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Corona: Christian Drosten warnt vor neuer Kinder-Studie

Das ist der Coronavirus-Experte Christian Drosten

Der Virologe Christian Drosten hat damals schon SARS mit entdeckt. Nun ist er der führende Experte für das neuartige Coronavirus. Von der Berliner Charité aus berät er Politiker und klärt die Bürger auf.

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Nach den Sommerferien sollen in Deutschland die Schulen und Kitas wieder voll öffnen. Christian Drosten sieht das zum Teil kritisch.

Berlin. 

  • Sind Kinder genauso ansteckend mit Corona wie Erwachsene? Darüber wurde in den vergangenen Wochen diskutiert
  • Hintergrund sind die geplanten Schulöffnungen. Christian Drosten wiederholte in seinem NDR-Podcast am Dienstag, dass er sie weiterhin kritisch sehe
  • Er rät dazu, nach Schweden zu schauen, wo Kitas und Schulen geöffnet blieben
  • Zudem warnt er davor, eine Studie aus Israel zu ernst zu nehmen. Sie weise viele Unsicherheiten auf, so der Forscher

Virologe Christian Drosten hat sich in der neuesten Ausgabe seines Podcasts „Das Coronavirus-Update“ mit gemischten Gefühlen zur kompletten Öffnung der Schulen und Kitas geäußert. Diese ist in den einzelnen Bundesländern hauptsächlich für nach den Sommerferien geplant. Schon jetzt befinden sich viele Kitas im eingeschränkten Regel- oder im vollständigen Betrieb. Auch viele Schüler erhalten wieder täglichen Präsenzunterricht.

„Ich bin dazu bewegt, kritisch darüber nachzudenken, die Schulen uneingeschränkt nach den Sommerferien zu öffnen“, sagte Drosten am Dienstag. Das Schulen und Kitas aufgrund des Kindeswohls und der fehlenden Arbeitskraft der Eltern wieder geöffnet werden müssten, sei auch für ihn verständlich. Bei den vollständigen Öffnungen gehe es „nicht um das ‘ob’, sondern um das ‘wie’“. Auch interessant: Drosten: Corona wird „in jedem Fall“ harmloser werden

Es gäbe einige Maßnahmen zum Beispiel im Bereich der Testung, um der Gefahr von großen Corona-Ausbrüchen in Schulen und Kitas zu begegnen. Darüber müsse sich nun die Politik Gedanken machen.

Christian Dorsten spricht über Corona-Superspreader

Aktuell sind die Infektionszahlen in Deutschland rückläufig. Dennoch kommt es immer wieder zu Vorfällen, bei denen sich größere Menschenmengen bei einzelnen Events anstecken. So geschehen zum Beispiel in Bremerhaven, wo sich 96 Menschen in Zusammenhang mit einem Gottesdienst einer freikirchlichen Gemeinde ansteckten. Nach einer Feier in einem Restaurant im Landkreis Leer mussten über 130 Menschen in Quarantäne. Die Liste der Beispiele ließe sich noch weiter fortsetzen.

Die Situation in Deutschland ist laut Drosten glücklicherweise jedoch so, dass die Gesundheitsämter sich aufgrund der allgemein niedrigen Infektionszahlen auf solche sogenannten Superspreader-Events konzentrieren könnten. „Da kann man sehr schnell intervenieren, durch eine größere Quarantäne“, sagte Drosten.

Drosten setzt Hoffnungen auf Corona-App

Dabei helfe auch die neue Corona-Warn-App, die seit Dienstag zum Download bereit steht. Sie kann über Smartphones ermitteln, wie lange sich deren Besitzer in nächster Nähe zueinander aufgehalten haben. Ist einer der Besitzer infiziert und meldet dies, werden Menschen, die sich in seiner Nähe aufgehalten haben gewarnt.

Lesen Sie hier: Darum erscheint der Podcast von Christian Drosten nur noch einmal in der Woche.

Drosten bezeichnete die App als ein entscheidend wichtiges Werkzeug, weil die Übertragung des Coronavirus schneller als konventionelle Kontaktnachverfolgung sei. „Wenn wir Lockerungen erlauben müssen wir über die Kontaktverfolgung auch einen guten Effekt erzielen, um die Infektionszahlen niedrig zu halten.“ Lesen Sie dazu: Die Corona-Warn-App im Test

Die Gesundheitsämter könnten sich nur auf die erfolgreiche Eindämmung bei Superspreader-Events konzentrieren, wenn es davon nicht zu viele gäbe, sagte Drosten. Ansonsten drohe eine zweite Welle. Da müsse man nur in die USA schauen.

In den Vereinigten Staaten hatte die US-Gesundheitsbehörde in Person von Infektionsexperte Jay Butler die Bürger dazu aufgefordert, die Pandemie weiter ernst zu nehmen. Nach Inkrafttreten der Lockerungen waren in mehreren Bundesstaaten die Infektionszahlen wieder angestiegen.

„Wir sehen Entwicklungen, wo man eigentlich absehen kann, dass man in kurzer Zeit über dem damaligen Inzidenzgipfel drüber ist“ analysierte Christian Drosten. Der Begriff Inzidenz beschreibt in der Epidemiologie die Anzahl neu auftretender Krankheitsfälle innerhalb einer bestimmten Zeitspanne.

Corona: Kommt die zweite Welle mit der Öffnung der Schulen?

