Nachbau

Klein-Hannover in China: Die Kopie kommt schlecht an

Besucher in Changde, dem falschen Hannover.

Besucher in Changde, dem falschen Hannover.

Foto: dpa Picture-Alliance / Chen Zide / picture alliance / dpa

Bei deutschem Bier eröffnete in China einst die Kopie der niedersächsischen Hauptstadt Hannover. Heute fällt die Bilanz nüchtern aus.

Changde/Peking. Ganz klar, die Chinesen lieben Deutschland. 2,9 Millionen besuchten 2018 Schloss Neuschwanstein, Rothenburg ob der Tauber, den Loreley-Felsen oder die Marktkirche in Hannover. Moment, Hannover?

Zugegeben, die niedersächsische Landeshauptstadt ist bisher nicht das Reiseziel Nummer eins der Touristen aus Übersee. Umso überraschender: In der subtropischen, regelmäßig vom Monsun geplagten Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt Changde steht eine Hannover-Kopie.

Genauer handelt es sich um eine 900 Meter lange Einkaufsmeile, die mit ihren Backsteinfassaden, den Dachgauben und den Giebeln der Altstadt Hannovers nachempfunden ist.

Chinesisches Hannover: Beliebte Kulisse für Hochzeitsfotos

Vor drei Jahren reiste der damalige Oberbürgermeister Stefan Schostok mit einer 40-köpfigen Delegation nach Changde, um bei Bratwurst und dem Bier-Korn-Mix Lüttje Lage die Hannoversche Straße zu eröffnen. Rund 370 Millionen Euro hat die chinesische Lokalregierung investiert.

Dabei standen laut offizieller Begründung nicht wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, sondern tiefe Dankbarkeit: Ingenieure des Verbundes Wasser Hannover hatten das marode Entwässerungssystem Changdes modernisiert und damit der Stadt neuen Aufwind gegeben.

Doch natürlich hofften die Chinesen auch, Anreize für die großen Unternehmen aus Niedersachsen zu bieten. Changde sollte für Hannoveraner Mittelständler das Eingangstor bilden für den riesigen chinesischen Markt mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern.

Drei Jahre später ist von den einstigen Hoffnungen nicht mehr viel übrig geblieben. Viele Geschäfte stehen leer, das vom Hannoveraner Torsten Block eröffnete Restaurant Deutsch ist längst geschlossen und die Strategie, ausschließlich deutsche Unternehmen in die Hannover-Straße zu locken, endgültig gescheitert.

Das vielleicht nachhaltigste Unternehmen ist die Hannoversche Kaffeerösterei, die sich mit einem kleinen Café gerade so selbst trägt. Seinen eigentlichen Umsatz macht Chef Andreas Berndt jedoch durch Verkäufe an Hotelketten in den Küstenstädten. „Es gibt bei den Verantwortlichen hier niemanden mehr, der Herzblut für das Projekt hat“, sagt er.

Hannover made in China

Chinesische Fernsehbilder zeigen an einem smogverhangenen Tag eine mäßig besuchte Fußgängerzone, in der Bauarbeiter auf Bänken ihren Mittagsschlaf halten. „Es ist wunderschön hier“, sagt eine junge Chinesin vor der Boutique Nibelungenschatz, während ihr Mann ins Handy tippt. Ein Promoter reicht Würzfleisch-Häppchen, die mit deutschen Fähnchen dekoriert wurden. „Köstlich“, sagt eine Chinesin und beißt pflichtschuldig ein winziges Stück ab. Ihr Gesichtsausdruck entspricht dieser Aussage weniger.

So soll die Strategie für die Einkaufsmeile jetzt geändert werden: Man plant, verstärkt chinesische Geschäftstreibende ins Boot zu holen und chinesische Produkte anzubieten. Ein Chinese will auch das Brauhaus wiedereröffnen.

Die Lokalregierung äußert sich dennoch zufrieden. Die Hannoversche Straße sei weiterhin ein beliebtes Fotomotiv für Hochzeitspaare und Reisegruppen, die sich den 20-Stunden-Flug nach Deutschland sparen.

Der eigentliche Gewinner bei dem Projekt: Hannover, also das Original an der Leine. Die Stadtverwaltung äußert sich begeistert: „Die Hannover-Straße hat durch die Berichterstattung in China dazu beigetragen, dass Hannover in China bekannter wurde“, heißt es. Mit konkreten Auswirkungen: In den letzten sechs Jahren haben sich die Übernachtungen chinesischer Touristen in Hannover nahezu verdoppelt – von 12.901 im Jahr 2013 auf 20.999 im Vorjahr.

Kleine und mittlere Ingenieurbüros aus Hannover haben durch das Projekt mehrere Millionen Euro umgesetzt und Folgeprojekte in anderen Städten bekommen. Zudem gebe es regelmäßige Schüleraustausche und Drachenbootrennen zwischen den befreundeten Städten.