Frauengold-Kolumne

Männer dominieren die Corona-Krise – und Frauen handeln

106-Jährige überlebt Coronavirus-Erkrankung

Die 106-jährige Britin Connie Titchen hat eine Covid-19-Erkrankung überlebt - dafür bekam sie nach ihrer Genesung Applaus vom Krankenhauspersonal in Birmingham. Drei Wochen kämpfte sie nach der Infektion mit dem neuartigen Coronavirus um ihr Leben.

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Gewerkschaftsbosse denken ans Klientel, Forscher wie Drosten oder Streeck an ihr Ego. Und die Frauen? Machen, was getan werden muss.

Berlin. Zugegeben: Ich bin während der Pandemie-Osterferien in eine Art Lethargie verfallen, in der meine Gedanken um Rezepte, aufgeräumte Kleiderschränke und die abgefahrensten Netflix-Serien kreisten. Schließlich sind wir zu fünft in der Wohnung, vier Erwachsene, ein Teenager.

Nun haben mich Gewerkschaftsbosse aufgeweckt: DGB-Chef Reiner Hoffmann und Verdi-Chef Frank Werneke. Lautstarke Herren, die das Kurzarbeitergeld beiseite wischen. Viel zu wenig. Nicht existenzsichernd.

Ich falte gerade Baguette-Teig zwischen zwei Geh-Pausen, in denen die selbst gemachte Hefe zeigt, ob sie die Würfel aus dem Kühlregal ersetzen kann (den Tipp habe ich von einer Kassiererin). Da schreit es aus dem Radio: 80, 90, 95 Prozent müssten Kurzarbeiter bekommen, damit der Verdienstausfall nicht dazu führt, dass sie etwa ihre Miete nicht mehr zahlen können.

Adidas bekommt Corona-Milliardenhilfe

Ich verstehe das. Viele zahlen Horror-Mieten; da zählt jeder Cent. Und wer will schon riskieren, aus der Wohnung zu fliegen. Da fällt mir ein: Selbst Adidas witterte eine Spar-Gelegenheit, mit der das Unternehmen wohl mindestens im Sinn hatte, die Aktionäre zufrieden zu stellen – und kündigte an, während der Pandemie die Mietzahlungen für die Stores einzustellen.

Erst ein Shitstorm brachte die milliardenschwere Aktiengesellschaft zur Vernunft. Nun war der Adidas-Aufschrei für die Shareholders immerhin so erfolgreich, dass der Sportartikelhersteller jetzt Hilfen im zweistelligen Milliardenbereich bekommt.

Abgesehen von Adidas: Längst wurde den Menschen versprochen, wegen säumiger Mieten fliege derzeit niemand aus seiner Wohnung oder verliere sein Ladenlokal. Erste Umfragen zeigen: Bislang schlägt sich die Krise kaum auf die Mieteinnahmen nieder.

Corona-Geld – der große Schluck aus der Pulle für alle?

Sind Mieten beim Thema Kurzarbeitergeld dann das richtige Argument? Wird da nicht bereits vorgesorgt? Zumal eine Menge Arbeitgeber bereits von sich aus für ihre Kurzarbeiter aufstocken. Darf ich da vorsichtig fragen, ob vielleicht Leistungen über Leistungen in einen Topf geworfen werden, bis er so voll ist, dass er einmal über uns alle in Europa ausgekippt werden kann?

Um nicht missverstanden zu werden: Jede Leistung, die dazu führt, dass die Menschen nach der Krise ihren alten Lebensstandard wieder aufnehmen können, ist eine gute Leistung. Wer will schon wegen so einem blöden neuen Virus hinter selbstverständlichen Errungenschaften zurückbleiben. Insofern brauchen eine ganze Menge Leute einen großen Schluck aus der Pulle.

Arm aber systemrelevant – ein Etikett für viele Frauen

Komisch nur, dass die Gewerkschaftsherren eine Gruppe vergessen: Das sind die systemrelevanten Beschäftigten, die nicht nur ein paar Wochen zu wenig verdienen, sondern generell nicht in der Lage sind, eine ordentliche Wohnung für sich und ihre Familie in einer zentralen, guten Lage zu finanzieren.

Ganz zufällig arbeiten in diesen Branchen vor allem Frauen. Ohne das Einkommen des (meist männlichen) Ehepartners läuft da nichts; Kassiererinnen bleibt oft nur Mindestlohn, und das Gehalt von Altenpflegerinnen und Krankenschwestern (ich meine natürlich auch immer die Männer in diesen Berufen) spiegelt bei weitem nicht ihre Qualifikation wider.

Wir loben durchaus – doch wenn wir das Klopapier haben und der Opa versorgt ist, dann zucken wir mit den Schultern.

