TV-Moderator

Hirschhausen: Beim Fleischkauf soll es an Kasse Gülle geben

Arzt, TV-Entertainer und Kabarettist: Eckhart von Hirschhausen hat viele Seiten. Jetzt setzt er sich fürs Klima ein.

Arzt, TV-Entertainer und Kabarettist: Eckhart von Hirschhausen hat viele Seiten. Jetzt setzt er sich fürs Klima ein.

Foto: Ingo Wagner / dpa

Eckhart von Hirschhausen hat sein Herz fürs Klima entdeckt. Er möchte, dass Fleischkäufer an der Kasse einen Eimer Gülle erhalten.

Berlin. Eckart von Hirschhausen (52) ist Arzt und Moderator großer Fernsehshows wie Quiz des Menschen. Das Multi-Talent hat medizinisches Kabarett gemacht, die Stiftung „Humor hilft heilen“ ins Leben gerufen. Er hat Klinikclowns als Therapeuten entdeckt und das Geheimnis der Hundertjährigen ergründet. Die Medizin ist sein großes Anliegen.

Aber jetzt hat er auch sein Herz fürs Klima entdeckt. Und hätte da auch eine Idee für weniger Fleischkonsum. Sein Vorschlag: Wie wäre es, wenn man ein Kilo Fleisch im Supermarkt kauft und an der Kasse dazu dann automatisch einen 20 Liter Eimer Gülle mit ausgehändigt bekommt. Ein Gespräch über Humor, Greta, Flugscham und Fleischverzicht.

Herr Doktor, Sie überraschen mit vielen Seiten. Arzt, Humorist, jetzt machen Sie sich für das Klima stark – wie kommt das?

Entscheidend für mich war meine Begegnung mit Jane Goodall. Ich traf sie vor fast zwei Jahren für ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis, und diese Dame von über 80 Jahren ist eine der charismatischsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein für die Menschenaffen.

Heute ist sie die weltweit bekannteste Umweltaktivistin. Sie stellte mir eine ganz einfache Frage: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause? Diese Frage hat mich schlucken lassen und mir aufs Eindringlichstes gezeigt, dass wir handeln müssen.

Mögen Sie Greta Thunberg?

Ich habe großen Respekt vor Greta und generell einer Generation von Jugendlichen, die sich erwachsener verhalten, als wir Erwachsenen. Deshalb habe ich zusammen mit über 28.000 weiteren Wissenschaftlern als „Scientists for Future“ eine Stellungnahme unterzeichnet: die Jugendlichen haben recht, wir sind in einer Klimakrise und müssen dringend handeln. Wir sind die erste Generation, die mitbekommt, wie viele Dinge sich gerade unschön ändern – und die vielleicht letzte, die etwas daran ändern kann, bevor globale Kipppunkte erreicht werden und wir mit keinem Geld der Welt, keiner „Innovation“ und keiner Hochleistungsmedizin mehr helfen können.

Wie stehen Sie zu der umstrittenen Bewegung „Extinction Rebellion“?

An der Gruppierung scheiden sich die Geister. Das liegt auch an den provokanten Ansagen des Gründers.

Als Fan der Demokratie ist mein größter Wunsch, die Mitte der Gesellschaft zu erreichen und Mehrheiten zu schaffen, damit wir endlich enkeltauglich leben. Ich verstehe den Frust von vielen, die jetzt zum Teil Jahrzehnte schon mit ihrem Wissen nicht durchdringen und immer radikaler werden. Ich halte es dennoch für den falschen Weg. Faktisch wissen wir aber seit Mitte der 70er Jahre, dass wir mit der Verbrennung von fossilen Brennstoffen unsere eigene Lebensgrundlage gefährden, uns selbst in den Schwitzkasten nehmen. Und jetzt bleiben nur wenige Jahre, die Erde überhaupt bewohnbar zu halten. Wir müssen nicht „das Klima“ retten – sondern uns!

Was ist Ihre Meinung zum Klimapaket der Bundesregierung? Guter Kompromiss oder zu lasch?

Am 20. September habe ich beim globalen Klimastreik vor dem Brandenburger Tor zu 270.000 Menschen sprechen dürfen, warum die Klimakrise ein medizinischer Notfall ist. Als Arzt habe ich gelernt, dass der Mensch maximal 41 Grad Körpertemperatur aushalten kann. Wir hatten dieses Jahr bereits 42 Grad in Deutschland.

Es starben Tausende Menschen durch die Hitzewellen, wir bekommen Malaria, West-Nil-Fieber und andere Tropenkrankheiten zurück, und der ganze Wahnsinn der fossilen Brennstoffe von Braunkohle bis Diesel kostet enorm viele Lebensjahre durch den Dreck, den wir einatmen. Die eigene Gesundheit ist den Menschen viel näher als der Eisbär. Und Ärzten und Pflegekräften wird mehr geglaubt als Politikern. Deshalb spielt „healthforfuture“ eine zentrale Rolle, um viele Menschen aufzuwecken.

Und deshalb bin ich stolz, dass wir zusammen mit der Allianz Klimawandel und Gesundheit vor der Charité demonstriert haben, ich für das Auswärtige Amt über „One Health“ sprechen durfte, auf dem World Health Summit eine Pressekonferenz viele erreicht hat und dass die Ärzteverbände vom Weltärztebund, dem Lancet Climate Count Down bis zum Deutschen Ärztetag jetzt Klimakrise und Gesundheit voran bringen. „Planetary Health“ ist dabei zentral. Wenn wir mehr Pflanzen als Tiere essen und mehr Radfahren als gestresst im Stau zu stehen, tut das dem Planeten und vor allem unserer eigenen Gesundheit gut - warum war der Gesundheitsminister eigentlich nicht Teil des Klimakabinetts?