Doch kann es auch in Deutschland dazu kommen, wenn die Schulen und Kitas wieder öffnen und es dort vermehrt zu Ausbrüchen kommt? Eine entscheidende Rolle dabei, könnte die Frage spielen, ob Kinder und Jugendliche das Coronavirus mit der gleichen Häufigkeit bekommen und weiter übertragen, wie Erwachsene.

Darüber hatte es unterschiedlichste Auffassungen von und Auseinandersetzungen zwischen Virologen gegeben, an denen auch Drosten beteiligt war. Drosten ist der Überzeugung, dass es keinen Unterschied bei der Infektiosität von Kindern und Erwachsenen gibt.

Eine neue Studie aus Israel, zu der auch Drosten im Podcast Stellung bezog, kommt aber zu dem Schluss, dass Kinder nur rund halb so oft mit dem Virus infiziert werden, es aber fast genauso gut übertragen.

Die Studie wurde unter besonderen Bedingungen durchgeführt. Getestet wurden Haushalte im sehr dicht besiedelten Bnei Brak. In dem Vorort von Tel Aviv leben hauptsächlich ultraorthodoxe jüdische Familien, die in der Regel viele Kinder haben. Die Ultraorthodoxen hatten sich in Israel besonders häufig mit dem Coronavirus infiziert.

Drosten sieht große Unsicherheiten in Studie aus Israel

Die Studie sei daher laut Drosten besonders interessant, denn sie kommt „statistisch in die Nähe einer Schulsituation.“ Fast alle anderen Studien zum Thema seien vorgenommen worden, als so gut wie weltweit Schulen und Kindergärten geschlossen waren. Mögliche Übertragungswege bei Zusammentreffen in Schulen wurden also nicht einberechnet.

Auch wenn die Studie aus Israel also schon eher eine Situation abbildet, in der viele Kinder zusammenkommen, so hinterlässt sie laut Drosten dennoch „große Unsicherheiten“. Das Kinder laut der Studie sich nur halb so oft infizieren würden, wie Erwachsene, könne daran liegen, dass infizierte Kinder „übersehen“ worden sind.

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Zunächst wurde in den beprobten Familien ein Erwachsener per Rachenabstrich beprobt, wenn dieser Symptome zeigte. Erst wenn das Ergebnis, mehrere Tage später positiv ausfiel, wurde auch der Rest der Familie getestet. Da das Coronavirus aber nur wenige Tage im Rachen nachweisbar sei, wären die Tests mancher Kinder dann negativ gewesen, vermutet Drosten.

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Fakten über den Virologen Christian Drosten:

  • Christian Drosten ist 47 Jahre alt. Er wuchs auf einem Bauernhof im Emsland auf. In Dortmund und Münster studierte er Chemietechnik und Biologie, später noch Humanmedizin in Frankfurt am Main
  • Später arbeitete er am Institut für Tropenmedizin am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg. Dort etablierte er ein Forschungsprogramm zur molekularen Diagnostik tropischer Viruskrankheiten
  • Von 2007 bis 2017 war er Leiter der Virologie in Bonn, seit 2017 arbeitet er an der Charité in Berlin
  • Drosten wurde bereits mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet

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In Stuhlproben sei das Coronavirus länger nachweisbar, wie auch eine Studie aus Südkorea zeige. Hätte man in Israel Stuhlproben genommen, „hätte das Ergebnis hier ganz anders ausgesehen“, sagte Drosten.

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Drosten empfiehlt den Blick nach Schweden

Drosten empfiehlt für die Antwort eher auf die neuesten Studien aus Schweden zu schauen. In Schweden blieben Schulen und Kitas während dem Ausbruch der Corona-Pandemie zu größten Teilen geöffnet. „Trotzdem wird dort erzählt, dass immer die Hälfte der Kinder gerade mit einer Art Schnupfenkrankheit krank war“, sagte Drosten. Zudem seien die wissenschaftliche Qualität der Studiendaten aus Schweden „ganz besonders gut“.

„Was da rauskommt, spricht Bände“, sagte Drosten. Die Forscher in Schweden kommen zu dem Schluss, dass 7,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 19 Jahren bereits mit dem Coronavirus infiziert waren. Bei den Erwachsenen bis 65 seien es hingegen nur 6,5 Prozent.

Für Drosten bedeuten diese Ergebnisse aber nicht, dass die Schulen in Deutschland weiter geschlossen bleiben sollten. „Wir müssen die Schulen öffnen – aber sehenden Auges.“ Die Öffnung müsse abgesichert werden, damit es nicht zu Riesenausbrüchen kommt, sagte Drosten. Dann müssten auch nicht ganze Schulen bei einem Ausbruch unter Quarantäne gestellt werden, sondern „nur hier und da mal eine einzelne Klasse.“

Darum gibt es den Podcast mit Drosten nur noch einmal die Woche

Seit dem 15. Juni erscheint der Podcast „Das Coronavirus-Update“ des NDR mit Christian Drosten nur noch einmal die Woche – nämlich immer dienstags. Das habe mehrere Gründe, erklärte Drosten in der vorletzten Ausgabe. „Ich habe relativ viel zu tun als Wissenschaftler, und ich plane nicht auf Dauer, eine Journalistenkarriere einzuschlagen“, sagte er. Er wolle auch weiterhin als Wissenschaftler arbeiten.

Aber auch das derzeitige Infektionsgeschehen ist ein Grund, den Podcast weniger häufig aufzunehmen. „Es ist ja aber auch so: Die vielen neuen Informationen muss man auch in Relation sehen zum Informationsbedürfnis. Das war sicherlich im März und April ganz anders als momentan“, so der Virologe.

Die Entwicklung zur Corona-Pandemie: