Doodle

Litfaßsäule wird 165 Jahre alt – und bekommt Google-Geschenk

Eine Litfaßsäule in Berlin, also in der Stadt, wo 1854 erstmals eine der beliebten Plakatsäulen aufgestellt wurde.

Eine Litfaßsäule in Berlin, also in der Stadt, wo 1854 erstmals eine der beliebten Plakatsäulen aufgestellt wurde.

Foto: Lebus / imago/Panthermedia

Litfaßsäulen sind beliebt, doch immer mehr werden abgebaut. Nun ehrt Google den Dino der Werbemedien. Wir blicken auf seine Historie.

Berlin/Wien. 

  • Heute ist auf der Google-Startseite ein Schriftzug mit bunten Litfaßsäulen zu sehen
  • Die Suchmaschine gedenkt mit diesem Doodle der Präsentation der ersten Litfaßsäule am 1. Juli 1855 in Berlin
  • Wir blicken an ihrem 165. Geburtstag auf die Historie der Litfaßsäule zurück

Die Litfaßsäule gehört irgendwie dazu. Sie gehört zu den Dingen, die man so hinnimmt, weil sie schon immer da waren – und die man dann am Ende doch gerade so lieb gewonnen hat, um zu bedauern, wenn sie verschwinden. Und dieses Bedauern wird in Deutschland immer größer. Die Monumente der analogen Zeit, die seit mehr als 150 Jahren das deutsche Stadtbild prägen, werden immer seltener.

Eine Hommage an den bedrohten Dino unter den Werbemedien kommt nun ausgerechnet aus dem Herzen der digitalen Welt: Google ehrt die Litfaßsäule mit einem bunten Doodle auf seiner Startseite. Hat der Internetkonzern am Ende doch ein (schlechtes) Gewissen? Schließlich sind es vor allem die digitalen Werbeträger, die die einst als „Annoncier-Säulen“ erfundenen Plakatträger nach und nach verdrängten.

Kaum irgendwo kann man den schwierigen Überlebenskampf der Litfaßsäule besser beobachten als in Berlin – also dort, wo bereits 1855 die ersten Säulen aufgestellt und genau vor 165 Jahren, am 1. Juli 1855 öffentlich präsentiert wurden.

Drucker Ernst Litfaß (1816-1874) erboste sich derart über den Wildwuchs an Zetteln und Postern in der Hauptstadt, dass er 1855 die erste aufstellte. Kultur-Termine, politische Informationen, Wahlkampfplakate, amtliche Bekanntmachungen, Steckbriefe – alles sollte sich nun an Litfaß’ Säulen sammeln. Ein gutes Geschäft für den Drucker, der bis 1865 das Monopol von der Stadt Berlin ein Monopol für das Aufstellen der Säulen erhielt.

Litfaßsäule sind für Fans Teil der Stadtgeschichte

Auch Deutschlands bekannteste Litfaßsäule steht in Berlin. Der Werbeanschlag ziert den Deckel von Erich Kästners Buch „Emil und die Detektive“ von 1929 und hat in 162 Auflagen millionenfach Einzug in Jungen- und Mädchenzimmer gehalten. Hinter der Säule versteckt sich der kleine Steppke Emil in Berlin, als er einen verdächtigen Mann beschattet. Das Original war 1929 an einer Kreuzung in Berlin-Wilmersdorf aufgestellt.

Auch Mitte 2019 stand genau an dieser Stelle noch eine rund drei Meter hohe Röhre. Doch in den Tagen, in denen in der ganzen Stadt Litfaßsäulen wegen eines Vermarkter-Wechsels für den Abbau vorbereitet werden, war sie einfarbig übertapeziert. In Schreibschrift war ein Hilferuf darauf zu lesen: „Erhaltet diese Säule!“ An anderer Stelle installierten Unbekannte ein Grabkreuz für eine Litfaßsäule.

Ende 2005 gab es nach Angaben des Fachverbandes Außenwerbung mehr als 50.000 Litfaßsäulen in Deutschland. In Berlin waren es bis 2019 noch rund 2.500. Vor dem großen Abbau durch den alten Vermarkter sollte geprüft werden, ob Denkmalschutz das Verschwinden einiger Säulen verhindern kann. Am Ende waren es nur etwas mehr als 20 Säulen, die zum Denkmal gemacht wurden. Und auch wenn der neue Vermarkter den Aufbau einiger hundert Säulen ankündigte, schimpften Kritiker, es werde viel zu viel Berliner Stadtgeschichte vernichtet.

Zukunftsforscher: Litfaßsäule sollte nicht unterschätzt werden

Warum hängen Menschen an diesen Säulen? Zukunftsforscher Tristan Horx erklärt es so: „Wir leben im Zeitalter der Nostalgie, des Retrotopia. Die Litfaßsäule ist sehr alt und stark assoziiert mit dem Stadtbild. Eine lange Zeit war sie auch eine Möglichkeit des politischen Protests und des Diskurses und Teil des Public Space. Wenn das verschwindet, fragen sich die Leute: Was geht da eigentlich wirklich verloren? Ist das das Ende vom Stadtbild, wie wir es kennen? Man sehnt sich natürlich auch nach dieser Zeit.“

Doch hat dieses Medium auch Zukunft? Hinterleuchtete Rundsäulen und LED machen ihm Konkurrenz. Horx ist recht optimistisch und schildert, was alles schon in Werbesäulen mit untergebracht war. Früher seien es Telefonkabel und Trafo-Stationen gewesen, heute wie etwa in Nürnberg Toiletten, demnächst vielleicht Stadtgrün. „Es geht natürlich um die Re-Kombination und die Weiterentwicklung davon. Ich würde aber der Werbeindustrie raten, nicht zu unterschätzen, was das Analoge kann.“

Denn der Klassiker habe viel Charme. Horx: „Ein richtiges Retroposter in comicartigem Stil auf einer Litfaßsäule würde viel mehr Eindruck auf mich machen als die nächste computergenerierte Dame, die mich mit ihrem strahlend weißen Lächeln angrinst und sagt, ich solle Burger essen.“

(ba/dpa)