Sind Sie an weiteren Projekten beteiligt?

Zusammen mit „Brot für die Welt“ und der Initiative „Entwicklung wirkt!“ haben wir uns ein Projekt in Kenia ausgesucht, wo es um das elementarste Lebensmittel überhaupt geht: Wasser. Hier wird aus Regenwasser sicheres Trinkwasser gewonnen und damit die wichtigste Grundlage von Gesundheit gelegt. Das zeigt auch das Entwicklungsarbeit einen wichtigen Beitrag leistet, um mit den Folgen der Klimakrise umzugehen. Denn vor jeder Tablette und jeder Operation kommen sauberes Wasser, etwas zu essen und erträgliche Außentemperaturen. Wir können als Ärzte Fieber senken und Blutdruck, aber was, wenn Mutter Erde Fieber hat? Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten.

Welche Konsequenzen haben Sie selbst aus der Klimakrise gezogen. Haben Sie Flugscham?

Die großen persönlichen Hebel sind weniger fliegen, weniger Fleisch und mehr politisches und öffentliches Engagement von allen. Ich habe eine Bahncard 100, Ökostrom und investiere in Solaranlagen auf dem Dach und Aufforstungsprojekte weltweit.

Aber das reicht nicht. Ich habe in meinem Bühnenprogramm „Endlich!“ einen witzigen und zugleich ernsten Teil über die ganzen Widersprüche, in denen wir alle stecken. Wenn ich aus Termingründen fliegen muss, zahle ich für einen CO2-Ausgleich und bin auch Botschafter von atmosfair. Aber es ist grundfalsch die Lösung der Probleme nur durch Einsicht und Verzicht erreichen zu wollen.

Ich kann nicht „eigenverantwortlich“ dafür sorgen, dass endlich Bahnfahren in Deutschland so gut funktioniert wie in Frankreich, Japan oder der Schweiz, dass der öffentliche Nahverkehr fluppt und am besten umsonst ist, dass es ein Tempolimit und einen wirksamen Co2 Preis. Dafür braucht es politische Mehrheiten und keine Ökomoral, sondern wissenschaftsbasierte wirksame Gesetze.

Wie sieht es aus – würden Sie sich ein E-Auto kaufen?

Erstmal kaufe ich mir ein E-Lastenrad – weil das in der Stadt ein Auto ersetzen kann. Und echt den Radius und den Horizont erweitert.

Hand aufs Herz: Essen Sie noch Fleisch?

Ich esse in der Tat weniger Fleisch als früher, wir haben uns irgendwie auseinandergelebt. Ich denke, das würden viele Menschen auch, wenn sie wissen, was sie damit anrichten, aber es bleibt so herrlich abstrakt, dass für eine Kalorie aus Fleisch, 20 Kalorien erstmal verfüttert werden müssen und die lösen sich ja nicht in Luft auf sondern in Klimagasen – als Rülpse, Pupse und Fäkalien – um mal deutlich zu werden. Wie wäre es, wenn man ein Kilo Fleisch im Supermarkt kauft und an der Kasse dazu dann automatisch einen 20 Liter Eimer Gülle mit ausgehändigt bekommt.

„So Herr vom Hirschhausen, das gibt es ab heute nur noch im Doppelpack, das haben sie mit eingekauft, brauchen Sie einen Deckel oder geht das so mit? Viel Spaß beim Grillen!“ Ok, etwas utopisch. Aber ein Schritt wäre ja schon, die Deklaration des ökologischen Rucksacks bei jedem Lebensmittel und Konsumprodukt. Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen sich beim Lebensmittelkauf anders entscheiden, wenn sie wissen, wie viel CO2 dort drinsteckt. Wenn ich eine Fleischsuppe statt einer Gemüsesuppe kaufen will, die aber eine zehn Mal schlechtere CO2 Bilanz hat, überlege ich mir nochmal, ob sie wirklich zehnmal so gut schmeckt.

Sie haben sich stark gemacht für die älteren Generation. Haben mit Hundertjährigen über deren Leben gesprochen. Haben Sie den Eindruck, dass die Gefährdung unseres Planeten - also die Zukunft - auch bei diesen hochbetagten Menschen noch eine Rolle spielt?

Sogar sehr. Natürlich nicht so unmittelbar wie die jüngere Generation, aber diese Menschen haben Kinder und Enkel um deren Zukunft sie sich mehr sorgen als um ihre eigene.

Gibt es etwas, was sie von den alten Menschen gelernt haben, was Ihnen vorher völlig fremd gewesen ist?

Dass Nachhaltigkeit keine Erfindung oder Bewegung der Neuzeit ist, sondern dass viele ältere Menschen völlig selbstverständlich und oft auch unbewusst nachhaltig leben. Mein Vater zum Beispiel ist der nachhaltigste in unserer Familie. Er ist noch nie in seinem Leben geflogen, weil es ihn nicht wegzieht und während sich gerade Turnschuhhersteller loben, dass sie jetzt Plastik recyceln, hat er immer noch sein eines Paar „Adidas Rekord“, die plötzlich wieder voll angesagt sind.

Was ist Alter für Sie? Freude über mehr Gelassenheit, vielleicht sogar über so etwas wie ein bisschen Weisheit – oder macht man immer noch dieselben Fehler?

Für mich ist Alter ein großes Glück und eine große Freiheit. Ich habe mehr erreicht, als ich je zu träumen gewagt habe. Jetzt ist mein Ziel, mein Wissen, meine Ideen und Leidenschaften weiterzugeben und die Freiheiten, die ich mir geschaffen habe, bewusster zu genießen. Warum soll ich versuchen zu werden, wie andere. Andere gibt es doch schon genug.