Frauengold-Kolumne

Hilfe, ich bin keine Mutter, in Wahrheit bin ich ein Roboter

Wenn Mütter sich wie Roboter verhalten. Hier nur ein Filmfoto aus „I am Mother“.

Wenn Mütter sich wie Roboter verhalten. Hier nur ein Filmfoto aus „I am Mother“.

Foto: 2019 Concorde Filmverleih GmbH

Mütter, die bei ihrem großen Kind zu Gast sind, scannen wie ein programmierter Aufräum-Roboter die Wohnung. Warum das nie aufhört.

Berlin. Mütter machen furchtbare Sachen, wenn sie ihre erwachsenen Kinder in der ersten eigenen Wohnung besuchen. „Mein Gott, ist hier schlechte Luft“ rufen sie noch auf der Türschwelle. Sie sprinten zum übervollen Wäscheständer, der neben dem Sofa vor sich hin gammelt, und fangen an, Socken abzunehmen und zu sortieren. „Die Pflanzen brauchen sofort Wasser“, rufen sie beim Blick auf den kleinen Austritt, wo das Studentenkind versucht, Basilikum und Tomaten züchten.

Wenn Mütter große Kinder haben, schlagen sie vor, Möbel zu rücken („Die schöne alte Kommode vom Opa kommt hier nicht zur Geltung“) und finden das Waschbecken in der Nasszelle „schmierig“. „Ich zeig dir mal, wie du so was richtig putzt“.

Mütter sind Maschinen: Getrimmt auf Effizienz und Schnelligkeit

Als ich vor Jahrzehnten in meine erste eigene Wohnung einzog, war mir nicht bewusst, dass Mütter von erwachsenen Kindern solche Maschinen sind, getrimmt auf Effizienz und Schnelligkeit. Sie räumen beim Telefonieren die Spülmaschine aus und bügeln beim Fernsehen, sie kaufen auf dem Heimweg vom Job ein und gehen niemals aus einem Kinderzimmer heraus, ohne irgendwelche Socken aus den Ecken hervorzuholen.

„Du kannst doch nicht den ganzen Tag das Bett ungemacht lassen“, hieß es dann. Und: „Soll ich dir mal ein paar Gardinen vor das Fenster machen“? Ich bekam Tischdecken geschenkt, ein Geschirrset und einen Ficus für die Wohnzimmerecke.

Der Ficus starb schnell, Decken und Geschirr landeten in einer Kiste unter dem Bett, das ich manchmal ordentlich machte und manchmal nicht – je nachdem, ob es mir überhaupt auffiel und ich dafür Zeit hatte. Dass für Mütter Zeit kein Argument ist, wusste ich damals nicht. Sie machen ein Bett wie ein Roboter, ohne eine Empfindung dafür zu haben, was sie da tun.

Mütter auf der emotionslosen Jagd nach Staub, Dreck, Chaos

Mit genau dieser Emotionslosigkeit bemerken Mütter die aus Staub zusammengepappten Wollläuse in den Ecken der Studentenkinder-Wohnungen. Und sie können erriechen, wann ein Fenster zum letzten Mal auf war.

So lange der Roboter die Mütterseele beherrscht, fehlt das Gespür für das Dilemma, in dem sich das große Kind befindet. In dessen Seele bekämpfen sich Ambitionen und Prioritäten, der Faktor Erfahrung fehlt völlig. Wenn sie putzen wollen, haben sie keinen Wischmopp. Wenn sie Blumen gießen wollen, fehlt die Gießkanne. Sie haben ja auch gar nicht gewusst, dass sie so etwas brauchen. Wenn sie Wischmopp und Gießkanne kaufen wollen, haben sie keine Zeit. Wenn sie Zeit haben, sind die Geschäfte zu oder das Geld reicht nur noch für ein Frühstück im Straßencafé.

Dass die Tomaten vertrocknen, „das war echt keine Absicht“, sagt das Studentenkind. Dass etwas keine Absicht war, sagen Kinder gerne. „Hast du dein Zimmer aufgeräumt, Vokabeln gelernt, Oma angerufen“? „Habe ich vergessen. Aber es war keine Absicht.“

Vegane Muffins und Kaffee mit Mandelmilch öffnen mir die Augen

Warum ich das hier alles schreibe? Klar, ich habe das Studentenkind besucht. Habe auf dem Ausziehsofa geschlafen, vegane Bananenmuffins gegessen und Kaffee mit Mandelmilch getrunken. Das Studentenkind hat kein zusammenhängendes Geschirr, signalisierten meine Roboteraugen. Es hat keinen Brötchenkorb. Ich blickte aus dem Fenster und sah nur Regen. Die Sonne knallt bestimmt rein, wenn sie scheint, dachte mein Roboterhirn.

Das Studentenkind fragte, ob mir die Muffins schmecken und die Mandelmilch. „Die Sonne knallt hier ganz schön rein, wenn sie scheint“, sagte es, und: „Weißt du, ich brauch mal zusammenhängendes Geschirr. Und einen Brötchenkorb“. Oh, du gutes Kind. „Kauf ich dir“, sagte ich. Jetzt sofort.

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