte materielle Verbesserungen erfahren“, sagt die stellvertretende Verdi-Chefin Christine Behle unserer Redaktion. „Das ist beschämend.“

Das gelte vor allem für den öffentlichen Dienst. Statt die Leistung zu honorieren, wollten die Arbeitgeber nun sogar die Krise auf dem Rücken ihrer Beschäftigten austragen, frei nach dem Motto „Applaus war gestern – jetzt herrscht Respektlosigkeit“.

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