Wenn die Pflege der Eltern zur Teilzeitstelle zwingt

Systemrelevant – ja und? Waren die Leistungen von Frauen (und ein paar Männern), die sich kümmern, damit die Gesellschaft funktioniert, ja immer. Mit entsprechender Bezahlung hat das wenig, bisweilen gar nichts zu tun. Vieles ist schließlich systemrelevant, ohne überhaupt Niederschlag auf Lohnzetteln zu finden.

Etwa die Pflege der Eltern, die zu einer Teilzeitstelle zwingt. Die Betreuung der Großfamilie, die kein Kita-Platz der Welt ersetzen kann (führt mindestens zur Teilzeitstelle, meist ganz zum Jobverzicht). Lesen Sie auch: Verlängerte Corona-Maßnahmen – Wer hilft jetzt den Eltern?

Also, liebe Gewerkschaftsherren, mehr Kurzarbeitergeld finde ich prima. Aber wo bleibt euer Ruf nach einer ordentlichen Bezahlung der systemrelevanten (Frauen-)Jobs? Warum regt es euch nicht auf, dass jemand, der einen Ölwechsel beherrscht, schnell mehr verdienen kann, als jemand, der dafür sorgt, dass alte Leute nach einem Krankenhausaufenthalt wieder auf die Beine kommen?

Wie Drosten, Streeck und Co. die Politik vor sich her treiben

Und, da ich gerade dabei bin, mich aufzuregen, kommen wir zu den Wissenschaftlern, die derzeit Politik und Medien vor sich hertreiben und sich dann wundern, wenn ihre Tweets, ihre Podcasts, ihre Interviews, in denen sie ihre Erkenntnisse erklären, zerrissen werden? Beispiel Mundschutz. Nützt nichts, hieß es in den Wochen, als all die kleinen Läden schlossen, als Friseure in den Ruin getrieben wurden.

Und nun – schützt er doch, weil es nicht mehr um den einzelnen geht, der sich schützen will, sondern um die Masse, die geschützt wird. Wir lernen: Die Mär von der unnützen Maske wurde verbreitet, weil es zu wenige Masken gab – und zwar auch von Wissenschaftlern. Haben sie sich damit zu den Handlangern der Politik gemacht?

Da ist ein Professor Drosten (FAZ: „Drosten ist der Schönste“), der sich prima in seiner Rolle als Regierungsberater gefällt. Da ist ein Professor Streeck, auf den hört der NRW-Ministerpräsident. Da ist Viruloge Kekulé, der mit seinem Unkenrufen die Talkshows aufmischt.

Die Herren der Wissenschaft – vereint in Neid und Missgunst

Das ist die Leopoldina, diese nationale Akademie der Wissenschaften, und schließlich das Robert-Koch-Institut und die Weltgesundheitsorganisation WHO. Würden wir die Herren der Wissenschaft mit Krähen vergleichen, so würden sie sich gegenseitig die Augen aushacken.

(Kleiner Exkurs Nr. 2: Wieso sprenkeln nur vereinzelt Frauen den Corona-Wissenschafts-Betrieb? Die Arbeitsgruppe der Leopoldina etwa hat nur zwei Frauen, dafür lassen sich drei Professoren mit dem Namen Jürgen und drei mit dem Namen Thomas in der Liste finden).

Wann kommt endlich die Maskenpflicht?

Warum diese Eifersucht? Warum diese Missgunst, diese Aura der Allwissenheit, die den anderen unterstellt, nicht seriös zu sein? Warum versteht ihr euch nicht als Team mit all euren Forschungen, Ansätzen, Erkenntnissen, sondern reiht euch ein in das Gezeter der Staaten und Bundesländer, das bestenfalls dazu geeignet ist, ein eigenes Süppchen zu kochen?

Meine Logik sagt: Ewig kann der Shutdown nicht weitergehen, und ein Impfstoff oder ein Medikament für die Massen ist nicht in Sicht. Wo bleibt endlich die Maskenpflicht als schnelle, unkomplizierte Lösung – in Geschäften, Schulen, S-Bahnen, beim Frisör? Warum nicht erst die kleinen Kinder wieder in die Schule lassen, damit die Eltern vernünftig arbeiten können (die „systemrelevanten“ Eltern müssen es ja längst)?

Meistern Frauen, die regieren, die Krise besser?

Wo bleibt die versprochene Corona-App , die unseren Radius erweitern kann? Und warum bloß schauen wir nicht auf Neuseeland, Taiwan, Finnland, Island, Dänemark – und Deutschland? Allesamt Länder, die von Frauen regiert werden – und denen international Anerkennung für ihren Kampf gegen Covid-19 zuteil wird. Vorbild für die USA ist übrigens San Francisco (hat eine Bürgermeisterin). Und die Gouverneurin von Michigan ärgert den US-Präsidenten mit ihrem rigorosen Durchgreifen.

Meine Güte. Ich sollte aufhören, dieses Zeug zusammenzuschreiben, mich abregen. Ich schau mal nach meinem Hefeteig. Der geht einfach nicht auf.

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