Retrospektive

Bärte, Selfies und starke Frauen: Das waren die Zehnerjahre

Ein Vollbart wie ein Holzfäller, aber seine Wildnis ist die Großstadt: ein Hipster in Edel-Variante.

Ein Vollbart wie ein Holzfäller, aber seine Wildnis ist die Großstadt: ein Hipster in Edel-Variante.

Foto: imago stock&people / imago

Hipster, Selfies, royale Märchenhochzeiten und starke Frauen – ein Rückblick auf Mode, Musik und die Marotten der ablaufenden Dekade.

Berlin. Was werden Menschen im Jahr 2040 auf einer Zehnerjahre-Re­tro-Party tragen? Wahrscheinlich ist es der Hipster, der das Jahrzehnt modisch ähnlich prägte wie der Hippie die 1960er-Jahre. Gut möglich also, dass die Gäste sich Streberbrillen und Riesenkopfhörer aufsetzen, Holzfällerhemden anziehen, Jutetaschen tragen und sich in Röhrenjeans quetschen, die über dem Knöchel aufhören.

Pflicht für Männer: ein Vollbart, vielleicht sogar ein Dutt. Doch trotz dieser eindeutigen äußeren Merkmale gibt es im Jahr 2019 niemanden, der von sich sagt: „Ich bin ein Hipster“. Der Begriff ist eine spöttische, manchmal ablehnende Zuschreibung von außen – damit teilt der Hipster das Schicksal des Yuppies aus den 1980ern.

Die 2010er Jahre: Angegammelte Viertel werden zur Szenevierteln

Wie der Yuppie gilt auch der Hipster als besessen von Konsum und dem Drang, sich von anderen zu unterscheiden – was dann wieder zur Gleichmacherei führt. Für die Gentrifizierung wird er ebenfalls verantwortlich gemacht:

In ehemals angegammelte Viertel wie Williamsburg in New York oder Berlin-Neukölln zogen in den vergangenen zehn Jahren auf einmal Edel-Burger-Läden, Galerien, Craft-Bier-Pubs, Gin-Tonic-Bars, Yogastudios, Bioläden, Coffeeshops mit komplexer Auswahl und sogenannte Co-Working-Spaces, die den digitalen Nomaden als Büro-Ersatz dienen. Die Viertel putzten sich heraus, doch die steigenden Mieten vertrieben Alteingesessene.

Anfangs waren es dann auch die Hipster, die nervös wurden, wenn es mal kein Wlan gab. Doch die Abhängigkeit vom Smartphone erreichte sämtliche Bevölkerungsschichten. 95 Prozent der 14- bis 49-Jährigen besitzen inzwischen eines, 2010 waren es noch acht Prozent. Es wurde zur Erweiterung unseres Körpers, einer Art Super-Sinnesorgan.

Das Selfie erobert die (digitale) Welt

Weil es uns vom Kartenlesen bis zum Gang ins Reisebüro alles abnahm, versprach es, uns Zeit zu schenken. Nun ist klar: Es frisst unsere Zeit. Die digitale Revolution hat zudem das Zwischenmenschliche umgekrempelt: Längst sitzen Menschen schweigend bei Soja-Latte-Kaffee oder Smoothies in Cafés und schicken sich Emojis über Whats­App.

Mit dem Smartphone kam auch das Selfie. Den Moment mit der Handy-Kamera zu verewigen, wurde wichtiger als der Moment selbst. Touristen drehten Sehenswürdigkeiten nun den Rücken zu, weil sie die richtige Position des Selfiesticks austüftelten. Auf Instagram schufen Menschen sich strahlende virtuelle Identitäten. Ältere kamen bei so viel Selbstdarstellung nicht mehr mit. „Die Menschen werden zu Sklaven ihrer Bilder“, stöhnte Altstar Madonna.

Royale Märchenhochzeit von Harry und Meghan

Es entstanden Jobs, die kein Berufsberater in der Schule je parat hatte: Influencer oder Modeblogger. Als Royal Family der sozialen Medien behauptete sich der Clan von Kim Kardashian. Die Kalifornierin veränderte auch gleich das Schönheitsideal: Nach den dürren Models der Nullerjahre galten nun Kurven wieder als das Maß der Dinge.

Aber auch die echte Royal Family hielt die Massen bei Laune. 2011 heiratete Prinz William seine frühere Kommilitonin Kate Middleton, 2018 sein Bruder Harry die US-Schauspielerin Meghan Markle.

Beide Feiern boten mit Prunk, Tradition und Gefühl ein Spektakel, das sogar ewige Quälgeister wie Monarchiegegner und britische Boulevardpresse verstummen ließ – wenigstens für kurze Zeit.

Eine 15-Jährige wird zur Ikone der Klimaaktivisten

Doch keine Prinzessin ist die Frau des Jahrzehnts, sondern ein meist mürrisch dreinblickender Teenager: Klimaaktivistin Greta Thunberg schaffte es, dass man sich plötzlich für Billigflug, Kreuzfahrt, Steak oder SUV schämte. Es war also nicht alles oberflächlich im vergangenen Jahrzehnt: Vielfalt war ein viel beschworenes Stichwort in Medien, Mode und Musik: Mit Conchita Wurst etwa gewann 2014 ein bärtiger Mann in einem Kleid den Eurovision Song Contest.

Helene Fischer machte den Schlager zur Leistungsshow

Die nachhaltigste Veränderung im Miteinander aber brachte wohl die #MeToo-Bewegung. Seit den Vorwürfen gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein kämpfen Millionen Frauen weltweit dafür, dass niemand mehr mit Vergewaltigung, Missbrauch oder Belästigung davonkommt.

In einem Berufszweig haben Frauen den Kampf bereits gewonnen: Der Pop gehörte Sängerinnen wie Lady Gaga, Beyoncé, Rihanna, Taylor Swift, Katy Perry oder Pink. Die schafften es, Wut und Verletzlichkeit, Sex-Appeal und Selbstbestimmung, Disziplin und Spaß zu vereinen.

Ed Sheeran, der Anti-Popstar der 2010er Jahre

Ariana Grande bewies Haltung, nachdem ein Terrorist 2017 ihr Konzert in Manchester in ein Blutbad verwandelte, und Helene Fischer machte mit Bühnenakrobatik den Schlager zur Leistungsshow.

Bezeichnenderweise war der erfolgreichste männliche Sänger des Jahrzehnts einer, der wirklich nicht aussieht wie ein Popstar. Ed Sheeran ist einfach „nice“ und singt Lieder über seine Ex, die mit einem muskulösen Typen davonläuft. Ein Mann wie geschaffen für einen Silvesterabend vor Netflix auf der Couch.